Peter Hahne: „Auf die Massstäbe Gottes zurückbesinnen“

Journalist Peter Hahne: "Es ist bedrohlich, wie Gott in der Öffentlichkeit gestrichen wird."
Peter Hahne: "Wenn Gott allmächtig ist, ist er nicht anklagbar."
Peter Hahne im Gespräch mit Hanno Gerwin.

Er dürfte allen aus den Nachrichten bekannt sein – Peter Hahne, der jahrelang das "ZDF heute Journal" moderierte, bis er vor zwei Jahren Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios in Berlin wurde. Als engagierter Christ versucht er immer wieder, die christliche Botschaft in seine Moderation mit einzubauen. Mit Hanno Gerwin spricht er über Gott und die Welt.

Peter Hahne, nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, sagt man. Will heissen, es muss etwas Schlimmes passiert sein, damit es die Leute interessiert. Wie geht es Ihnen persönlich mit schlechten Nachrichten?
Eine Nachricht behandelt immer etwas Aussergewöhnliches, deshalb ist es eine Nachricht. Wenn ich jetzt sagen würde, so und so viele Flugzeuge sind jetzt heute sicher in Deutschland gelandet oder gestartet, würde man sagen, der hat sie nicht mehr alle.

Mir begegnen deshalb tatsächlich jeden Tag sehr viele schlechte Nachrichten über Kriege, Katastrophen, Terror, auch viele menschliche Schicksale, die einem sehr nahe gehen. Auf der andern Seite, ist es natürlich ein Stück Routine, weil man eben ausschliesslich mit diesen Dingen zu tun hat. Wobei ich sagen muss, dass das, was die Zuschauer abends in geballter Form vorgesetzt bekommen und erst einmal verdauen müssen, haben wir ja den ganzen Tag über schon gelesen, gesehen, verdaut. Da setzt sich schon manches. Aber es ist oft schwer, weil ich hinter jeder Nachricht auch das konkrete Schicksal und damit den konkreten Menschen sehe.

Erinnern Sie sich an eine Nachricht, die Sie umgehauen hat?
Ja, umgehauen hat einen natürlich der 11. September 2001. Der dramatische Terroranschlag in New York. Das ist ein Moment, den man nie vergessen wird, der hoch dramatisch war. Und es geht ja auch der Bevölkerung so. Jeder sagt heute, das war für ihn ein Einschnitt war. Warum? Weil man eben nicht nur das Ergebnis einer Katastrophe, nämlich einen riesigen Trümmerhaufen, gesehen hat, sondern bereits den ganzen Hergang.

Es gibt auch viele Menschen, die sagen, wenn Gott das zulässt, was ich in den Nachrichten gesehen habe, kann ich nicht glauben. Was sagen Sie solchen Leuten?
Das ist natürlich eine schwierige Frage, auf die es kein Patentrezept gibt. Wenn man das hätte, wäre es ja toll. Wie steht's um das Leid in der Welt und die Gerechtigkeit Gottes? Es gibt keine Patentantwort darauf.

Ich sage manchmal, bei der Zeitung ist es einfacher, weil man es gedruckt sieht. Ich würde als Oberzeile einer Zeitungstitelseite nicht schreiben: Warum lässt Gott das zu? Oder: Wo ist der Gott der Liebe? Ich würde schreiben: Warum lässt der Mensch das zu?
Die meisten Katastrophen, über die wir zu berichten haben, sind Dinge, die wir nicht Gott in die Schuhe schieben können, bis hin zu Naturkatastrophen. Wenn wir alle Wälder abholzen, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass irgendwelche Schlammlawinen in Italien oder Südtirol in ein Tal rollen und Hunderte von Menschen unter sich begraben.

Ich glaube, wenn wir uns nach den Massstäben Gottes verhalten würden, was die Mitmenschlichkeit und die Behandlung der Schöpfung angeht, gäbe es die Nachrichten, die ich heute zu melden habe, in dieser Dimension nicht.

Wir haben ja einen allmächtigen Gott, der uns das Leben gibt, der uns das Leben nimmt. Das ist alles so vorgesehen. Aber dieser allmächtige Gott ist ja auch für das Unglück zuständig. Doch viele verstehen nicht, weshalb er das zulässt.
Wenn Gott wirklich allmächtig ist, ist er nicht anklagbar. Wenn Gott wirklich allmächtig ist, ich sage es mal platt, kann er machen, was er will. Das wäre aber purer Fatalismus. Der Gott der Bibel ist eben derjenige, der allmächtig ist, aber auch allmächtig in seiner Liebe. Auf der anderen Seite ist er auch ein gerechter Gott.

Ich finde es manchmal sehr bedrohlich, wie in unserer Öffentlichkeit Gott einfach gestrichen wird. Zwar steht er noch in der Präambel des Grundgesetzes. Aber es wird dort nicht mehr ernst genommen. Wenn wir uns stärker auf Gottes Massstäbe zurückbesinnen würden, hätten wir als Nachrichtenleute vielleicht ein paar bessere Nachrichten zu melden.

