Wie man im digitalen Zeitalter geerdet bleibt

In seiner «Narrenpredigt» im 2. Korintherbrief warnt Paulus die Korinther vor Stolz und Selbstverherrlichung. Er hebt seine eigenen Leiden und Schwächen hervor, um sie vor dem Einfluss der «Superapostel» zu schützen, die sich mit ihren spektakulären Erfahrungen brüsten. Der «Dorn im Fleisch» erinnert ihn dabei an seine menschliche Schwäche und daran, dass er auf Gottes Gnade angewiesen ist.

21.9.2026
5 min
geschrieben von
Beat Kunz
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Gerade wenn etwas schiefläuft: Nicht unsere Stärke trägt uns, sondern Gottes Gnade.

Bei meiner Bibellese bin ich vor Kurzem beim zweiten Brief von Paulus an die Korinther angekommen. Wenn möglich, lese ich die Briefe des Neuen Testaments in grösseren Abschnitten oder sogar ganz. Das scheint mir der Tradition der ersten Christen am nächsten zu kommen, denn in den antiken Gemeinden wurden die Briefe häufig als Ganzes vorgelesen.

Beim Lesen ist mir die sogenannte «Narrenpredigt» in den Kapiteln 11 und 12 besonders aufgefallen. Paulus verteidigt sich auf ungewöhnliche Weise: Die Gemeinde in Korinth scheint sich von den beeindruckenden Erfahrungen und Geschichten sogenannter «Superapostel» blenden zu lassen. Er selbst will sich nun ebenfalls «rühmen» – allerdings nicht mit seinen Erfolgen, sondern mit seinen Leiden, seiner Schwäche und den Verfolgungen, die er ertragen musste. Damit spielt er den «Narren» und macht deutlich, wie sehr unsere menschlichen Massstäbe manchmal verzerrt sein können.

Gefährliche Übermut

Bevor ich näher auf die «Narrenpredigt» eingehe, möchte ich euch eine noch ältere Geschichte erzählen. Sie handelt von Dädalus, einem griechischen Bildhauer und Handwerker, der für seine Erfindungen bekannt war. Einige Geschichten über ihn entstanden erst nach seinem Tod, doch wahrscheinlich hat er tatsächlich gelebt.

Besonders bekannt ist Dädalus wohl für seine Fähigkeit zu fliegen. Er reiste nach Kreta, um für König Minos zu arbeiten und ein berühmtes Labyrinth zu erbauen, das in vielen Geschichten vorkommt. Als Dädalus die Insel später verlassen wollte, liess ihn Minos nicht gehen. Deshalb schmiedete er einen ungewöhnlichen Fluchtplan: Aus Federn und Wachs baute er für sich und seinen Sohn Ikarus Flügel.

Mit diesen Flügeln gelang ihnen die Flucht in Richtung griechisches Festland. Doch Ikarus war so begeistert vom Fliegen, dass er die Warnungen seines Vaters ignorierte und immer höher stieg. Dädalus hatte ihn davor gewarnt, der Sonne zu nahe zu kommen, da die Hitze das Wachs schmelzen könnte, aber Ikarus hörte nicht auf ihn. Schliesslich schmolz die Hitze das Wachs, die Federn lösten sich und Ikarus stürzte ins Meer.

Die Geschichte macht deutlich, wie gefährlich Übermut und die Faszination für aussergewöhnliche Erfahrungen werden können. Sie erinnert uns daran, auf erfahrene Menschen zu hören und trotz besonderer Erlebnisse bescheiden zu bleiben.

Der «Narr» Paulus

Eine ähnliche Botschaft finden wir in der «Narrenpredigt» von Paulus. Im zwölften Kapitel des 2. Korintherbriefes erzählt er von beeindruckenden geistlichen Erlebnissen, spricht aber ebenso von seinem «Dorn im Fleisch». Paulus hat verstanden, dass er nicht auf einem höheren Niveau leben konnte als andere, da dies leicht zu Stolz und Selbstverherrlichung hätte führen können.

Dieser Abschnitt bildet den Höhepunkt seines Versuchs, den «Superaposteln» in Korinth, die sich gerne selbst inszenieren, die Show zu stehlen. Stellt euch vor, sie hätten die Gemeinde nach einem «aktuellen Zeugnis» gefragt: «Was Spannendes ist denn in der letzten Woche in eurem geistlichen Leben passiert?» Die mit Paulus rivalisierenden Lehrer hätten vermutlich von aussergewöhnlichen Erlebnissen erzählt – von göttlichen Worten, himmlischen Visionen oder Begegnungen mit Engeln.

