Schon als Teenager träumte ich davon, Skifahrer zu werden. Damals waren Peter Müller und Pirmin Zurbriggen meine Vorbilder. Heute wäre es Marco Odermatt. Ich trainierte jede Woche in der JO. Ich gab mir Mühe, fuhr bei Kälte die Pisten hinunter und stellte mir vor, wie ich irgendwann Rennen gewinnen würde.
Aber ehrlich gesagt: Mein Talent war nicht gerade Odermatt-Niveau. Andere waren schneller, sicherer und besser. Es tat weh, wenn ich auf der Rangliste weiter hinten stand. Es fühlte sich an als wäre ich als Mensch weniger wert.
Wenn die Stoppuhr dein Ego bricht
An einem freien Tag trainierte ich Slalom mit einem Freund aus der Schule. Er war nicht einmal im Skitraining. Trotzdem zeigte die elektronische Zeitmessung immer wieder: Er war schneller als ich. Das konnte ich fast nicht aushalten. Also überlegte ich mir eine Strategie. Beim nächsten Lauf fuhr ich nicht sauber um alle Stangen, sondern kürzte ab. Unten war ich plötzlich schneller. Mein Freund war erstaunt. Er schaute beim Hochfahren die Piste an und fragte: «Bist du einfach geradeaus gefahren?» Ich wusste, dass er Recht hatte. Aber ich konnte es nicht zugeben. Ich redete mich heraus. Vielleicht log ich sogar. Nur weil ich nicht akzeptieren konnte, schlechter zu sein. Was brachte mir das? Wem half es, wenn ich unbedingt der Schnellste sein wollte?
Tief in mir war eine Kraft, die mich einfach drängte. Kennst du das? – Du machst Dinge, die du nicht tun solltest, weil es einfach nicht anders geht?
Mit dem Notenständer nach ganz hinten
Diese Haltung zog sich durch mein Leben. Einmal war ich in einem Musiklager. Der Dirigent bat uns, Platz zu nehmen. Ich dachte sofort: Die Besten sitzen vorne. Ganz nach vorne traute ich mich nicht, aber auf den zweiten Platz setzte ich mich. Dann kam der Dirigent zu mir und sagte freundlich, ich solle lieber ganz nach hinten sitzen. Er kenne mich noch nicht, und es sei vielleicht zu viel Druck, so sichtbar vor allen zu sitzen. Wenn ich besser würde, könne ich später nach vorne rücken. Also musste ich mit meinen Noten, meinem Notenständer und meinem Instrument an etwa 80 Jugendlichen vorbei nach hinten gehen. «Shame on you. Was denken wohl die anderen? Wieder habe ich mich so dumm verhalten, blamiert und zum Idioten gemacht», dachte ich.
Das Geheimnis
Langsam merkte ich: Mein eigentliches Problem war nicht mein Ehrgeiz. Mein Problem war meine Identität. Ich hatte meinen gesamten Selbstwert an meine Leistung gehängt. Wenn ich gut war, fühlte ich mich wertvoll. Wenn ich schlechter war als andere, fühlte ich mich sofort klein und unbedeutend. Ich dachte: «Nur wenn ich besonders bin, wenn ich besser bin als der Durchschnitt, bin ich überhaupt jemand. Ich wollte um keinen Preis so 'normal' sein wie alle anderen.»
In unserer Welt gilt nämlich meistens diese Formel: Tun – Haben – Sein. Du musst etwas leisten, damit du Erfolg hast, um am Ende jemand zu sein.
Ein Gedanke aus der Bibel hat dieses Denken bei mir komplett auf den Kopf gestellt. In Gottes Reich gilt nämlich genau das Gegenteil: Sein – Haben – Tun. Gott fängt beim Sein an: Meine Identität liegt nicht in dem, was ich tue, sondern in dem, wer ich schon bin – ein geliebtes Kind Gottes. Daran muss ich nichts hinzufügen und davon kann mir auch niemand etwas wegnehmen. Weder schlechte Noten noch verlorene Rennen oder peinliche Momente können meinen Wert schmälern. Und umgekehrt gilt genauso: Wenn ich etwas Grossartiges schaffe, macht mich das vor Gott nicht wertvoller. Wenn ich versage, macht es mich nicht wertloser.
Die neue Freiheit
Im Römerbrief heisst es: «Ich will eigentlich Gutes tun und tue doch das Schlechte; ich verabscheue das Böse, aber ich tue es dennoch.» (Römer Kapitel 7, Vers 9; HFA) Meine Fehler und mein Versagen definieren nicht mein tiefstes Ich. Jesus hat am Kreuz meine Schuld getragen und mich freigekauft. Niemand kann mich mehr anklagen.
Als ich das langsam begriff, fand ich endlich Ruhe. Ich musste nicht mehr ständig beweisen, dass ich der Beste bin. Aber ich musste mich auch nicht mehr schämen, wenn andere etwas besser konnten als ich. Wenn ich heute Mist baue, kann ich einfach sagen: «Ja, das war falsch. Danke für den Hinweis, ich will es nächstes Mal besser machen.» Und wenn mir jemand ein Kompliment macht, kann ich ehrlich «Danke» sagen, ohne meinen ganzen Wert darauf aufzubauen.
Wir müssen uns nicht mehr gegenseitig übertrumpfen. Wir dürfen einander mit unseren Stärken ergänzen und in unseren Schwächen tragen. Denn wir sind nicht wertvoll, weil wir gewinnen. Wir sind wertvoll, weil Gott uns liebt. Das Einzige, worauf wir wirklich stolz sein können, ist, dass wir Kinder Gottes sind.





