Die Jünger fragen sich gegenseitig, kommen aber zu keinem rechten Ergebnis, denn jeder sagt dem anderen: «Ich bin der Wichtigste. Wer sonst?» Also fragen sie ihren Rabbi selbst und hoffen, dass er konkret wird und ihre Frage nicht mit einer Gegenfrage beantwortet. Sie haben aber nur teilweise Glück, denn «Jesus rief ein kleines Kind, stellte es in ihre Mitte und sagte: ‹Ich versichere euch: Wenn ihr euch nicht ändert und so werdet wie die Kinder, kommt ihr ganz sicher nicht in Gottes himmlisches Reich.›» (Matthäus, Kapitel 18, Vers 3)
Matthäus notiert nicht, wie das Gespräch der Jünger weitergeht. Ganz zufrieden sind sie sicher nicht. Nathanael sagt vielleicht: «Danke, Meister», aber selbst der ruhige Thaddäus fragt sich: «Und was bedeutet das jetzt?» Petrus ist sich sicher: «Das heisst, dass ich der Wichtigste bin», aber Johannes lächelt nur: «Es geht um den Kindlichsten, nicht den Kindischsten…» Bevor es wieder laut wird bei den Jüngern blenden wir ins Heute um. Der einzige Unterschied zu den Nachfolgern von Jesus damals ist, dass ihre Frage heute kaum noch direkt gestellt wird, doch sie steht immer noch im Raum. Da wäre es doch interessant zu sehen, was die Antwort von Jesus bedeutet…
Nichts Unmögliches
Zunächst einmal geht es nicht darum, dass du so tust, als wärst du noch einmal drei Jahre alt. Schon in biblischer Zeit zählen Erfahrung, Reife und Wachstum viel. Nicht umsonst fordert Paulus im Epheserbrief: «Wir sollen zu mündigen Christen heranreifen, zu einer Gemeinde, die ihn in seiner ganzen Fülle widerspiegelt. Dann sind wir nicht länger wie unmündige Kinder, die sich von jeder beliebigen Lehrmeinung aus der Bahn werfen lassen…» Du sollst also weder deine Erfahrung ablegen noch eine Verjüngungskur machen. Aber was macht das Wesen eines Kindes aus?
Vertrauen wollen
Eine typisch kindliche Eigenschaft ist das Vertrauen. Bei jungen Menschen ist es noch automatisch vorhanden, als Urvertrauen. Bei dir sieht das vermutlich anders aus: Vertrauen ist eine bewusste Entscheidung. Bei kindlichem Vertrauen als Erwachsener, wie es hier angesprochen ist, geht es nicht darum, jedem Glücksspielanbieter zu glauben, der behauptet: «Sie haben schon gewonnen.» Vielmehr geht es darum, dass du Gott, mit dem du schon positive Erfahrungen gesammelt hast, weiterhin vertraust. Solltest du noch wenig Erfahrungen mit ihm gesammelt haben, dann lass dich ein Stück weit auf ihn ein und sieh selbst, dass er nichts Verrücktes von dir erwartet. Es geht darum, einem Vertrauenswürdigen zu glauben.
Fantasievoll hoffen
Eng mit diesem Vertrauen hängt das Hoffen zusammen. Kinder sind Hoffnungsweltmeister. Sie lernen und leben, als könnten sie damit die Welt aus den Angeln heben. Manches dabei mag naiv sein, doch eines bleibt sehr wichtig: das Leben auf ein Ziel hin. Von solch einem vertrauenden Hoffen spricht auch die Bibel, wenn es im Hebräerbrief heisst: «Der Glaube ist der tragende Grund für das, was man hofft: Im Vertrauen zeigt sich jetzt schon, was man noch nicht sieht.» Dabei geht es nicht in erster Linie darum, dass du dir fantasievolle Ziele ausmalst, sondern dass du siehst, welche Ziele Gott anpeilt – und zulässt, dass diese Hoffnungsbilder Einfluss auf dein Leben nehmen.
Staunen üben
«Kenn ich schon – weiss ich selbst – das hat noch nie funktioniert…» Auch so können Erfahrungen klingen. Aber in erster Linie schlechte. Kinder können herrlich über Ereignisse staunen, die sie nicht erwartet haben. Und auch du kannst es einüben, emotional wieder «echt» zu werden, dich darüber zu freuen, dass du da bist, dass Gott bei dir ist und bleibt, dass seine Liebe die ganze Welt trägt und zusammenhält. Manchmal muss man dazu erst ein Kind bekommen und schier zusammenbrechen vor Staunen, wenn man dieses kleine menschliche Wunder im Arm hält. Und manchmal reicht ein Blick in den Sternenhimmel oder einen Blütenkelch, um den Mund nicht mehr zuzubekommen.
Glaube als Gegenentwurf
Wenn Jesus seinen streitenden Jüngern kindlichen Glauben zeigt, dann enthält dies solche Komponenten wie die gerade beschriebenen. Und noch viel mehr. Um eine vollständige Liste geht es ihm dabei gar nicht, denn «werden wie ein Kind» ist keine Tätigkeit, die du zum Abschluss bringen wirst. Es ist eine Lebenshaltung. Ein gesellschaftlicher Gegenentwurf. Es ist der trotzige Widerspruch gegen Dauerskepsis und Zynismus, gegen Geltungssucht und Machtstreben. Es ist das Wissen, dass es manchmal reicht, bei Gott, dem Vater, auf dem Schoss zu sitzen, ohne dabei den Verstand abzustellen. Das ist nicht naiv, das ist eine heilsame Herausforderung mit Folgen.