Paulus hingegen erzählt von einem Ereignis, das bereits vierzehn Jahre zurückliegt. Auch scheint er keine Ahnung zu haben, was da eigentlich los war. Er hat keine Erklärung für das Geschehene, aber es reicht ihm zu wissen, dass Gott Bescheid weiss. «Paulus, hast du nichts Aktuelleres zu erzählen? Keine neuen Visionen in letzter Zeit?», könnten die «Superapostel» gedacht haben.

Visionen und Offenbarungen können echte und aussergewöhnliche geistliche Erfahrungen sein. Diese Zustände sind anders als die gewöhnlichen Geistes- und Bewusstseinszustände, die die meisten von uns kennen. Sie können tief ermutigen und uns einen Vorgeschmack auf die Ewigkeit geben. Doch sie sind nicht dazu da, uns selbst als etwas Besonderes darzustellen.

«Denk daran, auch du bist sterblich»

In der Antike hatten römische Feldherren und Kaiser während ihrer Triumphzüge einen Sklaven an ihrer Seite, der ihnen ins Ohr flüsterte: «Denk daran, auch du bist sterblich.» Eine Erinnerung daran, dass übermässiger Stolz gefährlich werden kann. Paulus hatte ebenfalls eine ganz persönliche Erinnerung an seine eigene Unvollkommenheit: Er nannte sie einen «Dorn im Fleisch».

Bis heute gibt es viele Spekulationen darüber, woran Paulus litt. Die wahrscheinlichste Erklärung ist eine immer wiederkehrende Krankheit. Andere vermuten eine «lästige» Versuchung oder die ständige Verfolgung, von der Paulus immer wieder berichtete.

Stellen wir uns vor, wie das vielleicht ablief, als Paulus den Korinthern von dieser schwierigen Erfahrung erzählte: Die Zuhörer warteten gespannt, was als Nächstes passiert. Vielleicht sagten ihm die «Superapostel», dass so etwas nicht Gottes Wille sein könne, und ermutigten ihn, sich auf Jesu Sieg über Satan zu konzentrieren, um von dieser Last befreit zu werden.

Doch Paulus berichtete etwas anderes: Er habe den Herrn dreimal um Heilung gebeten. Die Korinther erwarteten vielleicht, dass Gott spätestens beim dritten Mal eingegriffen und die Last weggenommen hatte. Doch Gottes Antwort auf diese Gebete fiel überraschend aus. Paulus empfing ein Wort, das ihn nicht über seine Stärke oder besondere geistliche Leistung erhob, sondern ihn auf Gottes Gnade verwies. Es war kein Wort, das Selbstherrlichkeit fördert. Stattdessen war es eines der tröstlichsten, heilsamsten und bestärkendsten «Worte des Herrn», die je aufgezeichnet wurden:

Icon Bibel

«Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.»

2. Korinther 12,9

LUT

In gewisser Weise ist das die grundlegende Lektion, die Paulus den Korinthern – und auch uns – vermitteln wollte:

«Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.»

2. Korinther 12,10

NeÜ

Gottes Kraft und menschliche Stärke sind nicht dasselbe. Manchmal muss unsere eigene Kraft einen Schritt zurücktreten, damit Gottes Kraft umso deutlicher sichtbar werden kann.

Parallelen zur heutigen Zeit

Beim Verfassen dieses Blogartikels kamen mir immer wieder Parallelen zur heutigen Zeit in den Sinn. Ich möchte dir einige Fragen zur Selbstreflexion mit auf den Weg geben:

  • Wo laufen wir Gefahr, spektakulären und verlockenden Erfahrungen moderner «Superapostel» mehr Glauben zu schenken als den grundlegenden biblischen Wahrheiten?

  • Gerade soziale Medien bieten ein enormes Potenzial, solche Botschaften von «Superaposteln» zu verbreiten. Wie können wir die Informationen kritisch hinterfragen und geeignete «Filter» entwickeln?

  • Leben wir auch mit einem «Dorn im Fleisch»? Wie gehen wir damit um – macht er uns stärker oder lässt er uns verzweifeln?

  • Paulus erscheint mir in diesem Briefabschnitt als ein «geerdeter» Apostel, der nicht in Gefahr steht, zu hoch zu fliegen. Wo stehen wir Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren und uns wie Ikarus zu nahe an die Sonne zu wagen? Sind wir uns bewusst, dass auch unsere Flügel aus Wachs sind?

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