In meinem ersten Artikel ging es darum, wie unsere Überzeugungen über uns selbst, über den Menschen und über Gott unser Erleben prägen und dass sie veränderbar sind. Nun möchte ich sieben konkrete Überzeugungen vorstellen, die auf gut erforschten psychologischen Konzepten beruhen und die auch für mich persönlich tragfähig geworden sind. Wer den ersten Teil nicht gelesen hat, kann hier trotzdem einsteigen.
Eine kurze Standortbestimmung
Als Chefarzt einer psychiatrischen Klinik begegne ich täglich Überzeugungen, die Menschen über sich selbst mitbringen – hilfreiche und hinderliche.
Bevor ich erzähle, woher ich das habe, lade ich dich zu einer kurzen Standortbestimmung ein. Wie stark stimmst du den folgenden sieben Aussagen zu (1 = überhaupt nicht, 5 = voll und ganz)? Notiere dir die Zahlen ruhig – am Schluss kommen wir darauf zurück.
- 1Was ich tue, bewirkt etwas.
- 2Ich habe etwas, wofür ich dankbar sein kann.
- 3Ich bin wertvoll, unabhängig von meiner Leistung.
- 4Ich habe anderen etwas zu geben.
- 5Ich bin nicht allein.
- 6Was ich tue, dient einem grösseren Ganzen.
- 7Es gibt etwas Grösseres als mich selbst.
Wie wir Herausforderungen begegnen
Diese sieben Sätze stammen aus Shawn Achors neuem Buch «The Power of Beliefs»1. Achor verbindet darin Erkenntnisse der Positiven Psychologie mit einer Frage, die ihn schon während seines Studiums christlicher und buddhistischer Ethik beschäftigte:
Was hilft Menschen, zu vergeben, Hoffnung zu bewahren, Sinn zu finden und sich für andere einzusetzen?
Achor beschreibt zugleich einen «Great Drift»: ein schleichendes Wegdriften von tragfähigen Überzeugungen. Burnout, Angst, Einsamkeit und Depression bezeichnet er als die vier Reiter der modernen Welt. Dieses Bild der vier Reiter, das auch in der Bibel im Buch Offenbarung eine Rolle spielt, hat mich aufhorchen lassen – nicht zuletzt, weil mir diese vier in meiner Arbeit oft begegnen.
Überzeugungen bestimmen mit, worauf wir achten, was wir fühlen und welche Möglichkeiten wir sehen. Achor nennt sie das Betriebssystem, auf dem vieles abläuft.
Die Herausforderungen des Lebens können wir nicht immer wählen. Wie wir ihnen begegnen, lässt sich jedoch beeinflussen.
Achor spricht von Überzeugungen, die spätere Entwicklungen vorhersagen. Dieser Anspruch hat Grenzen: Viele Befunde zeigen Zusammenhänge, keine bewiesenen Ursachen, und beruhen auf Selbstauskünften. Hinzu kommt: Die einzelnen Konzepte – Selbstwirksamkeit, Dankbarkeit, Zugehörigkeit, Sinn – haben je eigene Forschungstraditionen. Die Zusammenstellung zu genau diesen sieben Sätzen ist Achors Syntheseleistung, nicht selbst ein Forschungsbefund. Ich verstehe die sieben Sätze deshalb als hilfreiche Einladung und Orientierung.
Wer den ersten Artikel gelesen hat, erkennt in diesen sieben Sätzen die drei Bilder wieder: Die meisten Sätze handeln vom Selbstbild, zwei von ihnen vom Blick auf andere Menschen, einer vom Gottesbild.
Die sieben Überzeugungen
1. «My Behavior Matters»
Was ich tue, bewirkt etwas: Auch kleine Schritte verändern etwas. Ich bin Mitgestalter meines Lebens und übernehme Verantwortung.
Hier geht es um Selbstwirksamkeit: um die Erfahrung, dass mein Handeln etwas beeinflussen kann. Albert Bandura zeigte bereits in den 1970er-Jahren, dass Menschen mit dieser Überzeugung länger dranbleiben, wenn etwas nicht sofort klappt.2 Wer dagegen glaubt, ohnehin nichts ändern zu können, hört eher auf, es zu versuchen.
2. «I Am Grateful»
Ich habe etwas, wofür ich dankbar sein kann: Auch inmitten von Herausforderungen gibt es Gutes. Ich möchte lernen, es wahrzunehmen und Dankbarkeit zu üben.
