Philipp Yancey zieht sich aus Dienst zurück
Philipp Yancey ist seit Jahrzehnten eine prominente Stimme im evangelikalen Raum. Auch im deutschsprachigen Raum ist er bekannt, unter anderem durch seine Bücher «Gnade ist nicht nur ein Wort» und «Der unbekannte Jesus». Leser schätzen seinen ehrlichen, klischeefreien und radikalen Stil, nicht zuletzt auch in seinem Buch «Von Gott enttäuscht». Seine Bücher sind in über 50 Millionen Exemplaren weltweit verbreitet. Yancey ist seit 55 Jahren mit seiner Frau Janet verheiratet.
Öffentliches Bekenntnis
Jetzt scheint Yancey die radikale Gnade, die er in seinen Büchern packend geschildert hat, selber nötig zu haben. In einem offenen Brief an das US-Magazin Christianity Today, mit dem er seit den Anfängen im Jahr 1971 verbunden ist, erklärt er: «Zu meiner grossen Schande gestehe ich, dass ich acht Jahre lang vorsätzlich eine sündige Affäre mit einer verheirateten Frau hatte.» Er fügte hinzu: «Ich habe meine Sünde vor Gott und meiner Frau gebeichtet und mich zu einer professionellen Beratung und einem Programm zur Rechenschaftspflicht verpflichtet.»
Desillusioniert?
Yancey entschuldigte sich bei seinen Lesern; der Konflikt zwischen seinem Verhalten und den moralischen Überzeugungen hin, die er in seinen Werken zum Ausdruck gebracht hat, sei ihm bewusst. Er sagte, er habe «moralisch und geistlich versagt und trauere über die Verwüstung, die ich angerichtet habe», und räumte ein, dass seine Handlungen «die Leser, die bisher auf meine Schriften vertraut haben, desillusionieren werden».
Er reflektierte weiter, dass «das Schlimmste daran ist, dass meine Sünde Gott entehrt hat», beschrieb sich selbst als «voller Reue und Busse» und erklärte, dass er «nichts habe, worauf er sich stützen könne, ausser Gottes Barmherzigkeit und Gnade».
Im Rahmen seines Rückzugs aus dem öffentlichen Leben hat Yancey seine Vortrags- und Seelsorgetätigkeit eingestellt und auch seine Konten in den sozialen Medien gelöscht. Er schloss seine Erklärung mit den Worten: «Ich muss meine verbleibenden Jahre damit verbringen, den Worten, die ich bereits geschrieben habe, gerecht zu werden.»
Was sagt seine Frau dazu?
Yanceys Frau Janet veröffentlichte ebenfalls eine Erklärung gegenüber Christianity Today als Reaktion auf die Enthüllung. Sie selbst sei «an einem Ort des Traumas und der Verwüstung, den nur Menschen verstehen können, die Verrat erlebt haben». Sie bekräftigte jedoch, dass sie «vor 55½ Jahren ein heiliges und bindendes Eheversprechen gegeben habe und dieses Versprechen nicht brechen werde».
Janet drückte ihren christlichen Glauben an die Vergebung aus; sie «akzeptiere und verstehe, dass Gott durch Jesus für die Sünden der Welt, einschliesslich der von Philip, bezahlt und sie vergeben hat». Dennoch wies sie auf die persönliche Schwierigkeit hin, den Verrat zu verarbeiten, und sagte: «Gott schenke mir die Gnade, trotz meines unfassbaren Traumas auch zu vergeben»; sie schloss mit der Bitte an die Leser und Gläubigen, «bitte für uns zu beten».
Im Jahr 2023 hatte Yancey bekanntgegeben, dass bei ihm Parkinson diagnostiziert worden war und er bereits leichte Symptome zeigte. In einer Kolumne in Christianity Today schrieb er in diesem Jahr, dass seine Frau «selbstlose, unerschütterliche Loyalität» zeigte, als sie sich darauf vorbereitete, seine Pflegekraft zu werden. Yancey hatte bereits nach einem beinahe tödlichen Autounfall im Jahr 2007 über Herausforderungen und Spannungen seiner Ehe berichtet – und wie der Unfall die Beziehung zu seiner Frau positiv verändert habe.
Wie radikal ist Gnade?
In einem Kommentar fragt CNN, ob Yancey jetzt die gleiche «radikale Gnade» von seinen Mitchristen und Kollegen erlebe, für die er in seinen Büchern so bekannt und gerühmt worden sei. Christen seien bekannt dafür, dass sie «am Besten da seien, wo sie ihre Eigenen auffressen» könnten.
Die bekannte Autorin Diana Butler Bass erklärte, andere christliche Leiter würden wahrscheinlich sehr unterschiedlich auf Yanceys Bekenntnis reagieren. «Einige werden Trauer empfinden und vielleicht auf irgendeine Weise Gnade walten lassen, aber in den letzten Jahren hat sich der Evangelikalismus zunehmend gegenüber Ausdrucksformen von Empathie verschlossen und seine Definitionen von Gnade eingeengt.» Bass vermutet, dass sich viele Evangelikale gegen Yancey wenden werden. «Sie werden sagen, dass seine offene Theologie das Ergebnis moralischer Sündhaftigkeit war, und diese beiden Dinge sind in ihren Köpfen immer miteinander verbunden», sagte sie. «Das Versagen in seinem Privatleben wird wahrscheinlich dazu benutzt werden, seine grosszügigere theologische Botschaft zu untergraben.»
Auch in Europa ist die Frage aktuell: Wie radikal ist Gnade? Und bleiben Yanceys Bücher trotzdem wahr und aktuell – «jetzt erst recht»?
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Datum: 10.01.2026
Autor:
Reinhold Scharnowski
Quelle:
Livenet / Christianity Today / CNN