Ein Jahr, das nach Wurzeln fragt
2026 startet nicht mit einem lauten Ruf nach Orientierung, sondern mit einer stillen, wachsenden Sehnsucht nach Tiefe. Psychologie und Soziologie weisen seit Längerem darauf hin, dass mit zunehmender Geschwindigkeit der Welt auch das Bedürfnis nach Sinn, Zugehörigkeit und innerer Ruhe wächst. Einsamkeit wird inzwischen zunehmend als gesellschaftliche Pandemie beschrieben. Wir leben in einer vernetzten Welt, sind dabei aber nicht wirklich verbunden.
Hoffnung und Handeln
Als Christ glaube ich, dass Zukunft nicht im Zufall wurzelt, sondern in Beziehung: der Beziehung zu Gott, der uns geschaffen hat, und der Beziehung zueinander. Diese beiden Dimensionen können 2026 entscheidend sein. Denn der Mensch bleibt ein Beziehungswesen – biologisch, psychologisch und geistlich.
Die Bibel verbindet Hoffnung mit Handlung. «Fürchte dich nicht» (Jesaja Kapitel 41, Vers 10; Lukas Kapitel 2, Vers 10) ist kein blosser Trost, sondern ein Zuspruch, der Mut gibt: Mut, sich den eigenen Fragen zu stellen (Psalm 139, Verse 23-24), Mut, Grenzen und Verletzlichkeit anzunehmen (2. Korinther Kapitel 12, Vers 9) und Mut, Schritte zu wagen, deren Ausgang ungewiss ist (Hebräer Kapitel 11, Vers 1). Hoffnung ist kein Gefühl, sondern zeigt sich im Alltag – im Handeln, im Ausprobieren und im Vertrauen.
2026 wird ein Jahr, in dem genau dieser Mut wichtig ist. Nicht der Mut, die Welt zu retten, sondern der Mut, im Kleinen sichtbar zu machen, was im Grossen trägt. Jeder Mensch kann ein «Leuchtturm-Punkt» sein – ein Ort, an dem andere Orientierung, Stabilität, Sicherheit und Identität finden. Das beginnt unscheinbar: in einem ehrlichen Gespräch, im Anruf bei jemandem, der sich zurückgezogen hat, im Zuhören ohne Eile, im Entschluss, Verantwortung zu übernehmen, wo Gott uns hinstellt.
«Licht zu sein» (Matthäus Kapitel 5, Verse 14-16) bedeutet nicht Perfektion. Es heisst, das Gute sichtbar zu machen: durch Freundlichkeit, durch Integrität, durch die bewusste Entscheidung, Gleichgültigkeit keinen Raum zu geben. Licht zeigt den Weg, wärmt und schafft Sicherheit. Genau das braucht unsere Gesellschaft.
Erfindung Gottes gegen Einsamkeit
Die Theologie beschreibt Gottes Wirken in der Welt durch ein zutiefst organisches Bild: die christliche Gemeinschaft als «Leib Christi» (1. Korinther Kapitel 12). Kirche ist deshalb keine menschliche Notlösung, sondern eine geniale Erfindung Gottes. Ein Raum voller Unterschiedlichkeit, Berufungen, Begabungen und Lebensgeschichten – und ein Ort, an dem Menschen getragen werden, wo sie im Alltag oft allein stehen. Wer sich einer Kirche anschliesst, erlebt Gemeinschaft, die nährt, stabilisiert und Identität stärkt. Niemand muss alleine navigieren.
Die Frage ist nicht, ob 2026 ein leichtes Jahr wird. Die Frage ist, welche Geschichte wir darin schreiben.
Und die Frage ist auch: Wie können wir sie schreiben? Drei Anregungen:
1. In Beziehung leben – echte Verbundenheit pflegen
Stabilität entsteht dort, wo Menschen sich gesehen, verstanden und wertgeschätzt fühlen. Begegnungen auf Augenhöhe, echtes Interesse und das Gefühl, wahrgenommen zu werden, sind zentrale Quellen von Resilienz. Wer in Beziehung lebt, beugt Einsamkeit vor – der eigenen und der der anderen.
2. Auf Werte und Wurzeln bauen
Werte geben Orientierung, Sicherheit und Identität. Sie wirken wie innere Koordinaten, die uns durch Zeiten führen, in denen äussere Sicherheiten brüchig werden. Menschen, die wissen, woraus sie leben, wissen auch, wohin sie gehen. Glaube schenkt Tiefe – Werte schenken Richtung.
3. Verzicht üben und schwierige Gefühle annehmen
Wir leben in einer Kultur der Sofortbefriedigung, in der es zusehends schwerfällt, mit Grenzen, Wartezeiten oder Ungewissheit umzugehen. Verzicht kann helfen, den Blick für das Wesentliche zu schärfen und innere Freiheit zu gewinnen. Schwierige Gefühle anzunehmen – statt sie zu verdrängen – stärkt unsere emotionale Widerstandskraft, also die Fähigkeit, belastende Situationen zu meistern. Gleichzeitig öffnet es geistlich Raum für Gottes Wirken: Wer sich selbst und seine Grenzen akzeptiert, wird empfänglicher für Impulse, Führung und Trost von Gott. So verbinden sich innere Stärke und spirituelle Offenheit miteinander.
Und vielleicht lohnt sich die Frage: Wenn jemand jemanden sucht, der Christ ist – weiss er oder sie von mir?
Christen wissen, wo Sinn, Frieden und Hoffnung zu finden sind. 2026 könnte ein Jahr sein, in dem wir das wieder mutiger zeigen. Nicht laut, sondern liebevoll. Durch Leben, das trägt.
Ich wünsche uns ein Jahr, das Mut stärkt, Einsamkeit heilt und Sinn neu entfaltet. Denn Zukunft beginnt dort, wo Hoffnung Wurzeln schlägt und Werte, die tragen, tief genug reichen, um uns durch dieses neue Jahr zu führen.
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Datum: 04.01.2026
Autor:
Markus Hänni
Quelle:
Livenet