Wer bist du, Jesus?

Im dritten Drittel des Lebens überdenken viele Christen ihren Glauben noch einmal - wovon hängt das Leben und der Glaube wirklich ab?

28.7.2024
4 min
Viele Christen überdenken im dritten Drittel ihres Lebens den Glauben nochmal (Symbolbild)
Envato / PerfectWave003
Viele Christen überdenken im dritten Drittel ihres Lebens den Glauben nochmal (Symbolbild)

Ist die Überschrift eine merkwürdige – oder im Gegenteil eine wichtige Frage zu Beginn des dritten Drittels unseres Lebens? Vielleicht muss ich es gar nicht beurteilen, sondern schlicht feststellen: Es ist meine Frage, der ich mich noch einmal neu stellen möchte: Wer bist du, Jesus? Nachdem ich mich in den letzten Jahren sehr intensiv mit den Psalmen beschäftigt habe, und sie mich durch manche Unwegsamkeiten regelrecht getragen haben, dachte ich: Dieser Frage möchte ich noch einmal Raum geben: Wer bist du, Jesus? Wer bist du für mich? Was hat sich verändert?

Wie so oft beginne ich damit im Sommerurlaub, mit viel Zeit und Musse und dem Blick über den Iseosee und die angrenzenden Berge östlich von Mailand. In der Morgenstille am See bewegt mich diese Frage. Bei dieser Suche begleitet mich ein Buch mit Texten des katholischen Theologen Henri J. Nouwen: «Höre auf die Stimme, die Liebe ist!» Es geht nicht um Dogmen oder vollmundige Bekenntnisse, sondern einfach darum, auf die Stimme von Jesus zu hören.

Aber habe ich das nicht schon immer gemacht? Ich fange doch mit Ende fünfzig nicht erst an. Da gibt es sie doch – meine Glaubensgeschichte und meine Jesusgeschichte! Aber sie hat sich verändert. Hast du dich verändert, Jesus, oder hat sich mein Bild von dir gewandelt im Laufe der Jahre? Du bist nicht einfacher geworden, aber weiter, grösser – überraschend anders. Zu diesen Fragen passt der Monatsspruch, den ich am Ende des Urlaubs lese: «Jesus Christus spricht: Wer sagt denn ihr, dass ich sei?» (Matthäus Kapitel 16, Vers 15) Die BasisBibel übersetzt: «Da fragte er sie: Und ihr, für wen haltet ihr mich?» Und in der Stille am See notiere ich mir:

Mein Bekenntnis

Was ist mein Bekenntnis in der ausgehenden Lebensmitte?

Du bist nicht wegzudenken aus meinem Leben, Jesus. Von Anfang an gehörst du dazu, wie das tägliche Brot, die Luft zum Atmen und die Menschen um mich herum. Aber kenne ich dich wirklich? Bist du vielleicht noch ganz anders, als ich es immer gedacht habe? Was passiert mit meinem Glauben, wenn ich diese Frage zulasse: Wer bist du, Jesus? Wenn ich mir eines von Herzen wünsche, ist es, bei dir zu bleiben. Gleichzeitig traue ich mir und meinem Glauben an dich manchmal nicht so recht über den Weg. Aber muss ich das denn? Wovon hängt mein Leben – und mein Glaube – ab, wer trägt hier eigentlich wen?

Was fällt mir ein – ohne nachzudenken oder nachzulesen – was würde ich sagen, Jesus, wer du für mich bist? Wie lautet mein «Herzens-Wissen»? Dazu sind mir als erstes vier kurze Sätze von Lothar Zenetti eingefallen, die mich begleiten, seit ich sie mit Mitte Zwanzig das erste Mal gelesen habe:

Wer Jesus für mich ist?

Einer, der für mich ist!

Was ich von Jesus halte?

Dass er mich hält!

Von Jesus berührt

Das Wort von Jesus an Petrus kommt mir in den Sinn: «Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dann umkehrst, so stärke deine Brüder!» (Lukas Kapitel 22,Vers 32) Dieses Wort nehme ich sehr persönlich! Ich bin gehalten. Du hältst mich, Jesus! Und du hältst mich aus. Auch meine Fragen. So gerne hätte ich einmal eine Predigt von dir gehört. So ganz direkt. Was hast du erzählt, wenn die Menschen dir stundenlang zugehört haben? Kein einziges Wort hast du diktiert, das wundert mich manchmal. Du hast nicht überwacht und kontrolliert, was man von dir hören, wissen, lesen soll. Darüber staune ich.

Aber eins hast du immer und immer wieder getan – und tust es bis heute: Die Menschen zu berühren. «Jesus, ich möchte dich noch einmal neu sehen lernen, dich entdecken und von dir geliebt werden. Auf deine Stimme hören, und von dir berührt werden. Von anderen und mit anderen lernen: So bist du also auch, Jesus! Vergib mir, wo ich dich klein gemacht habe, berechenbar, damit du in meine Welt passt. Du darfst gross werden – grösser, als ich es fassen kann. Amen!»

Zur Autorin:
Christiane Rösel ist Referentin und Autorin. Sie arbeitet für den Evangelischen Gemeinschaftsverband Württemberg – die Apis.

Teile diesen Beitrag
Das könnte dich auch interessieren
Thema
frau-schaut-durch-eine-lupe

Perspektivwechsel: Was sie dem Bettler (nicht) zu bieten haben

Zwei Jesusjünger gehen in das – ausdrücklich als «schön» bezeichnete – Eingangsportal des Jerusalemer Tempels. Tausende Touristen vor dieser Sehenswürdigkeit schauen und staunen nach oben. Sie bewundern Steine. Sie wertschätzen die Glanzleistung verstorbener Genies. Aber Petrus und Johannes schauen ...
Thema
Steckdose

«Das kann mir nicht passieren!»

«Das würde ich doch nie tun ... Wie kann man nur?» Wer kennt diesen Satz nicht ... Doch widerspiegelt er eine Haltung, die für das Zusammenleben Gift ist. Es gibt aber Möglichkeiten, um unsere Gedanken zu steuern und zu verändern.
Thema
eine-frau-in-einer-menschenmenge

Woran merken andere, dass Jesus in dir lebt?

Du kennst sie. Wir alle kennen sie. Der Kollege, der bei jedem Fehler sofort mit dem Finger auf jemand anderen zeigt. Die Freundin, die nie – wirklich nie – zugibt, dass sie im Unrecht war. Der Typ in der Gruppe, der sich nach jedem Streit als Opfer darstellt, egal was passiert ist. Und wenn du ...
Thema
Wer Mitgefühl hat, Fachleute sprechen auch von Empathie, ist fähig, sich in die Situation anderer zu versetzen und mitzufühlen.

Mitgefühl und Mitleid – Nicht jeder ist darin ein Champion

Zwei Menschen sehen einen dritten, der leidet. Der eine bleibt distanziert, der andere ist betroffen und will helfen. Die Fähigkeit mitzufühlen macht hier den Unterschied.