Jordanien: «Eine Rakete schlug in der Nähe ein»
Christliche Gemeinschaften in Jordanien haben eine lange Geschichte. Pastor Homero Aziz kommt ursprünglich aus Brasilien, wirkt seit zwölf Jahren in Jordanien und war an Gemeindegründungen in der Türkei, in Syrien und im Irak beteiligt. Gegenüber der Agentur Protestante Digital aus Spanien beschreibt er, wie Christen die Situation in Jordanien momentan erleben und wie die weltweite Kirche für den Nahen Osten beten kann.
Die Situation im Augenblick
«Die Atmosphäre ist angespannt, aber kontrolliert», beschreibt Aziz die Lage. «Wir befinden uns nicht in einem offenen Konflikt, aber jeder spürt den Druck. Wenn sich die Lage zwischen Israel und dem Iran zuspitzt, wird Jordanien automatisch zu einem sensiblen Gebiet. Wir teilen Grenzen, haben gemeinsame Sorgen um den Luftraum, sind mit der Flüchtlingsproblematik konfrontiert und stehen unter politischem Druck aus allen Richtungen.» In seiner Gemeinde hat Aziz viele irakische und syrische Flüchtlinge. «Man spürt den Druck in den Gesprächen – weniger Gelächter, mehr `Was wäre, wenn...`.»
Jordanien sei immer ein Ort der Zuflucht und des Friedens gewesen, aber im Moment «ist der Konflikt näher bei uns als je zuvor», beschreibt Aziz die Situation. «Drei Raketen schlugen in meiner Nachbarschaft ein, eine nur etwa einen Kilometer von meinem Haus entfernt. Wir konnten den Einschlagsort von unseren Fenstern aus sehen. Unseren Kindern geht es gut, aber einige unserer Gemeindemitglieder haben grosse Angst und schmieden Fluchtpläne für den Fall, dass sich der Krieg zu etwas anderem entwickelt.»
Reaktion der Kirchen: Gebet und ruhiger Realismus
«Die christliche Gemeinschaft hier ist klein, aber widerstandsfähig», erklärt Aziz. «Die Kirchen rufen zu konzentrierten Gebetstreffen auf und kümmern sich gleichzeitig um verletzliche Familien. Wir ermutigen die Gläubigen, keine Angst zu verbreiten und erinnern sie, dass das Reich von Christus unerschütterlich ist. Man kann es mit ruhigem Realismus beschreiben.»
«Die Christen hier wissen, wie schnell Minderheiten in Zeiten regionaler Konflikte gefährdet sein können», fährt Aziz fort. «Deshalb wird gebetet, aber es wird auch praktische Weisheit angewandt. Der Glaube ist hier nicht theoretisch, sondern wird gelebt. Unsere Kirche leistet weiterhin Hilfe für die Flüchtlingsfamilien, die wir unterstützen, und alle unsere pastoralen Aktivitäten finden trotz des anhaltenden Konflikts weiterhin statt.»
Die Kirche im Nahen Osten lebt
Aziz hat Kontakte im ganzen Nahen Osten – zu Gläubigen im Irak, in Syrien, im Libanon und in Israel. In der letzten Woche habe er in Syrien in einer Gemeinde mit 85 bekehrten Drusen gesprochen: «Kein Strom, kein Wasser, aber eine blühende neue Kirche inmitten von Verfolgung und einer grossen Krise, die kürzlich zum Tod von fast 18'000 Menschen in der Region geführt hat. Eines der Kirchenmitglieder wurde bei diesen Vorfällen getötet, und vier Menschen starben, als eine iranische Rakete den Ort traf.»
Aber: «Wenn Spannungen steigen, zirkulieren die Fragen: `Seid ihr sicher? Habt ihr alles, was ihr braucht? Trefft ihr euch noch? Wir sind miteinander verbunden und beten füreinander», erklärt er. «Wenn ein Teil zittert, fühlen es alle anderen.»
Und er bestätigt die Beobachtung von vielen: «Ich habe etwas Wichtiges gelernt: Verfolgung und Krisen zerstören die Kirche hier nicht. Sie reinigen sie. Deshalb wachsen wir in dieser schwierigen Zeit gemeinsam miteinander.»
Wie für den Nahen Osten beten?
Wie kann die weltweite Kirche für die Christen im Nahen Osten beten? Aziz gibt Hilfen: «Betet dafür, dass dieser Konflikt nicht auf die gesamte Region übergreift. Betet für den Schutz der Zivilbevölkerung auf allen Seiten. Betet um Weisheit für die Entscheidungsträger, deren Entscheidungen Millionen Menschen betreffen. Betet für Minderheiten – insbesondere Christen –, die in instabilen Zeiten besonders gefährdet sind. Betet gegen die Angst innerhalb der Kirche. Betet für Mut und Einheit unter den Gläubigen. Betet dafür, dass wir inmitten dieser Krise mutig das Evangelium verkündigen können. Die Menschen beobachten uns, und wir wollen treu sein.»
Nicht nur Sicherheit, sondern Aufbruch
Vor allem aber: «Betet nicht nur für Sicherheit – betet auch für geistliches Erwachen. Historisch gesehen gehen Momente des Umbruchs oft Zeiten der Ernte voraus. Gott streckt seine Hand nach dem gesamten Nahen Osten aus. Bittet Gott, allen Volksgruppen in unserer Region Träume und Visionen zu schenken, damit wir erkennen können, mit wem er arbeitet, und ihnen dann die Gute Nachricht verkünden können.»
Aziz ist zuversichtlich: «Wir ignorieren die Realität nicht. Aber wir geben uns auch nicht der Angst hin. Diese Region hat schon früher Kriege erlebt. Und die Kirche ist immer noch da. Ich glaube, dass wir auch diese Phase überwinden und viele Früchte zur Ehre Gottes ernten werden. Er hat alles unter Kontrolle und ist am Werk.»
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Datum: 07.03.2026
Autor:
Reinhold Scharnowski
Quelle:
Livenet / Evangelical Focus