Die Pioniere des Christentums
Wenn wir auf die Geschichte verschiedener sozialer Errungenschaften und Einrichtungen zurückschauen, entdecken wir, dass bei vielem ein christlich diakonisches Anliegen am Anfang stand. Getrieben von der Liebe Gottes reagierten christliche Pioniere auf die Nöte der Gesellschaft. So entstanden Krankenhäuser, Waisenhäuser aber auch Schulen – gar Universitäten und Forschungseinrichtungen.
Heute sind viele dieser Werke und Initiativen in staatlicher Hand – oder zumindest im staatlichen Verantwortungsbereich. Da und dort erinnern Namen wie «Bethesda» oder «Eben ezer» noch an die christlichen Ursprünge. Aber vielfach laufen die Betriebe nach staatlichen Vorgaben und den entsprechenden ethischen Grundsätzen. Ich habe den Eindruck, im Zuge dessen ist uns Christen nach und nach die Innovationskraft abhandengekommen. Diakonisch-missionarische Projekte siedeln wir vornehmlich im Ausland der zweiten und dritten Welt an. In unserem nahen geografischen Umfeld fanden wir wenig Felder für neue diakonische Ideen.
Trendwende zeichnet sich ab
Bereits am nahen Horizont zeichnet sich aber eine Trendwende ab; dann nämlich, wenn die geburtenstarken Jahrgänge unserer Gesellschaft pflegebedürftig werden. Das dürfte so in 15 bis 20 Jahren der Fall sein. Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (OBSAN) schreibt in ihrer Bedarfsprognose bezüglich Alters- und Langzeitpflege in der Schweiz folgendes (Pahud u. a. 2025:5):
«Der Gesamtbedarf an Langzeitpflege wird bis ins Jahr 2040 um +43 % steigen. Somit müssen in den nächsten 15 Jahren ungefähr 140 000 zusätzliche Personen im Alter 65+ stationär, intermediär und ambulant pflegerisch versorgt werden.»
«Es ist mit Zunahmen um den Faktor von 1,6 (Spitex-Pflege) bis hin zu einem Faktor 1,8 (Langzeitbetten im Pflegeheim) zu rechnen.»
«Neu wird auch klar, dass dieses Wachstum mindestens bis ins Jahr 2070 anhält – die Kinder der Babyboomer und die hohen Migrationsflüsse bilden eine Art zweite Babyboomer-Welle.»
Es stellen sich damit die Fragen:
«Wie kann dem anhaltend hohen Bedarf an Langzeitpflege in der Schweiz und den Kantonen angemessen begegnet werden?» (Pahud u. a. 2025:8)
«Neben der Frage nach zusätzlich benötigten Kapazitäten in Form von Pflegebetten stellt sich auch jene nach dem Personal, das diese Strukturen betreiben muss.» (Pahud u. a. 2025:89)
Wenn heute schon von einem «Pflegenotstand» gesprochen wird, um wieviel mehr wird das im Zeitraum der zitierten Prognosen der Fall sein? Die staatlichen Stellen sind sich der grossen Herausforderungen mehr oder weniger bewusst. Mit verschiedenen Massnahmen, unter anderem der Stärkung der Angehörigenpflege, versuchen sie den Zeitpunkt eines dauerhaften Aufenthalts im Pflegeheim möglichst weit nach hinten zu verschieben.
An der EXPOsenio in Baden, einer Messe für das Leben im Alter, wurden in diesem Frühling Pflegeroboter vorgestellt. Ein anderer Ansatz, der angestrebt und teils schon gelebt wird, ist, dass man bei zunehmendem Pflegebedarf auswandert, das benachbarte Deutschland ist dabei noch die humane Variante. Sehr populär ist, den Lebensabend in Thailand oder Osteuropa zusammen mit einer dort einheimischen Betreuungsperson zu verbringen.
Mein persönliches Fazit: Der Staat wird mit dem in den nächsten Jahren stark ansteigenden Pflegebedarf mehr und mehr überfordert sein. Es wird schon in naher Zukunft an Pflegeplätzen, Pflegepersonal und den dafür notwendigen Finanzen fehlen. Was dann wieder gefragt ist, ist: Zivilcourage – oder eben ein diakonischer Ansatz, um diesen Herausforderungen beizukommen.
Prophetisches Handeln ist gefragt
Mit dem Ansatz, das Leben zu teilen, wie er in der Apostelgeschichte angetönt ist, hätten wir Christen eine mögliche Antwort:

Die Gläubigen lebten wie in einer grossen Familie. Was sie besassen, gehörte ihnen gemeinsam. Wenn es an irgendetwas fehlte, war jeder gerne bereit, ein Grundstück oder anderen Besitz zu verkaufen und mit dem Geld den Notleidenden in der Gemeinde zu helfen.
Apostelgeschichte
Kapitel 2, Verse 44 und 45 (HFA)
Ich glaube, wir müssen schon bald eine Form von kommunitärem Zusammenleben finden oder entwickeln, die es Menschen bis ins hohe Alter, inklusive Pflegebedarf, ermöglicht, Teil davon zu sein. Natürlich muss diese auf unsere Kultur angepasst sein, sonst überfordert sie uns. Das kann ein Mehrgenerationen-Haus sein, das Menschen mit besonderen Ansprüchen mitträgt. Die Eltern eines guten Freundes von mir, leben in einer Alters-WG und helfen sich so gegenseitig. Lasst uns hier kreativ werden.
Um in 15 bis 20 Jahren bereit zu sein, müssen wir die Weichen heute stellen – deshalb «prophetisches Handeln». Wir müssen heute, da wir noch selbständig sind, Energie haben und flexibel genug sind, um uns auf neue Lebensumstände einzulassen, in eine neue Wohnform einziehen, um dann, wenn wir die Unterstützung brauchen, sie natürlicherweise auch kriegen. Nur ist das gar nicht so einfach.
Ich habe bereits zwei solche Projekte angerissen. Sie sind daran gescheitert, dass die interessierten Menschen ihr schönes Einfamilienhaus nicht gegen eine Wohnung im Mehrgenerationenhaus eintauschen wollten. Vielleicht ging es auch darum, die individuelle Freiheit zugunsten einer verbindlicheren Form des Zusammenlebens aufgeben zu müssen. Der zukünftige Nutzen (oder vielleicht auch die zu erwartende zukünftige Not) wurde also noch nicht stark genug wahrgenommen, dass man bereit gewesen wäre, den erforderlichen Preis in der Gegenwart zu zahlen. Es braucht also – ich kann es nicht anders sagen – prophetisches Handeln.
Ich bin überzeugt, solche Wohnformen könnten für die ganze Gesellschaft Modellcharakter kriegen, und wir würden so wieder mehr zu den Pionieren der Diakonie, die wir einmal waren.
Quelle des zitierten Berichts: Pahud, Olivier u. a. 2025. Bedarf an Alters- und Langzeitpflege in der Schweiz. Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Obsan).



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