Gott sei Dank gibt es Menschen, die zweifeln

Der Titel dieses Beitrags mag überraschen: «Wie kann es gut sein, zu zweifeln?» Ist der Zweifel nicht der Gegenspieler des Glaubens? Obwohl ich als Teenager den christlichen Glauben für mich entdeckt habe und diese Entdeckung auch nach über 40 Jahren in keiner Weise bereue, bezeichne ich mich weiterhin als gläubigen Zweifler. Ich glaube, das wird sich auch im letzten Drittel meines Lebens nicht wesentlich ändern.

9.8.2026
5 min
geschrieben von
Beat Kunz
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Zweifel sind nicht unbedingt etwas Negatives

Lange Zeit empfand ich diesen Zustand als schwierig, und mir wurde gelegentlich zu verstehen gegeben, dass Zweifel dem Glauben schaden können. Teilweise fühlte ich mich in christlichen Gemeinschaften wie ein Ausserirdischer und beneidete Menschen, die einfach glauben können.

In vielen persönlichen Gesprächen habe ich jedoch festgestellt, dass Zweifel, ob klein oder gross, für viele Christen zum Glauben gehören. Oftmals scheut man sich aber, dies in grösseren Gruppen zuzugeben, vielleicht weil man der Meinung ist, dass Glauben und Zweifeln schwer vereinbar sind und dies sogar ein Zeichen eines schwachen Glaubens sei. Auch in Predigten wird, meistens am Beispiel des «ungläubigen» Thomas, dem Paradebeispiel eines Zweiflers, aufgezeigt, dass es eher aussergewöhnlich sei, zu zweifeln. Jesus ist aber immerhin so gnädig und lässt ihn trotzdem in seinem Team mitspielen.

Zweifel gehören dazu

Die Bibel berichtet aber in Matthäus Kapitel 28, Vers 17, dass mehrere Jünger zweifelten, wobei eine mögliche Lesart des griechischen Urtextes sogar darauf hindeutet, dass alle zweifelten. Dies zeigt, dass Thomas nicht der einzige Jünger war, der nach dem Tod und der Auferstehung von Jesus Christus trotz allen gemeinsamen Erlebnissen zweifelte, was durchaus beruhigend sein kann.

Neben diesem biblischen Bericht hat mich auch ein Blogartikel von Richard Beck, Professor für Psychologie und Theologe, dazu gebracht, Zweifel nicht als abnormal, sondern als «Geschenk» zu betrachten. Neben seiner akademischen Tätigkeit leitet Beck wöchentlich einen Gesprächskreis mit Insassen eines Hochsicherheitsgefängnisses in Texas und veröffentlicht fast täglich spannende Artikel in seinem Blog «Experimental Theology». In den Texten stellt Beck mehrere interessante Thesen auf, warum man Zweifel als «Geschenk» betrachten kann. Ich hoffe, dass diese Zusammenfassung seiner Thesen, unabhängig davon, ob du Zweifler oder Nichtzweifler bist, dir helfen kann, Zweifel mit neuen Augen zu sehen. 

1. Zweifler fürchten sich weniger vor dem «Zeitgeist».

In der heutigen Welt, oft als «Postmoderne» bezeichnet, fühlen sich Zweifler besonders wohl. Diese Zeit ist geprägt von einer Vielzahl von Perspektiven und Erkenntnissen, und Zweifler bringen von Natur aus eine gesunde Portion Demut mit, wenn es darum geht, was wir wissen können. Anstatt anderen, die nicht an grosse Erzählungen glauben, ihre Sichtweise aufzudrängen, versuchen Zweifler lieber zuzuhören und sich mit ihnen auszutauschen. Während manche, eher konservativ denkende, Menschen den «Zeitgeist» als grosse Bedrohung sehen, erkennen Zweifler die Sichtweisen anderer an, anstatt sich über die moderne Welt zu beschweren und zu behaupten, niemand glaube mehr an die Wahrheit. Durch diese gemeinsame Basis können sie den Glauben auf eine Weise erklären, die für Aussenstehende verständlich und nachvollziehbar ist. Sie tauschen «lautes Geschrei» gegen ruhige, konstruktive Gespräche ein. 