Dankbarkeit lenkt den Blick auf das, was da ist. In einer Studie notierten Studierende zehn Wochen lang wöchentlich fünf Dinge, für die sie dankbar waren. Sie beurteilten ihr Leben danach positiver, berichteten von weniger körperlichen Beschwerden – und bewegten sich sogar rund anderthalb Stunden pro Woche mehr als jene, die stattdessen ihre Ärgernisse notierten.3
3. «I Matter»
Ich bin wertvoll, unabhängig von meiner Leistung: Ich habe einen Wert und eine Würde, die ich mir nicht verdienen muss. Ich darf mich als Mensch mit Stärken und Grenzen annehmen.
Zugehörigkeit ist ein Grundbedürfnis und kein Luxus.4 Für mich hängt dieser Satz unmittelbar am Gottesbild: Wenn mein Wert von Gott kommt, muss (und kann) ich ihn mir nicht verdienen.
4. «I Have Something To Give»
Ich habe anderen etwas zu geben: Ich habe Gaben und Begabungen und kann mich damit sinnstiftend einbringen.
Hier steht der eigene Beitrag im Mittelpunkt: Ich habe anderen etwas zu geben. Wie viel daran hängt, zeigt sich oft erst, wenn es wegfällt. Wer eine Stelle verliert oder pensioniert wird, verliert nicht nur ein Einkommen, sondern auch Struktur, Kontakte und das Gefühl, gebraucht zu werden. Beides wiegt schwer – aber das Zweite ist nicht an eine Anstellung gebunden.
5. «I Am Not Alone»
Ich bin nicht allein: Ich bin verbunden und getragen. Ich muss es nicht allein schaffen. Ich darf Hilfe annehmen und bin Teil einer Gemeinschaft.
Soziale Unterstützung gehört zu den am besten belegten Schutzfaktoren. Oft zeigt sie sich unspektakulär: in einer ehrlichen Nachricht und in jemandem, der antwortet. Dazu kann auch gehören, professionelle Hilfe anzunehmen. Das ist kein Zeichen von Glaubensschwäche, sondern von Verantwortung.
6. «This Work Is Meaningful»
Was ich tue, dient einem grösseren Ganzen: Mein Tun hat Bedeutung, weil es einem grösseren Zweck dient. Ich bringe mich sinnstiftend ein.
Hier geht es um den grösseren Zusammenhang meines Tuns. Wer weiss, wozu und für wen er etwas tut, hält oft mehr aus. Viktor Frankl machte diese Beobachtung zur Grundlage seiner Logotherapie; auch die empirische Sinnforschung stützt sie.5 Dabei muss es nicht um etwas Spektakuläres gehen.
7. «There Is Something Greater Than Me»
Es gibt etwas Grösseres als mich selbst: Mein Leben ist eingebettet in einen grösseren Sinn. Es hängt nicht alles allein von mir ab.
Studien zu Spiritualität und Gesundheit sind methodisch uneinheitlich. Sie weisen jedoch auf einen Zusammenhang hin zwischen der Erfahrung, Teil von etwas Grösserem zu sein, und dem Umgang mit Belastungen.6
Für mich als Christ ist das nicht der Grund zu glauben: Ich glaube nicht an Gott, weil es der Resilienz hilft. Aber der Glaube hilft trotzdem.
Vielleicht ist dir die Zustimmung bei einzelnen Aussagen leichtgefallen, während andere eher Widerstand ausgelöst haben. Dieser Widerstand ist eine interessante Information. Er zeigt nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt – sondern, wo eine Überzeugung noch nicht selbstverständlich geworden ist.
Positive Worte allein reichen nicht
In der Frage, wie wir einander ermutigen können, hat mich ein Gedanke von Achor besonders angesprochen: «Du schaffst das!» ist zwar gut gemeint, aber unser Gehirn braucht mehr. Es braucht gute Gründe und einen nächsten Schritt.
Statt «Du wirst das schaffen» also eher: «Ich glaube, dass du es schaffen kannst – ich habe gesehen, wie du schon Schwieriges gemeistert hast. Und wenn du jetzt den nächsten Schritt gehst und dir Hilfe holst, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass du ankommst.»
Das entspricht auch einem biblischen Verständnis von Glauben. Christlicher Glaube ist kein positives Gefühl, sondern eine Gewissheit, die trägt.

