So lautet das allererste Gebot der Bibel in der Schöpfungsgeschichte im ersten Buch Mose:

«Seid fruchtbar und mehrt euch.»
1. Mose 1,28
ZB
Dieses Gebot wird bis heute bei Trauungen zitiert. Für ungewollt kinderlose Paare unter den Hochzeitsgästen ist es ein Stich ins Herz:
«Lieber Gott, wir würden ja gerne ‹fruchtbar› sein, aber unsere Ärzte sehen genau hier das Problem…»
Die Sachlage ist klar
Manche Bibelstellen würde man gerne relativieren, aber der Auftrag hier ist eindeutig: Die Menschen sollen die Erde bevölkern. Es geht um Fortpflanzung. Diese Bibelstelle lässt sich in seinem ursprünglichen Sinn nicht «vergeistlichen». Auch deshalb schmerzt die Erfahrung der Unfruchtbarkeit.
Allerdings soll gerade für ungewollt kinderlose Paare und Singles (!) betont werden, dass diesem Gebot zwei wichtige Aussagen vorausgehen (1. Mose 1,26-28). Erstens sind alle Menschen als Ebenbild Gottes geschaffen, also ausgestattet mit einer fundamentalen Würde. Zweitens heisst es, dass Gott die Menschen segnete, bevor er ihnen das erste Gebot gab. Zuerst die Würde und der Segen, dann die Bürde.
Unfruchtbarkeit schmerzt
Der Stachel im Fleisch aber bleibt. «Ich bin unfruchtbar» sagt sich nicht so leicht. Es ist ein schmerzvolles Tabuthema. Warum lässt Gott das zu? Die Frage der Fragen («Theodizee-Frage») kann auch in der Kinderwunsch-Phase zu einer Glaubenskrise führen. Und wenn man sich dann outet, können gutgemeinte, aber unreflektierte Ratschläge von Glaubensgeschwistern zusätzlich schmerzen: «Bete fest und vertraue, denn Gott tut Wunder.» Jaja, das kannst du leicht sagen als Vater von vier Kindern …
Fruchtbar sein ist mehr
Allerdings definiert nicht nur 1. Mose 1,28, was Fruchtbarkeit bedeutet. Das Thema «Fruchtbarkeit» wird im weiteren Verlauf der Bibel nämlich vor allem auf eine geistliche Ebene gehoben. Jesus sagt in Johannes 15,5, dass er der Weinstock sei und wir die Reben.
Wenn wir in ihm und seinem Wort verwurzelt bleiben, dann bringen wir viel Frucht.
Und was für eine Frucht ist gemeint? Paulus nennt in Galater 5,22-23 eine Liste an Eigenschaften, die zur «Frucht des Geistes» gehören: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Güte, Rechtschaffenheit, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Gerne ergänze ich an dieser Stelle noch die Gerechtigkeit:

«Die Frucht des Gerechten ist ein Baum des Lebens.»
Sprüche 11,30
LUT
Liebe Leserin, lieber Leser, hast du jede Eigenschaft einzeln gelesen und auf dein Leben bezogen? Bei mir herrscht in solchen Momenten eher die Tendenz, «grob drüberzulesen». Dabei ist jede einzelne dieser Eigenschaften eine grosse Herausforderung. Man könnte fast sagen: Sie muss ähnlich wie ein Kind jahrzehntelang erzogen werden.
Unfruchtbarkeit trotz Kinder?
Umgekehrt erscheint mir möglich: Wer Kinder auf die Welt setzt, aber als Familie vor allem auf sich selbst und die eigene Lebensqualität bezogen ist – und dabei manche geistliche Tugend vermissen lässt –, ist nur eingeschränkt fruchtbar. Ich will niemandem zu nahetreten, aber jeder Christ und jede Christin ist herausgefordert, sich über die biblische Fruchtbarkeit Gedanken zu machen, unabhängig von der Anzahl Kinder.
Fruchtbar zu sein bedeutet, ein Leben zu führen, das bei möglichst vielen Menschen positive Spuren hinterlässt. Die biblische Fruchtbarkeit wird in gelebter Liebe sichtbar.
Nicht jede Tugend wächst also an einem Stammbaum. Manches wird in die Herzen von Menschen gesät, wächst dort und kann vielleicht Generationen überdauern.
Unfruchtbarkeit bleibt schmerzhaft
Allerdings schmerzt Unfruchtbarkeit im biologischen Sinne weiterhin, so schön diese Ausführungen auch geistlich klingen mögen. 1. Mose 1,28 sticht immer noch ins Herz. Schade, dass Unfruchtbarkeit immer noch ein Tabuthema ist, vielleicht sogar im Speziellen im christlichen Umfeld. Ich hoffe, dass dieser Blog dazu beitragen kann, dass Betroffene sich weniger allein fühlen und mehr Offenheit, Verständnis und Raum für ehrliche Gespräche entstehen.