2. Zweifler sind in der Regel friedliche Menschen.

Statistiken zeigen, dass viele Konflikte in der Welt durch Ideologien und Religionen entstehen, was darauf hindeutet, dass überzeugte Gläubige manchmal gefährlich werden können. Zweifler hingegen sind in der Regel recht friedlich. Ihre Selbstzweifel helfen ihnen, die aggressiven Tendenzen zu zügeln, die Ideologie und Glauben manchmal mit sich bringen. Da sie noch auf der Suche nach Antworten sind, haben Zweifler oft ein weicheres, einfühlsameres Herz. Sie sehen die Welt mit Optimismus und der Hoffnung, dass die Antworten noch irgendwo da draussen sind. 

3. Zweifler besitzen eine bemerkenswerte, missionarische Denkweise.

Anstatt andere zu verurteilen, suchen sie den Kontakt und versuchen, deren Perspektiven zu verstehen. Sie sind überzeugt, dass Dialog und Verständnis zu einem tieferen Verständnis von Glauben und Spiritualität führen können. Als Menschen, die in die Welt gesandt sind, sind wir aufgefordert, die Gastfreundschaft anderer anzunehmen und «zu essen, was uns vorgesetzt wird», wie es in Lukas Kapitel 10 heisst. Zweifler fühlen sich an diesen Tischen besonders wohl, da sie von Natur aus neugierig auf Aussenstehende sind. Kurz gesagt: Innerhalb der Kirche sind Zweifler in der Regel diejenigen, die am besten über andere Weltreligionen (oder Atheisten) Bescheid wissen. Folglich sind sie oft die besten Botschafter an vorderster Front gegenüber Aussenstehenden. 

4. Zweifler lesen die Bibel ganzheitlich.

Man könnte meinen, dass Zweifler eine Kirche weniger biblisch machen würden. Tatsächlich tragen sie aber oft dazu bei, dass die Kirche biblischer wird. Viele Kirchen neigen dazu, bei der Lektüre der Bibel selektiv vorzugehen und schwierige oder peinliche Stellen zu überspringen. Zweifler hingegen fühlen sich eher zu diesen schwierigen Stellen hingezogen und sind der Meinung, dass die Kirche, so herausfordernd es auch sein mag, diesen Passagen Beachtung schenken sollte. Sie bestehen darauf, dass die gesamte Bibel gelesen wird, mit all ihren Facetten. 

5. Zweifler kennen auch die Schattenseiten der Welt.

Zweifler sind sich der zerbrochenen und chaotischen Natur des Lebens sehr bewusst und kämpfen intensiv mit den Problemen von Schmerz, Bösem und Leid.  Sie lehnen die triumphalistischen Tendenzen innerhalb der Kirche ab und bestehen darauf, dass diese die Realität des schrecklichen Leidens anerkennt und die häufige Abwesenheit und Stille Gottes in solchen Situationen einräumt.  Zweifler betonen, dass das Zeugnis der Kirche eine authentische und ehrliche Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Welt widerspiegeln sollte. Sie glauben, dass Lob und Klage nebeneinander existieren können und dass die Kirche realistisch bleiben muss. 

6. Zweifler haben nicht auf alles eine Antwort.

Eher konservative oder sogar fundamentalistische Christen glauben fest daran, dass Apologetik, also die Verteidigung des Glaubens, durch Argumentation funktioniert. Sie sehen Glauben als eine Art intellektuelle Zustimmung, die sich durch Debatten beweisen lässt.  Das kann in der heutigen Welt aber manchmal schwierig sein, da solche Diskussionen nicht immer zu einem Ergebnis führen.  Zweifler hingegen, die selbst nicht immer ganz von diesen Argumenten überzeugt sind, vertreten eine andere Sichtweise. Sie sprechen von einer «neuen Apologetik», die auf Einladung und Teilhabe setzt, anstatt nur auf Argumentation. Für sie ist es wichtig, den Glauben zuerst zu leben, damit er überhaupt Sinn ergibt. 

Ich bin mir nicht sicher, ob diese Thesen dich überzeugen werden, aber ich möchte dich ermutigen, sie in einem Gesprächskreis, einer Kleingruppe oder ähnlichem mit anderen zu diskutieren.  Dabei ist es meiner Meinung nach wichtig, zu bedenken, dass Zweifel nicht als eine heilbare Krankheit betrachtet werden sollten, die mit einem geeigneten Medikament schnell beseitigt werden muss. Meine Erfahrung zeigt, dass Zweifel eher ein Zustand sind, in dem Palliativpflege und einfühlsame Begleitung hilfreicher sind.

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