«Der Glaube aber ist eine Wirklichkeit dessen, was man hofft, und ein Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.»
Hebräer 11,1
ELB
Und er bleibt nicht bei der inneren Haltung stehen: Der Jakobusbrief benennt einen Glauben, der ohne Taten bleibt, sogar als tot (Jakobus Kapitel 2, Vers 17). Vertrauen und konkrete Schritte gehören zusammen.
Eine einfache Übung
Unser Gehirn merkt sich Belastendes besonders gut. Verletzungen und Enttäuschungen bleiben präsent, während Erfahrungen des Getragenseins leichter verblassen.
Achor empfiehlt deshalb, nach der vollständigeren Wahrheit über das eigene Leben zu suchen: Nimm dir einmal pro Woche zehn Minuten und erinnere dich an einen Moment, in dem du getragen wurdest. Die schwere Erinnerung wird dadurch nicht verdrängt – aber eine andere darf wieder neben ihr stehen.
Und jetzt?
Schau nochmal auf deine sieben Zahlen. Welche Aussage hat den tiefsten Wert? Dort könnte dein nächster Schritt liegen. Vielleicht indem du dich fragst: Woran würde ich merken, dass der Satz stimmt? Und wer könnte mir helfen, ihn neu zu entdecken?
Manchmal ist ein tiefer Wert allerdings keine verzerrte Überzeugung, sondern eine zutreffende Beschreibung. Achor würde hier vielleicht widersprechen – denn er beschreibt Menschen mit liebevollen Eltern und einem grossen Freundeskreis, die dennoch überzeugt sind, allein zu sein. Solch eine Überzeugung entspricht dann also nicht wirklich der Realität, wirkt jedoch trotzdem. Das stimmt, und ich sehe es in meiner Arbeit oft. Und doch gilt auch das Umgekehrte: Wer tatsächlich isoliert lebt, braucht nicht zuerst eine neue Haltung, sondern einen Menschen. Auch das ist ein nächster Schritt – nur ein äusserer.
Die sieben Überzeugungen sind keine Patentrezepte gegen Krisen oder psychische Erkrankungen. Sie ersetzen weder Therapie noch Medizin noch Gemeinschaft. Aber sie erinnern daran, dass wir den Herausforderungen des Lebens nicht nur mit äusseren Ressourcen begegnen, sondern auch mit unseren inneren Haltungen.
Manchmal beginnt Veränderung deshalb nicht mit einer neuen äusseren Situation, sondern mit einer erneuerten inneren Haltung.

«Und noch etwas, Geschwister: Richtet eure Gedanken ganz auf die Dinge, die wahr und achtenswert, gerecht, rein und unanstössig sind und allgemeine Zustimmung verdienen; beschäftigt euch mit dem, was vorbildlich ist und zu Recht gelobt wird.»
Philipper 4,8
NGÜ
Die Kraft unseres Glaubens liegt auch darin, dass wir unsere Gedanken nicht dem Zufall überlassen müssen.
Wir dürfen lernen, unsere inneren Geschichten aus Gottes Perspektive neu zu betrachten – mit Hoffnung, Vertrauen und Liebe.
Und wir dürfen unfertig sein. Das ist keine Schwäche, sondern die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt wachsen und lernen können.
1| Achor, Shawn. (2026). The Power of Beliefs: How Strengthening Seven Core Beliefs Predicts Greater Success and a Better Life. New York: Crown Currency.
2| Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191–215; Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. New York: W. H. Freeman.
3| Emmons, R. A., & McCullough, M. E. (2003). Counting blessings versus burdens: An experimental investigation of gratitude and subjective well-being in daily life. Journal of Personality and Social Psychology, 84(2), 377–389.
4| Baumeister, R. F., & Leary, M. R. (1995). The need to belong: Desire for interpersonal attachments as a fundamental human motivation. Psychological Bulletin, 117(3), 497–529.
5| Frankl, V. E. (2018). … trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München: Kösel (Erstausgabe 1946). Zur empirischen Sinnforschung: Steger, M. F. (2012). Experiencing meaning in life. In P. T. P. Wong (Hrsg.), The human quest for meaning (2. Aufl., S. 165–184). New York: Routledge.
6| Ein Überblick über Forschungsstand und methodische Schwächen: Koenig, H. G. (2012). Religion, spirituality, and health: The research and clinical implications. ISRN Psychiatry, 2012, 278730.





