Zum Rücktritt als VBG-Leiter

Benedikt Walker: «Über den Glauben zu reden ist heute schwieriger»

Benedikt Walker verzichtete auf eine Karriere, um Menschen im Glauben zu begleiten. Anlässlich seines Rücktritts bei der VBG, der christlichen Bewegung in Beruf, Studium und Schule, spricht er über Glauben und Denken, seine eigenen Fragen an Gott und was er aus der Streichung der Subventionen gelernt hat.
Dr. Benedikt Walker (Bild: idea Schweiz)
Christoph Egeler

Benedikt Walker, am Samstag haben Sie die Leitung der VBG abgegeben. Was für Gefühle löst dies bei Ihnen aus?
Für mich geht ein Lebensabschnitt zu Ende. Ich war 20 Jahre in der VBG angestellt. Auch schon in der Schule und im Studium habe ich mitgearbeitet. Nun merkte ich einfach, dass es dran ist, etwas Neues zu wagen. Wenn ich es jetzt nicht mache, dann verpasse ich es, weiterzuziehen. Auch für die VBG ist es der richtige Zeitpunkt. Neue Schwerpunkte können gesetzt werden und neue Leute Verantwortung übernehmen. Ich schaue gern auf die Jahre bei der VBG zurück und nehme mir auch Zeit für das Abschiednehmen. Ein gutes Abschiednehmen ist die Voraussetzung für ein gutes Weiterlaufen. Sowohl für mich als auch für die VBG.

Sie haben an der ETH im Fach Chemie-Ingenieur doktoriert und hatten eine lukrative Karriere in der Wirtschaft vor sich. Was hat Sie dazu bewogen, in der VBG mitzuarbeiten?
Jeder Entscheid für eine Aufgabe beinhaltet gewisse Opfer. Ein Entscheid für etwas, ist immer auch ein Entscheid gegen etwas. Ich wollte mich in etwas investieren, wo es nicht nur um sachliche Fragestellungen geht. Mich hat schon immer das Spannungsfeld Mensch und Inhalt fasziniert. In der VBG habe ich mit Menschen zu tun, darf sie begleiten. Mich begeisterte es, mit Studierenden zu arbeiten, ihnen zuhelfen ihre Stärken zu entdecken, über den Glauben zu reden. Das hat mir einfach mehr entsprochen, als in die chemische Industrie zu gehen.

Was wollten Sie als Leiter mit der VBG erreichen?
Mein Anliegen war immer, meine Mitarbeiter freizusetzen, damit sie ihre Arbeit machen können und gleichzeitig selbst andere freisetzen können. Die treibende Energie dahinter ist die Vision aus unserem Leitbild: «Weil wir Gottes Liebe erfahren haben, wünschen wir uns, dass die Menschen, mit denen wir zu tun haben, auch Gottes Liebe erfahren.» Ich habe mir immer überlegt, wie ich dem anderen begegnen kann. Wie können wir die Liebe Gottes weitergeben? Wie können die anderen Gottes Liebe erfahren? Weniger ein Programm, sondern Liebe ist das, was uns antreibt. Da darf man grosszügig sein und Ideen haben.

Wie sieht das konkret im Alltag der VBG aus?
In der VBG haben wir es mit Akademikern zu tun. Für sie ist es wichtig, dass sie Glauben und Denken zusammenbekommen. Unsere Aufgabe ist es, ihnen dabei zu helfen und zu zeigen, dass dies kein Widerspruch ist. Liebe heisst auch, ein weites Herz zu haben, mit Christen von anderen Konfessionen und Denominationen Kontakt zu suchen und Brücken zu schlagen. Wir motivieren junge Menschen, mit anderen bewusst das Gespräch über den Glauben zu suchen und keine Berührungsängste zu haben.

Ein weiteres Thema ist das Bibellesen. Als VBG haben wir mit dem gemeinsamen Bibellesen in Gruppen gestartet. Wenn eine Gruppe es fertigbringt, gemeinsam in der Bibel zu lesen und sich davon begeistern zu lassen, dann entstehen ganz neue Beziehungen. Dann sind Menschen als Gruppe gemeinsam auf dem Weg. Diese Erfahrung mache ich auch heute noch.