Wieso gelingt es uns nicht, nach diesen Massstäben zu leben?
Es bleibt natürlich vieles theoretisch, weil der Mensch eben Mensch ist. Wenn wir die Bibel so umsetzen könnten, wenn wir alle nach der Bergpredigt leben könnten, hätten wir das Paradies auf Erden. Wir Menschen können es aber nicht. Deshalb gibt es ja auch den Spiegel der Bergpredigt, der uns erschreckend nahe bringt, was wir alles nicht können. So realistisch ist die Bibel. Sie macht uns nichts vor, was wir alles Grossartiges können und wie die Welt aussehen könnte, wenn wir uns nur richtig zusammenreissen würden.

In jedem unternehmensstrategischen Kurs lernen Sie, wie Sie Erfolge erzielen und wie Sie mit Erfolgen umgehen können. Sie lernen heutzutage ja nirgendwo, wie man mit dem Scheitern fertig wird. Aus diesem Grund ist die Bibel für mich unwahrscheinlich aktuell, weil auf jeder Seite deutlich wird, wie Menschen mit ihrem Scheitern umgehen können.

Sie haben evangelische Theologie studiert. Warum sind Sie nicht Pfarrer geworden?
Das weiss ich nicht. Ich bin so etwas Ähnliches wie ein Pfarrer. Pastoren, Pfarrer und Journalisten haben ja vieles gemeinsam. Sie haben eine Nachricht, von der sie so beeindruckt und angesprochen sind, so dass sie sagen: „Diese Nachricht muss weitergegeben werden.“

Welche Schwächen haben Sie?
Ach, die übliche Schwäche, die man immer angibt, auch wenn man eine Leitungsfunktion hat: Ungeduld. Ich bin absolut ungeduldig gegenüber der Umständlichkeit und Langstieligkeit anderer. Ausserdem liebe ich Süsses.

Sie sind bestimmt ein sehr positiver Mensch. Aber auch positive Menschen haben ihre Schattenseiten...
Wenn wir keine Schattenseiten hätten, dann wären wir komische Heilige. Aber ich bin vom Typ her, das haben Sie absolut richtig gesehen, ein Optimist, ein positiv denkender Mensch. Und ich glaube, ein positiv denkender Mensch – so geht es mir jedenfalls – denkt weniger über die Schattenseiten nach. Deshalb lebe ich fröhlich dahin, ohne dass ich eine Laisser-faire-Haltung habe. Ich glaube, die kann man als Journalist gar nicht haben, weil man wahnsinnig viel Elend mit sich rumschleppt und immer nur dankbar sein kann, dass es das Elend anderer ist und es einem selbst gut geht.

Was verzeihen Sie nicht? Oder schwer?
Was ich nicht mag, ist Ungerechtigkeit im persönlichen Umgang miteinander. Jemand, der in seinem Beruf Kritik austeilt, muss auch für sich selbst Kritik ertragen können. Das gehört dazu. Schwierig finde ich es auch, wenn jemand dieses Nach-oben-hin-buckeln und Nach-unten-hin-treten vertritt, um des eigenen Vorteils Willen, und die Schwächeren werden dabei weggedrückt.

Sind Sie dann nachtragend oder eher nicht?
Obwohl ich Journalist bin, verfüge ich über ein relativ schwaches Gedächtnis. Was ich mir nicht aufschreibe, vergesse ich sehr schnell. Und solche Dinge würde ich mir nie aufschreiben.

Es kann mir wirklich passieren, dass ich auf jemanden mit Handschlag zugehe, ganz fröhlich. Der aber schluckt und sagt: „Du, wir haben uns doch vor einem Vierteljahr noch richtig gestritten.“ Dann sage ich: „Es tut mir leid, ich habe es vergessen.“ Und wenn es vergessen ist, ist es auch vergeben. Nein, nachtragend bin ich nicht.

Wenn Sie einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Na ja, jetzt sehe ich mich als Peter Hahne, als Journalist, als Mensch, als Christ. So gesehen wäre es eine Nachrichtensendung nur mit guten Nachrichten. Einfach ein Tag, an dem nichts Negatives, nichts Schlimmes passiert, und man am Abend eine Nachrichtensendung mit ausschliesslich guten Nachrichten präsentieren kann.

Peter Hahne
Nach seinem Studium der Germanistik und Evangelischen Theologie in Heidelberg wird Peter Hahne 1977 Redakteur beim Saarländischen Rundfunk. 1983 wechselt er in die Chefredaktion des ZDF und wird 1984 berufenes Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). 1991 wird der hauptberufliche Journalist in den Rat der EKD gewählt. Als Moderator der "heute"-Sendung und des "heute-journals" wird er bekannt. Seit Ende 2000 leitet er das ZDF Hauptstadtstudio in Berlin.

Datum: 01.02.2007
Quelle: Gerwin.de

Werbung
Livenet Service
Werbung