Wo war Gott, als das Hochwasser kam?

Interlaken Ost
Paul Veraguth
A8
Polizei beim Kontrollgang
Abpumpen

Du christliche Schweiz, Land mit tausend Kirchtürmen, Heimat vieler Freikirchen - jetzt bist auch du verbeult. Es hat dich auf dem linken Fuss erwischt.

Von Paul Veraguth

Dass es so schnell kommt und so breit und so tief und dass die guten Einrichtungen wie das Stauwehr im Marzili in Bern das Gegenteil ihres Zwecks bewirken, das hätte niemand gedacht. Doch die braune Brühe kam ungeheissen und verhielt sich so, als würde sie nichts lieber tun als sich durch einen biederen Hauseingang zwängen und irgendwo aus dem Fenster einer Wohnstube, an heimelig rot-weissen Vorhängen vorbei, wieder ins Freie drängen. Sie hatte sogar ihre übelste Kollegin, die Schlammlawine, im Schlepptau. Die brachte, was die Schweiz seit einiger Zeit immer besser kennt und was auch unser Dorf Wattenwil 1990 nach vielen Jahrzehnten wieder neu kennenlernte: Verwüstung und Zerstörung. Sie brachte auch den Tod. Und was an Entsetzlichem noch hinzukommt: das Verschwinden von Menschen.

Verbündet mit der Vorsehung ...

Du gut gerüstete Heimat, du gut bewehrte Helvetia, du Land der Prognosen und Präventionen, warst du doch zu wenig parat? Du hoch versichertes und breit gesichertes Unternehmen Schweiz, ist dir dein Geschick ausser Kontrolle geraten? Du Volk von "Grüess Gott" und "à Dieu", von "Bhüet-ech Gott" und "y Gotts Name" - Existiert dein Gott nur noch in deinen Redewendungen? Schweiz, wo ist er nun, dein Gott? Es gehörte doch schon fast zu deiner Tradition, dass wir vom Schlimmsten verschont wurden, das die Nachbarländer traf. Die Welt hat sich daran gewöhnt, dass die Schweiz ein sicheres Land ist, nicht nur für das Aufbewahren von Geld. Eine Hotelbuchung in der Schweiz barg bisher für niemand das Risiko, mehr als eine Woche lang vom Rest der schönen Welt abgeschnitten zu sein. Unser Land gilt als verbündet mit einer guten Vorsehung und gegründet auf einer soliden Gnade. Aber jetzt sind wir verbeult. Jetzt kann man uns in einem Atemzug mit Rumänien nennen. Unsere gesperrte Nord-Süd-Achse verursacht internationalen Ärger. Die sonst gelassenen Amerikanerinnen, in Engelberg eingesperrt, werden sichtlich nervös.

Wenn grossflächiges Unheil in der Schweiz geschieht, beschäftigt dies die Welt mehr als wenn dasselbe Unheil auf der östlichen oder südlichen Halbkugel geschieht. Es kann Wasser sein oder eine Luftflotte in Bauchlandung. Unser Land ist nämlich ein Orientierungspunkt. Schon rein optisch ist das so, indem wir jetzt unseren braunen Wassersegen in die verschiedenen Meere ringsum abfliessen lassen. Aber es wäre fürs Ausland doch sehr bemerkenswert und hätte etwas Verunsicherndes, wenn das traditionell christliche Land Schweiz, das Land mit dem Kreuz auf seiner Fahne und dem Gebet in seiner Hymne, jetzt zusehends von Gott vernachlässigt würde. Und es könnte tatsächlich hier und dort ein Raunen zu hören sein: "Seht, die sind auch nicht besser; sie meinten es zwar, aber das Hochwasser entwurzelt jetzt auch ihren prächtigen Laubbaum und zerschreddert ihn unter der Aarebrücke, als wäre er eine Theaterkulisse. Sie trugen ihre Fahne mit geschwellter Brust, aber ihre Kruzifixe an den Strassenrändern gehen jetzt auch unter."

