Mit seinen Lasten ehrlich zu Gott kommen

Früher dachte Reto Kaltbrunner, jedes Leid lasse sich wegbeten oder überwinden. Heute weiss er: Gott kann auch Schweres zum Guten wenden. Er ermutigt dazu, mit unseren Lasten zu Gott zu kommen, statt am eigenen Selbstwert und Gottes Gunst zu zweifeln. Ein Auszug aus seinem Buch «Mit ganzer Kraft schwach».

25.10.2026
6 min
geschrieben von
Reto Kaltbrunner
verzweifelte-person
Unsplash+
Durch Schwachheit lernen wir, auf Gottes Stärke zu vertrauen.

Diese Hoffnung, dass Gottes Reise mit uns noch nicht zu Ende ist, ist ein Anker, der uns vor dem Armutsgeist bewahrt. Denn viele Christen, die das Wohlstandsevangelium ablehnen, neigen zum anderen Extrem, nämlich zu denken, dass das Leben auf dieser Welt nur aus Leiden besteht, in das man sich fügen muss.

Von Jesus lernen

Wie viel von diesem Armutsgeist wir in uns tragen, entdecken wir am schnellsten, indem wir das folgende Zitat von Jesus lesen und uns selbst dabei beobachten. Wie reagieren wir darauf? Welche Gefühle steigen in uns hoch? Welche Gedanken löst es aus?

Jesus wusste, dass seine Verhaftung kurz bevorstand und damit verbunden auch von allen Demütigungen und Misshandlungen, bis zum schmerzhaften und langsamen Tod am Kreuz. Er betete in dieser Situation voller Angst und Verzweiflung im Garten Gethsemane:

Icon Bibel

«Mein Vater, wenn es möglich ist, dann lass den Kelch an mir vorübergehen und erspare mir dieses Leiden! Aber nicht was ich will, sondern was du willst, soll geschehen.»

Matthäus 26,39

HFA

Überzeichnet gesagt probiert der Armutsgeist uns einzutrichtern, dass wir nichts Besseres verdient hätten, dass es Gottes Wille ist, uns zu quälen, uns an der kurzen Leine zu halten und niederzudrücken. Die Bibelstelle oben würde uns der Armutsgeist in etwa so erklären:

«Jesus war perfekt und ohne Fehler, trotzdem musste er leiden. Erst recht musst du wegen deiner Schuld leiden. Du hast es nicht anders verdient!»

Armutsgeist versus Gottes Geist

Der Armutsgeist will uns in geistliche Armut stürzen, er will uns weismachen, dass Jesu Erlösung doch nicht ganz komplett ist – oder wir einfach immer noch Opfer der Konsequenzen unserer Fehler sind. Dieser Geist sagt uns immer wieder, dass Gott uns das Beste vorenthält und wir seine Gunst nicht verdient hätten. Er attackiert unseren Glauben auf eine perfide Art und Weise: Ständig versucht er, uns klein zu machen. Er will unseren Selbstwert zerstören, damit wir aufgeben und die Beziehung zu Gott abbrechen. Er hasst Gottes Begeisterung über uns Menschen und will seine Wahrheiten vor uns verbergen.

Gottes Geist hingegen stärk uns. Er ist für uns und will unseren Selbstwert aufbauen! Warum sonst würde die Bibel bereits im ersten Kapitel, nachdem Gott den Menschen als Krönung der Schöpfung gemacht hat, Folgendes berichten?

Icon Bibel

«Danach betrachtete Gott alles, was er geschaffen hatte. Und er sah, dass es sehr gut war.»

1. Mose 1,31

NLB

Wäre Gott so, wie der Armutsgeist uns das glauben lassen will, würde die Bibel eher so beginnen:

«Gott war perfekt, aber der Mensch nur ein Klumpen Fehler. Gott konnte nichts Gutes an ihm finden. Der Mensch war von Anfang an eine grosse Enttäuschung für Gott. Darum war er tieftraurig und weinte bitterlich. Es wurde Nacht und wir warten immer noch auf den Morgen.»

Allem Anschein nach ist es aber anders und unserem Schöpfer ist es äusserst wichtig, dass wir wissen, wie sehr er sich an uns freut. Gott findet uns sehr gut! Er liebt uns: unser Wesen, unsere Identität, unsere Eigenart! Mit der Zeit verstehe ich das immer besser.

