Glaubenshelden braucht es heute noch! Und Gott sei Dank gibt es sie, auch in deinem und meinem Leben. Diese Menschen ermutigen mich, auch in Zeiten von Krankheit und Leid an Gott festzuhalten. Nicht weil sie während Herausforderungen viel für Gott geleistet hätten, sondern weil sie ihm auch dann treu geblieben sind, als er weit entfernt schien. Einige können heute deutlich weniger, andere sogar so gut wie nichts mehr machen. Mindestens aus körperlicher Sicht nicht, denn das Gebet steht allen offen.
Helden aus meinem Freundeskreis
Zu meinem Freundeskreis zählen zwei pensionierte evangelische Pfarrer. Beide lieben Gott, trotz persönlichem Leid: Der eine fiel während des ersten Corona-Lockdowns im Jahr 2020 in eine Depression. Der andere hat körperliche Herausforderungen. Aber beide sind immer noch von Gott begeistert, sie haben nie aufgehört, Mut aus der Beziehung zu ihm zu schöpfen und ihm trotz allem zu vertrauen.
Ein weiterer Pastor leidet an einer seltenen Rückenkrankheit. Hätte sich unsere Beziehung in den letzten Jahren nicht zu einer Freundschaft entwickelt, wüsste ich wahrscheinlich nichts von seinem Leiden. Er behält es weitgehend für sich, lässt sich davon nicht disqualifizieren und strahlt ein göttliches Vertrauen aus, wie nur er es kann.
Eine Freundin von uns hat mehrere Jahre unter starken Depressionen gelitten. Sie hat die Beziehung zum himmlischen Vater nicht aufgegeben und arbeitet heute erfolgreich in der Erwachsenenbildung.
Ein Freund leidet noch heute unter den Konsequenzen seines jahrelangen Drogenkonsums. Zusätzlich bekam er mehrfach Corona und hatte noch Monate später mit den Folgen dieser fiesen Grippe zu kämpfen. Er ist körperlich zwar stark eingeschränkt, vertraut aber weiterhin auf Gott und dessen Unterstützung, dass er ihm alles Nötige geben wird, um auch mit reduzierten Möglichkeiten den Randständigen und Süchtigen unserer Gesellschaft zu dienen.
Zu guter Letzt ist da noch Anna: Sie kann fast gar nichts mehr, ihre Krankheit schränkt sie stark ein. Doch wer Gelegenheit hat, sie zu besuchen, empfängt ein herzliches Lächeln und geht ermutigt nach Hause. (...)
All diese Menschen wissen, was es heisst, ganz unten zu sein und ihren Glauben an Gott nicht aufzugeben.
Sie sind meine persönlichen Glaubenshelden, weil sie an der Liebe Gottes festhalten! Bestimmt kennst auch du solche Personen. Oder vielleicht bist du in deinen aktuellen Umständen selbst ein Vorbild für andere?
Wer ist schuld?
Stell dir vor, Gott könnte seinen Plan nur mit gesunden Menschen verwirklichen … Dann gute Nacht! Denn jeder Mensch hat früher oder später mit einem Leiden irgendeiner Art zu kämpfen, sei es körperlich, psychisch, mit seinen eigenen Wesenszügen oder auch in Beziehungen.
Es gibt weltweit ca. 30'000 verschiedene Krankheiten. Die Global Burden of Disease Study (GBD) kommt zu dem Schluss, dass 95 Prozent der Weltbevölkerung über mindestens ein Gebrechen klagen, jeder Dritte hat sogar mehr als fünf Beschwerden. Somit habe ich mit 95 Prozent der Bevölkerung etwas gemeinsam: Zeiten, in denen ich mit der Unvollkommenheit des Lebens kämpfe und mich frage, «warum» oder «wozu» Gott etwas zulässt.
Das führt uns häufig zur Schuldfrage. Und so suchen wir die Schuld entweder …
bei uns selbst
oder bei den anderen
Die einen finden die Fehler immer ausserhalb ihres Wesens und Einflusses, die anderen suchen sie stattdessen bei sich selbst und geben sich die Schuld. Auch ich habe die Fehler zuerst bei mir gesucht. Mit der Zeit hat Gott mir aufgezeigt, dass ich eine unbewusste innere Überzeugung hatte, eine Art «eingeimpfte religiöse Gleichung». Sie sah so aus:
Sünde = Strafe
Strafe = Krankheit & Leid
Krankheit & Leid = Disqualifikation
Durch Austausch mit anderen ist mir bewusst geworden, dass ich nicht der Einzige bin, der so denkt. Läuft etwas anders, als wir es uns vorgestellt haben, fragen wir uns häufig: «Wo habe ich gesündigt? Was habe ich falsch gemacht? Wo bin ich Gott ungehorsam?» Wir wollen die «Schuldfrage» klären in der Hoffnung, diese sogleich ans Kreuz bringen zu können, Vergebung zu empfangen und gesund zu werden, um dann schnell weiterzumachen, als wäre nichts gewesen. Doch was, wenn Schuld gar nicht das Problem ist? Was, wenn ich weder mir selbst noch anderen die Schuld für mein Leiden geben kann?