Hier bleibt uns nichts anderes als ja zu sagen. Manchmal sind wir zu sehr ein Volk von Nickern und Ja-Sagern, aber hier müssen wir za sagen und zugeben: Vom 20. bis 23. August 2005 verbarg sich der Schirmherr des Rütlibundes. Wenn solches Geraune nun aus ferneren Ländern käme (man hört es allerdings nicht bis über unsere Grenze herein), aus Ländern, denen wir Unrecht getan haben, die wir ein Stück weit ausgebeutet haben oder es noch tun, dann müssten wir diesen Vorwurf wohl oder übel verstehen.

"Wo ist nun dein Gott - mein Gott?"

Aber der gleiche Ton erklingt auch in unserem Landesinnern: "Diese Leute aus den Kirchen, die uns den Kopf von einem Gott vollquatschten, der Wunder tun kann und das Böse in Kontrolle hat - diese Leute haben eben doch nicht recht gehabt. Wir brauchen also kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn wir damals im Unterricht nicht so bei der Sache waren, gejasst haben oder was anderes trieben. Denn da haben wir es ja: Gott ist nicht da, jedenfalls nicht, wenn er sollte." Also, Pfarrer, Sonntagsschullehrerin, Grossmutter, die dem Kind von Gott erzählt habt, Sozialdiakon oder Ordensschwester, die ihr euch immer so tapfer bemüht habt: Dieses Kind kann jetzt, 20 Jahre später, als Zyniker an seiner Kirche vorbeigehen, die im Wasser steht, und zwischen den Zähnen durchpfeifen: "Wo ist nun dein Gott? Wo ist der Gott, von dem du immer wolltest, dass ich an ihn glaube? Jetzt schau, du Kirche, jetzt schau, du braves Schweizertum, jetzt schau, du Machtapparat mit dem christlichen Feigenblatt: Schau, wie weit es mit dir gekommen ist ...!"

Hätte man 20 Jahre früher hilfreicher, weitsichtiger, wahrer von Gott reden können, damit nun niemand auf diese Weise aufbegehrt, wenn so etwas geschieht? Möglicherweise hätte man, ja. Aber es geht im Moment nicht darum, dass über Gott manchmal mangelhaft und einseitig gelehrt wurde. Schon Weniges kann später über Vieles hinweghelfen, nicht wahr? Sondern es geht um die Grundeinstellung der Betroffenen selber. Die Frage taucht überall auf: "Wo war gestern dein Gott?" Diese Frage kann sogar noch persönlicher gestellt werden: "Wo war gestern mein Gott?" Dann kann die Antwort lauten: "Nicht da! Er war nicht da. Am Himmel stand ein Schild: Wegen Unwetter geschlossen!" - Oder sie kann lauten: "Er war dabei. Er war in der Flut, im Getöse, im Dreck. Er war in der Nacht, im Unheimlichen, in der Angst. In der Einsamkeit war er als Prüfer meines Herzens. Er war da als ein Gott, der mich für Momente isolierte von allem, was ich habe, geniesse und was mir sonst noch Sicherheit gibt. In den Schreckensmomenten suchte er mich und war mir ganz nahe als mein persönlicher Schutz. Und er brachte mich und unsere Familie durch."

Irgend einmal wird sich der Pegel wieder senken, der Keller wird neu gestrichen, wie bei meiner Tante am Thuner See 1999. Über vieles wird man sich hinweggetröstet haben, über einiges sogar schmunzeln; aber dann gibt es Verluste, über die sich Angehörige nicht in diesem Sinn hinwegtrösten können. Ersetzbares wird ersetzt, Unersetzliches muss unersetzlich bleiben.

Aber wer sagen kann: "Mein Gott ist mir damals nahe gewesen, er war mein einziger Halt", der kennt ein Geheimnis, den Anfang eines Geheimnisses. Und er wird es nicht mehr missen wollen.

Artikel zum Thema:
Was das Wasser wegreisst
Hochwasser in der Schweiz - wozu?

Autor: Paul Veraguth, Pfarrer Reformierte Kirche Wattenwil (BE)

Datum: 25.08.2005
Quelle: Livenet.ch

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