Hat sich die Einstellung von Schulen oder Hochschulen zur VBG-Arbeit verändert?
Sowohl vor 30 Jahren als auch heute gibt es Strömungen, die Probleme mit Christen haben. Heute kommt man aber nicht mehr richtig miteinander ins Gespräch. Früher konnte man sagen, ich bin dafür und du bist dagegen. Wir sind nicht der gleichen Meinung. Punkt. Einer war Marxist, der andere Christ. Heute will man eine neutrale Weltanschauung, die für alle gilt. Diese Neutralität muss man auch definieren. Dann ist sie aber schon nicht mehr neutral. Alle anderen sind verpönt, es wird von Lehrverbot geredet. Man muss sich gut überlegen, wie man seinen eigenen Standpunkt kommunizieren will. Über den Glauben zu reden, finde ich heute schwieriger.

Es gab negative Medienberichte wegen des hohen Anteil von Christen an pädagogischen Hochschulen. Haben Sie ein gewisses Verständnis für solche Ängste?
Ich kann schon verstehen, dass man ein mulmiges Gefühl bekommt. Die christliche Szene muss sich auch vorwerfen lassen, dass sie im Kampf für die Wahrheit die Liebe zum Mitmenschen manchmal vernachlässigt. Das unnötige Verurteilen von anderen Menschen hinterlässt in der Gesellschaft Fragezeichen. Ein Schulleiter merkt, da kommen Leute aus einer Szene, die auch schon verletzend argumentiert hat. Dann werden Verbote ausgesprochen. Dahinter steckt aber die Unfähigkeit, über unterschiedliche Meinungen diskutieren zu können.

Was raten Sie Schülern und Studenten, die mit ihrem Glauben anecken?
Das ist eine Frage, die man sehr individuell beantworten muss. Wir fordern unsere Leute auf, ihren Glauben zu reflektieren. Unser Stichwort heisst «Begründet glauben». Lernt euren Glauben zu begründen, und zwar in einer Sprache, die verstanden wird. Nehmt die Vorwürfe an den Glauben ernst. Setzt euch damit auseinander.

Welche Frage würden Sie stellen, wenn Sie heute vor Gott stehen würden?
Als Jesus seine Jünger berufen hat, hat er die richtigen Leute gefunden. Er hatte den Weitblick dafür. Einen von ihnen macht er zum Finanzchef (Judas Iskariot). Aber der Finanzchef ist der, der am Schluss Geld hinterzieht und zum Betrüger wird. Jesus hat in der Personalpolitik versagt. Heute würde man den Personalchef entlassen. Das hinterlässt bei mir Fragen. Was war die Motivation von Jesus, so zu handeln? Ich habe keine Antwort darauf.

Viele Menschen scheitern aber mit ihrem Glauben an gewissen Fragen, etwa warum Gott das Leid zulässt.
Für mich gibt es verschiedene Ebenen. Die erste Frage ist für mich: Gibt es einen Schöpfergott, ja oder nein? Dafür werden wir nie einen wissenschaftlichen Beweis haben. Hier brauche ich eine Entscheidung. Die zweite Frage ist: Sucht dieser Schöpfergott eine Beziehung zu mir? Diese Frage kann ich nur beantworten, wenn ich mich auf eine Beziehung mit Gott einlasse. Ich muss es selbst ausprobieren. Die Theodizee-Frage kommt erst, wenn ich wissen will, wie dieser Gott ist. Da gibt es viele Dinge, die ich auch nicht begreife. Ich bin auf der Suche, das Unbekannte zu verkleinern, kann aber gut damit leben, dass ich nicht alles weiss.

Zurück zur VBG: Was geben Sie Ihrem Nachfolger Christoph Egeler auf den Weg?
Folgendes: «Ich wünsche dir, dass du das Gleiche machst wie ich, aber wenn du es gleich machst, dann machst du nicht das Gleiche.»

Das ist ein Satz für Denker.
Es bedeutet: Stell dich den Aufgaben, finde Antworten, aber wenn du sie gleich wie ich beantwortest, dann beantwortest du sie nicht so, wie man sie heute beantworten muss.

