«Zu viel allein ist ungesund»

Führt Einsamkeit zum Aufbruch?

Irene Widmer sieht in der Gesellschaft Paradigmen, die Einsamkeit mit alt, randständig und psychischen Problemen assoziieren und deshalb tabuisieren. Ein erfolgreicher Mensch dürfe sich demnach nicht einsam fühlen. Ist das so?
Irene Widmer engagiert sich in gemeinschaftlichen Projekten und stellt sich der Einsamkeit.

Mit ihrem Buch «Zu viel allein ist ungesund» versucht die Autorin, die Einsamkeit aus dieser Isolation herauszuholen, weil es für sehr viele Menschen ein Thema sei. Rund um den Auszug ihrer erwachsenen Kinder von zu Hause musste auch sie selber sich neu dem Thema der Einsamkeit stellen.

Sich aufmachen

«In der Situation merkte ich, dass ich jetzt in Bewegung kommen muss», sagte die Co-Leiterin der Gemeinschaft «Ensemble» und der Fachstelle Gemeinschaftliches Leben in Riehen bei Basel in einem Interview mit idea. Aber nicht allen falle es leicht, sich aufzumachen. Viele scheiterten daran. «Die Menschen, die psychisch nicht ganz so stark sind, trifft es zuerst. Sie sind der Barometer für die ganze Gesellschaft.»

Angesichts von Einsamkeit sei die Frage zu stellen, ob sie zu einem Aufbruch führe oder ob man Unterstützung brauche. Einsamkeit sei auch ein Indikator, um einmal Selbstkritik zu üben. «Sagen mir Mitmenschen, dass es mit mir nicht einfach ist? Wo brauche ich andere, die an mir schleifen? Wo bin ich gefragt, mich auf einen Weg zu neuer Menschenfreundlichkeit zu begeben?»

Beziehungen wagen

Mit dem 2018 erschienenen Buch richtet Irene Widmer ein Plädoyer an die Leserschaft, Beziehungen zu wagen und Gemeinschaft zu suchen – in welcher Form auch immer. Gott berufe Menschen in den Leib Christi. «Christus, der in uns lebt, braucht Menschen aus Fleisch und Blut, die miteinander in Beziehung treten. Ich muss nicht einsam sein, weil ich erstens Gott habe und zweitens den Leib Christi um mich herum.»

Gemeinschaft behebe aber Einsamkeit nicht automatisch. «Manchmal ist ja die Gemeinschaft ein Spiegel von mir selbst, der mir zeigt, dass es tief in mir eine einsame Seite gibt.» Diese melde sich gerade in Gemeinschaft, weil sie die Sehnsucht habe, dass die Umgebung diese tiefe Verlassenheit in einem tröste. «Doch das passiert nicht, weil für diese Verlassenheit ich selbst und Gott verantwortlich sind. Es wäre überheblich, das menschlich stillen zu wollen. Da kann es zu neuen Verletzungen und grossen Konflikten kommen.»

Eine sensible und tragende Gemeinschaft biete einem Begleitung und Gebet an. Manche liefen aber enttäuscht davon, bevor der Prozess der Heilung in Gang gekommen sei. Für Gemeinschaftsleiter gehe es darum, eine Atmosphäre und ein Umfeld zu schaffen – einen Geist in Jesus –, in dem ein Mensch offen darüber sprechen könne, dass er sich einsam fühle. Es brauche auch Gemeinden, die ihren Fokus auf die Gemeinschaft legten. «Gerade an Sonntagen können sich Menschen sehr einsam fühlen. Darum bietet zum Beispiel das Sonntagszimmer in Basel ein Sonntagsprogramm an – vom Gottesdienst über das gemeinsame Essen zum Verweilen, Reden, füreinander Beten. Das hat einen grossen Zulauf. Für christliche Diakonie ist hier ein weites Feld offen.»

Zum Buch:
«Zuviel Allein ist ungesund»

Zum Thema: 
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Datum: 24.11.2018
Quelle: ideaSpektrum Schweiz

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