Das göttliche Versprechen aus Hesekiel 36 fand erst mit der Zeit den Weg in mein Herz. Als meine Krankheit schlimmer wurde, schlussfolgerte ich, dass dieser Bibelvers wohl bloss ein gutgemeintes Trostpflaster des engagierten Seelsorgers gewesen sein musste. Heute weiss ich, dass es eine echte Prophetie ist, deren Segen ich in Schmerz, Leid und Krankheit erlebe wie nie zuvor! Durch dunkle Täler kann Gott unsere falschen Überzeugungen und unwahren Gottesbilder ans Licht bringen. Er entlarvt sie, wir trennen uns von ihnen und beginnen, mit Gott Schritt für Schritt immer mehr in der Wahrheit zu leben.

Gott hat die Kontrolle nicht verloren!

Ich erlebe effektiv, dass mein Leid einem höheren Zweck dient. Während ich bis vor Kurzem davon ausgegangen bin, dass sich alles Leid wegbeten oder überwinden lässt, weiss ich jetzt aus eigener Erfahrung, dass «denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen» (Römer 8,28; LUT).

Ich sehe zwar noch keine vollständige körperliche Heilung, dennoch arbeitet Gottes Geist in mir und verändert mich langsam, aber positiv.

Noch nie wurde mir so deutlich vor Augen geführt, dass nicht nur der Körper unser Wesen ausmacht. Es ist so vielschichtig und komplex! Gott kann es sich erlauben, unsere Körper zu schwächen, damit wir an anderen Stellen heil werden und hell leuchten können.

So habe ich mich entschieden, dem Heiligen Geist nicht im Wege stehen zu wollen. Ich will sein Werk an mir bewusst zulassen. Mal gelingt mir das besser, mal schlechter. Aber mit Freude beobachte ich, wie der Allmächtige mich immer mehr in die Person verwandelt, die ihm ähnlich ist. Und mich zunehmend an seiner Herrlichkeit teilhaben lässt (2. Korinther 3,18)!

Wenn die Worte ins Innerste dringen

Diese Worte konnte ich nie wirklich erfassen. Sie haben mich nicht getroffen, denn ich habe mich selbst immer als stark erlebt. Ich war der Überzeugung, dass sie bloss den Schwachen und Kranken als Ermutigung helfen sollten. Dementsprechend lieblos klangen meine Predigten zum Thema Heilung:

«Wenn Gott dich nicht heilt, höre auf zu jammern und mach das Beste draus. Gott weiss, was er tut!»

Aber jetzt, in meiner Zeit der Schwäche, finden diese Paulusworte ihren Weg in mein Innerstes. Meine Sicht auf Krankheit und Leid hat sich grundlegend verändert. Ich sehe das Thema jetzt nicht mehr als ein notwendiges Übel, das man mit ein paar passenden Bibelstellen rasch abhandeln muss, um dann möglichst schnell wieder über Segen und Überfluss predigen zu können. Ich sehe das alles mit anderen Augen, weil ich direkt davon betroffen bin. Vielleicht ein bisschen wie Hiob, der in seiner Gesundheit und seinem Reichtum Gott «nur vom Hörensagen» kannte. Erst in Krankheit und Leid hat er Gott dann «mit eigenen Augen gesehen!» (Hiob 42,5).

Die letzten Jahre habe ich gelernt, dass Gottes Liebe, sein Segen und seine Nähe nicht nur in Gesundheit und Wohlstand zu finden sind. Ich erlebe Gott mitten im Sturm als mächtigen Fels und Segensbringer. Mir wurde bewusst, dass es im christlichen Glauben einen Unterschied zwischen «Hören» und «Erleben» gibt:

Was ich höre, kann ich glauben. Was ich erlebe, kann mich verändern!

Krankheit als Teil eines Veränderungsprozesses

Die Krankheit ist somit Teil eines Veränderungsprozesses und ich sehe sie in meinem Fall als ein effektives Werkzeug in Gottes Hand: Durch meine Schwachheit lehrt er mich, auf seine Stärke zu bauen. Trotzdem glaube ich weiterhin, dass Gott jeden Menschen heilen will und heilen kann!

Wie wir mit dieser Spannung zwischen Krankheit und Gesundheit umgehen können, erläutert Reto Kaltbrunner in seinem Buch «Mit ganzer Kraft schwach». In den nächsten Wochen bringen wir weitere Auszüge daraus.

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