Stellen wir uns vor, es wäre tatsächlich so. Wenn Schuld automatisch zu Krankheit führen würde, wären wir alle nicht nur ein wenig, sondern sterbenskrank … Doch die gute Nachricht lautet: Die Schuldfrage wurde geklärt! Vor ca. 2'000 Jahren. Durch Jesus. Am Kreuz. Und da die Schuldfrage geklärt ist, muss es andere Gründe für Krankheit geben, denn sonst wären wir im Umkehrschluss alle immer gesund. Auch das entspricht nicht der Realität – doch dazu später mehr.
Meine Hoffnung auf eine neue Heimat
Die Bibel nennt unsere irdischen Körper «vergänglich». Diese Beschreibung macht deutlich, dass wir Teil eines defekten Systems sind (1. Mose 3). Und sie ist eine Erinnerung daran, dass wir nicht auf diesen Planeten gekommen sind, um zu bleiben (Hebräer 11,13). Jedes Mal, wenn wir Schmerz und Leid erleben, weist uns Gott mehr oder weniger liebevoll auf unsere ewige Heimat hin. Auf den perfekten Ort mit einem makellos funktionierenden System, wo Gottes Kinder in Körpern leben werden, die kein Ablaufdatum mehr haben.
Auch wenn mein Körper schwach ist, sind meine Seele und mein Geist weiterhin funktionstüchtig und bereit, Gott zu dienen und ihm treu zu bleiben. Natürlich halte ich an der Hoffnung fest, dass Gott auch meinen Körper heilen wird! Wenn nicht morgen, vielleicht übermorgen. Aber ganz sicher dann, wenn ich in meinem neuen «ewigen Leib» leben kann, dieser perfekten Biotech-Maschine, die Gott allen seinen Kindern verspricht (2. Korinther 5,1). (...)
Abschied vom Wohlstandsevangelium
Unbewusst war Gott tief in mir mit einer Art «Wohlstandsevangelium» verwoben. Er liess in meiner Vorstellung weder Krankheit noch Leid zu. Wer also durch Leid ging oder krank war, dem war Gott fremd! Oder er glaubte zu wenig! Oder er hatte gesündigt! Oder …! Oder …!
Als Pastor einer Gemeinde in einer wachsenden freikirchlichen Bewegung war es immer meine Überzeugung, dass wir Christen Zugang zu unbegrenzter übernatürlicher Kraft und Gesundheit haben. Alles ist möglich dem, der glaubt! (Markus 9,23) und andere Bibelverse befeuerten diese Einstellung.
Doch egal, wie viel ich und andere für mich beteten, meine körperliche Kraft blieb klein. Meine natürliche Reaktion war, die negativen Umstände zu ignorieren, im Glauben weiterzumachen und ohne Rücksicht auf meinen Körper voranzugehen. Doch mit CFS ist das unmöglich, denn: Lebe ich über meinem körperlichen Limit, folgt der Crash – eine Zeit der totalen Erschöpfung. Ich wollte das nicht wahrhaben und probierte mehrmals erfolglos, meine körperlichen Grenzen rücksichtslos zu erweitern.
Meine Gedanken kreisten: «Wenn ich meinen Umstand akzeptiere, dann gebe ich auf ... ich kann doch aber nicht vor der Krankheit auf die Knie gehen!»
Doch Gott bewies mir das Gegenteil: Er half mir, die Situation so zu sehen, wie sie war, damit ich Veränderung erleben konnte. Nach einigem Ringen habe ich angefangen, diese Krankheit zu akzeptieren: Ich will sie als einen Begleiter sehen, der für eine von Gott festgesetzte Zeit an meiner Seite ist. Es ist mein Kreuz, das ich zu tragen habe. Gott mutet mir das zu, er glaubt an mich! Auch während dieser Zeit bin ich gesegnet; ich höre Jesus durch die Bibel zu mir reden, er begegnet mir im Gebet, lehrt mich und schenkt mir innere Durchbrüche. Ich erlebe sogar Segen und Freiheit in einer Dimension, die ich als gesunder Mann nicht kannte.
«So, lieber Gott! Jetzt habe ich meine Lektion gelernt. Du darfst die Übung abbrechen!», betete ich regelmässig. Denn zu meinem Gottesbild gehörte auch über viele Jahre lang die Überzeugung, dass Gott Leid und Probleme zu unserem Besten für eine begrenzte Zeit zulassen kann. Nach dem Motto: «Ein Christ kommt immer stärker aus der Krise, als er hineingegangen ist!» Aber was, wenn die Krise kein Ende nimmt? Die Ungewissheit, wie lange Gott mir das noch zumuten will, belastet mich immer wieder. Darum versuche ich, einen Tag nach dem anderen zu nehmen und zu vertrauen, dass Gott weiss, was er tut. Seine Reise mit mir ist noch nicht zu Ende und meine Veränderung geht weiter.
In den nächsten Wochen bringen wir weitere Auszüge aus dem Buch «Mit ganzer Kraft schwach» von Reto Kaltbrunner.





