Ein Unfallforscher erklärte es so: «Senioren haben viel Erfahrungswissen, ihre Festplatte ist voll. Aber ihr Arbeitsspeicher ist kleiner und sie brauchen daher länger, um auf Ereignisse zu reagieren.» So ist es also: Wer viel Erfahrung und sehr viele Erinnerungen gesammelt hat, ist alt genug, um auch mal unangemessen lange auf dem Gaspedal zu bleiben.
Die meisten Autos bieten ja nur noch zwei und nicht, wie früher, drei Pedale an. So wenig Möglichkeiten, und dann verwechselt man sie auch noch!? Jahrzehntelang hat man nie die Pedale verwechselt. Man hat, ohne nachzudenken, automatisch alles richtig gemacht. Und jetzt passiert sowas. Wie peinlich!
So etwas geschieht uns vielleicht nur einmal, verunsichert uns aber nachhaltig. Es ist ein Anzeichen, dass wir nicht mehr alles so sicher im Griff haben wie bisher. Kompetenzverlust ist unangenehm. Ein Leben lang haben wir unsere Kompetenzen ständig erweitert. Ein einziger Pedalverwechsler reicht, um uns zu signalisieren, dass unsere Grenzen neuerdings wieder näherkommen.
Die Zeichen der Zeit richtig deuten
Ein Pedalverwechsler kann ein Zeichen sein, dass es jetzt Zeit ist, sich mehr Zeit zu lassen, Tempo aus unserem Alltag rauszunehmen, unserem Agieren mehr Sicherheitsmarge zu geben. Aber so cool und konstruktiv schlussfolgern vermutlich nur wenige von uns. Die meisten werden einen Pedalverwechsler erst mal als Abwertung empfinden. Die Befürchtung erwacht, dass andere auf die Idee kommen könnten, unseren Fahrkünsten nicht mehr so ganz zu trauen, auffällig angespannter neben uns zu sitzen und uns unaufgefordert mehr Beratung anzubieten. Verunsicherung und zunehmende Überwachung ist kein schönes Zukunfts-Szenario.
Ein Pedalverwechsler ist aber nur eines von vielen möglichen Anzeichen, dass wir alt genug sind, unsere Situation neu einzuschätzen und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen.
Auch der Ärger, weil andere so leise und undeutlich reden, kann so ein Anzeichen sein. Oder die Schreckhaftigkeit, wenn Kinder herumrennen. Wenn wir häufig «Ding» als Platzhalter für Wörter verwenden, die uns jetzt gerade nicht in den Sinn kommen wollen, beim Wandern jede Sitzbank bezüglich ihrer Bequemlichkeit mustern oder angesichts eines wildfremden E-Bike-Fahrers das Bedürfnis haben, zu erzählen, selbst kein E-Bike-Fahrer zu sein, so sind dies auch Anzeichen, die zur Neueinschätzung einladen. Es sind Anzeichen dafür, dass sich in unserem Leben etwas verändert hat, wir aber noch nicht darauf reagiert haben.
Leben im Hier und Jetzt
Wer 60 Jahre alt ist, sollte nicht wie ein 40-jähriger Sport treiben, eine 70-jährige sollte nicht ihre Jugendlichkeit feiern, ein 80-Jähriger sollte nicht ein Land regieren. Aber der Zeitgeist trimmt uns auf Jugendlichkeit und Langlebigkeit ohne Einschränkungen. «Wer das hat, hat das Leben!», so das Versprechen.
Das verleitet zu Fehleinschätzungen. Und so erliegen viele In-die-Jahre-Gekommenen der Versuchung, unter anderen Bedingungen leben zu wollen, als ihnen tatsächlich gegeben sind. Abgesehen davon, dass eine solche Lebensweise anstrengend ist, behindert man sich damit selbst, die Möglichkeiten der aktuellen Lebensphase zu sehen und auszuschöpfen. Wer weise ist, lebt ganz im Hier und Jetzt.
Weisheit ist wählbar und attraktiv
Weisheit beginnt mit der Erkenntnis, dass ich Geschöpf bin und meinen Schöpfer verehre (Sprüche 9,10; Psalm 111,10). Er hat mir das Leben geschenkt. Ich bin von ihm gewollt, geliebt, gehalten und ich werde von ihm erwartet (Psalm 139; Johannes 3,16; 14,3; Epheser 1,18). Ich bin demnach nicht der Mittelpunkt meines Lebens. Der Sinn und die Erfüllung meines Lebens muss ich mir nicht selbst erschaffen.
Unter diesen Voraussetzungen kann ich mich dem Leben zuwenden. Ich entscheide mich, im Hier und Jetzt zu leben.
Ich akzeptiere, dass heute nicht gestern ist und dass die tollen Komplimente aus der Vergangenheit veraltet sind. Ich bin bereit für ein Update und bitte meine Weggefährten immer mal wieder um ihre Wahrnehmung und Einschätzung. Auch meine Selbstwahrnehmung und das Bewusstsein für die Bedingungen, unter denen ich lebe, bringe ich regelmässig auf den neusten Stand.
Ich akzeptiere, dass meine Lebenszeit in absehbar Zeit zu Ende geht (Psalm 90,12) und überlege mir, wie ich diese Zeit nutzen will. Ich überlege mir, eine Liste mit all den Dingen zu erstellen, die ich noch tun und erleben will; oder eine Vorstellung zu entwickeln, was für ein Mensch ich bis zum letzten Atemzug sein will.
Zugleich mache ich mir bewusst, dass mein ewiges Leben dank Jesus Christus ja schon längst begonnen hat und vollkommen sein wird (2. Korinther 4,16-18). Das hilft mir, die Grenzen, die näher kommen, zu akzeptieren und mich darauf einzustellen. Ich bin jetzt alt genug, meine «Pedalverwechsler» – oder welche Anzeichen es auch immer sind – nicht mehr als Wertverminderung zu sehen. Ich nehme sie an Anzeichen von Veränderungen wahr, auf die ich reagieren soll und auch will.





.jpg?v=1793324631&ct=A_kdr6iHBDrelJ480f9nND2tW&focal=50-50-1&s=AnpUaNe6RfbLr1xjao69lOurdRkP4EHq)