Nun, ich will an dieser Stelle wirklich nicht den Drohfinger heben oder mich als Schwarzmalerin aufspielen. Aber Tatsache ist: Wer sich jenseits der Lebensmitte befindet, vielleicht sogar im dritten Drittel des Lebens, der bewegt sich auf der Zielgerade. Das Ende rückt unverrückt näher.
Vom Ende her denken
Vor Jahren ist mir zu diesem Thema ein Text begegnet, der zum Nachdenken anspornt. Er ist hier in leicht angepasster Form eingefügt (dabei steht «sie» genauso für «er»):
Sie wollte Briefe schreiben – morgen.
Ihre niedergeschlagene Freundin besuchen, sie ermutigen und fragen, ob sie ihr helfen könne – morgen.
Sie wollte «alltägliche» Momente bewusst geniessen – morgen.
Der alten Nachbarin einen Blumenstrauss bringen – morgen.
Sie wollte sich gesünder ernähren, mehr Sport treiben – morgen.
Sie wollte optimistischer und dankbarer sein – morgen.
«Ich will mich um die Beziehung zu Gott kümmern», sagte sie. – «Morgen.»
Doch sie war so beschäftigt, hatte keine Minute Zeit um innezuhalten, sich um all das zu kümmern, was ihr wichtig schien: Schade, wirklich schade!
Denn als ihre Zeit hier auf Erden abgelaufen war, hinterliess sie einen Berg von Dingen, die sie tun wollte – morgen.
Autor/-in unbekannt
Was klingt in dir an, wenn du diese Zeilen liest? Ist dir spontan eine Person eingefallen, die du längst dringend besuchen möchtest? Oder etwas, das du schon länger anpacken willst, was dir wichtig ist, aber immer wieder im Strudel des Alltäglichen untergeht?
Vielleicht ist an dieser Stelle der Moment für dich da, deinen Laptop zuzuklappen oder dein Handy wegzulegen und innezuhalten. Oder aber zeitnah einen Termin zu fixieren, um deine Gedanken und Impulse festzuhalten. Beginne danach, diese kleinen Dinge unverzüglich umzusetzen. Irgendwann – und das muss nicht unbedingt am Ende des Lebens, sondern kann auch an einem gesundheitlichen Wende- oder Tiefpunkt sein – sind dir vielleicht die Hände gebunden. Die Füsse werden träge oder dein Gehirn verschleiert deinen Willen. Was du bis dahin nicht getan hast, setzt sich dann unter Umständen mit einem gewissen Bedauern oder Bereuen am Lebensboden fest, wie die Farb- und Gerbstoffe es bei einem gereiften Rotwein auf dem gewölbten Boden tun.
Bedauern oder bereuen
Die Autorin Barbara Bleisch schält in ihrem Buch «Mitte des Lebens» die beiden Begriffe «bedauern» und «bereuen» auseinander, die im Deutschen nicht so scharf getrennt werden. Sie schreibt:
«Manchmal hadern wir ja im Nachhinein mit uns, weil wir zum Schluss kommen, dass wir anders hätten handeln oder entscheiden sollen. Wir machen uns vielleicht sogar Vorwürfe, dass wir zum Beispiel nicht mutiger, fairer oder durchsetzungsstärker waren, und sind überzeugt, wir würden uns, bekämen wir eine zweite Chance, anders verhalten.»
Hierfür benutzt sie den Begriff der Reue, des Bereuens. Beim Bedauern ist es anders: Auch wenn wir uns aus guten Gründen gegen eine Option entschieden haben, sind wir nicht gefeit davor, die Entscheidung im Rückblick doch noch zu bedauern.
Mit fortgeschrittenem Alter können wir noch einmal entscheiden, mit welchem Blick wir auf unser vergangenes Leben schauen und welchen Farbton wir unserem noch zu lebenden Leben geben. Sich in den verpassten Chancen und vermeintlich falsch gewählten Optionen zu suhlen, lässt uns verbittert und ungeniessbar werden. Hingegen aufzustehen und die Chancen zu packen, die uns noch bleiben, macht uns zu fröhlichen, hoffnungsvollen Menschen. Leben, als wäre morgen der letzte Tag. Träumen, als läge alle Zeit der Welt noch vor uns. Irgendwie klingt das im ersten Moment paradox, aber lass dich doch auf dieses Experiment ein!
Deine persönliche «Löffel-Liste»
2007 kam der Film «The Bucket List» (deutsch: «Das Beste kommt zum Schluss») auf die Kino-Leinwände – genau, damals ging man noch ins Kino! Zwei Männer, deren bisheriges Leben sehr unterschiedlich verlief, teilen sich ein Spitalzimmer. Der Milliardär Edward Cole (Jack Nicholson) und der Mechaniker, Carter Chambers (Morgan Freeman), wünschen sich beide, ihre verbleibende Lebenszeit – bevor sie den «Löffel abgeben» – so zu verbringen, wie sie es sich immer erträumt haben. Geleitet von ihrer «Bucket List» machen sie sich auf den Weg – und entdecken dabei neue Lebensfreude und Humor. Schliesslich werden sie dabei zu Freunden. Für jedes Abenteuer, das sie gemeinsam erleben, setzen sie einen weiteren Haken auf ihrer Liste.
Mir gefällt diese Idee! Dir auch? Dann halte noch einmal inne. Nimm dein Tagebuch oder sonst ein Blatt Papier und erstelle eine Liste mit Wünschen, kleinen und vielleicht auch grösseren Abenteuern, die du noch erleben möchtest. Deiner Fantasie sind keine Grenzen gesetzt! Du willst den einen Berg erklimmen, das Land bereisen, von dem du seit 20 Jahren träumst?
Oder du erstellst eine Liste mit «wichtigen» Menschen. Bei jedem überlegst du, was du mit ihm oder ihr noch (einmal) erleben möchtest. Es müssen keine grossen oder verrückten Dinge sein, aber vielleicht schlagen deine Wünsche Purzelbäume – dann lass sie purzeln. Hauptsache du machst dich auf den Weg und schiebst es nicht auf die lange Bank! Nimm im Alltag auch die kleinen, feinen Impulse wahr, die Gott dir gibt. Hey! – Du bist alt genug, um im Jetzt zu leben.




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