Ist der Entscheid des Bundesgerichts, dass die VBG keine staatlichen Fördergelder mehr bekommt, so eine Aufgabe?
Ja, der Entscheid des Gerichts ist natürlich so eine Knacknuss. Ich finde es sehr lehrreich, was da abgelaufen ist. Wir müssen uns neu fragen, wie wir uns erklären können. Dass wir einerseits überzeugt sind, dass es Gott gibt, der über dem Menschen steht, uns aber gleichzeitig der Mensch als Einzelindividuum wichtig ist. Für uns ist das selbstverständlich, aber dem Gerichtsurteil nach ist es unmöglich, den Menschen ernst zu nehmen und gleichzeitig zu sagen, dass es noch etwas Höheres als ihn gibt.

Die Begründung war: Ihr glaubt an Gott, das heisst automatisch, dass ihr Menschen für diesen Zweck instrumentalisiert?
Wir leiten unseren Auftrag als VBG von Gott ab. «Weil wir Gottes Liebe erfahren haben …» Das ist ein Widerspruch zur neutralen Weltanschauung, für die es nur darum geht, die Bedürfnisse des Menschen zu stillen. Wir haben – gemäss dem Gericht – nur das Ziel, die Menschen auf Gott hinzuweisen, und nehmen so deren Grundbedürfnisse nicht ernst, weil die Ausrichtung auf Gott für das Gericht kein Grundbedürfnis ist.

Was ist Ihre Antwort?
Wir müssen uns fragen: Gibt es nachweisbar ein Bedürfnis des Menschen nach einem Sinn, der ausserhalb von ihm selbst liegt? Hier müssen wir von der Psychologie und von der Pädagogik her eine Antwort finden. Wir argumentieren religiös. Vom Gericht wird aber die religiöse Argumentation nicht akzeptiert. Dort haben wir die Hausaufgaben nicht gemacht.

Finanziell ist der Entscheid auch ein Einschnitt.
Klar, es fehlt jetzt Geld. Nach den Echos, die wir momentan bekommen, haben wir uns aber dazu entschieden, auf unserem Weg weiterzugehen. Wir haben keine Budgetkürzung gemacht. Wir fahren so weiter und vertrauen darauf, dass es aufgeht.

Letzte Frage: Wie geht es weiter mit Benedikt Walker?
Ich werde natürlich weiter zum Freundeskreis der VBG gehören. Die VBG ist ein Teil meines Lebens, den ich nicht einfach abstreifen kann. Ich habe viele gute Freunde und Beziehungen, die erhalten bleiben. Nach der Leitungsübergabe werde ich zuerst zwei Monate Urlaub machen. Geplant ist, dass ich im November wieder einsteige. Es ist abgesprochen, dass wir Genaueres erst ab Mitte September kommunizieren werden.

Lesen Sie das komplette Interview mit Benedikt Walker in der aktuellen Ausgabe von ideaSpektrum. Weitere Infos unter www.ideaschweiz.ch.

Auf Benedikt Walker folgt Christoph Egeler

Benedikt Walker (47) ist verheiratet mit Marianne und Vater von Seraina (20), Matthias (18) und Alena (16). Nach dem Studium und der Promotion als Chemie-Ingenieur an der ETH leitete er ab 1995 die VBG-Hochschulgruppe in Zürich. 2003 übernahm er die Gesamtleitung der VBG. Während sechs Jahren leitete er zudem den Bereich Beruf.

Sein Nachfolger ist Christoph Egeler (40). Egeler studierte an den Universitäten Basel und Bern Psychologie. 2005 übernahm er die Leitung der VBG-Hochschulgruppe in Zürich, sowie später in Luzern und Basel, und leitete ab 2010 den Bereich Studium der VBG. Er hat bereits am Dienstag die Stelle als Gesamtleiter angetreten.

Zum Thema:

Datum: 07.09.2015
Autor: Christof Bauernfeind
Quelle: ideaSpektrum Schweiz

Verwandte News
Werbung
Werbung
Livenet Service