Erste Bettags-Landsgemeinde im Thurgau

Weinfelden

Am eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag trafen sich über 1500 Thurgauer Christen in Weinfelden. Aus allen Kirchen und Denominationen aus dem Kanton strömten sie, teils zu Fuss, mit dem Fahrrad oder dem Zug auf den geschichtsträchtigen Rathausplatz. Die schlichte zweistündige Feier stand unter dem Motto: gestern – heute – morgen.

Zum 200-jährigen Kantonsjubiläum entstand aus einem überkonfessionellen Gemeindeleiter-Gebetskreis die Idee, im Jubiläumsjahr einen besonderen Akzent zu setzen. Angeknüpft an die Entstehung des freien Thurgaus soll eine Landsgemeinde stattfinden, die von der evangelischen und katholischen Kirche, sowie Freikirchen getragen würde. Vor 200 Jahren hatten sich auf Anregung von einflussreichen, christlich gesinnten Männern 3000 Abgeordnete aus allen Thurgauer Gemeinden auf dem Rathausplatz in Weinfelden eingefunden. Die Französische Revolution mit ihren atheistischen Grundzügen fand im Thurgau eine christliche Umdeutung. Peter Keller, evangelischer Pfarrer von Müllheim und Präsident des siebenköpfigen Organisationskomitees, berichtete: „Die Freiheitsbäume trugen lange Zeit die Buchstaben F, G und R für Freiheit, Gleichheit und Religion. Der Glaube war zentraler Bestandteil der Regeneration anfangs des 19. Jahrhunderts“.

Ein aktives Miteinander

Die 120-köpfige Bettags-Brass-Band begleitete die Festschar für das Eingangsstück „Grosser Gott, wir loben dich“. Danach richtete sich Regierungsratspräsident Bernhard Koch mit einer Grussbotschaft an die Festgemeinde. Er betonte, dass die Gründerväter eine fortschrittliche Kantonsverfassung in Kraft setzten, worin der staatliche Einfluss auf die Kirche bewusst abgebaut wurde. Daraus sei ein solides gegenseitiges Engagement entstanden, welches nicht nur ein Nebeneinander, sondern ein aktives Miteinander von Staat und Konfessionen brachte. Dies äussere sich heute in sozialen Einrichtungen, Spital- und Gefängnisarbeiten oder in Fragen der Ausländerintegration, wobei die Kirchen eine wichtige Rolle spielten. Koch freute sich, dass an diesem Bettag eine Rückbesinnung auf christliche Wurzeln stattfinde. Im Anschluss betete Walter Schwertfeger, Pastor der Freien Christengemeinde Weinfelden, für Regierungsrat Koch und segnete die Thurgauer Regierung für ihren Auftrag.

Stetige Hinwendung zu Gott

Peter Keller beleuchtete das Gestern und gab einen lebendigen Einblick in die Wirren und Nöte des frühen 19. Jahrhunderts. Die Menschen waren davon überzeugt, die Abschaffung Gottes hiesse, dass auch der Mensch bald nichts mehr wert sei. Geschüttelt von Hungersnöten und äusseren Gefahren war das Leben geprägt von stetiger Hinwendung zu Gott. Keller nannte auch unschöne Seiten der Thurgauer Kirchengeschichte. Obwohl manche Dorfkirche paritätisch von Reformierten und Katholiken benutzt wurde, hätte es viele Streitereien gegeben. Diese gipfelten darin, dass etwa nicht das gleiche Taufwasser verwendet oder die Toten nicht nebeneinander begraben wurden. Die Freikirchen hätten ausserdem manchen Scharmützel erdulden müssen bis hin zur offenen Verfolgung. Keller leitete die versammelte Landsgemeinde in einem Bussgebet und strich das Positive heraus: „Du warst der Gott unserer Vorfahren. Du sollst auch unser Gott sein und bleiben!“

Oasen der Stille

Gabrielle Io Hotz, Beauftragte der Katholischen Kirche Weinfelden, führte die Anwesenden in eine Besinnung über das Jetzt. Zuvor lenkte sie die Aufmerksamkeit auf die vielen Gemeinde- und Dorffahnen. Sie finde es „mega lässig“, dass wie damals viele von hier mit einem Auftrag an ihre Wohnorte zurückgehen werden. Mit der Gegenwart täten wir uns oftmals schwer. Aber Christus komme immer wieder mit seinem Frieden in unser Heute hinein. „Immer jetzt“, das hiesse doch „ewig“. Gott rufe uns damit in seine Nähe. Mit der anschliessenden Stille gab Hotz Raum, in der Gegenwart Gottes zu verweilen.

Walter Hürzeler, Prediger der Chrischonagemeinde Weingarten, nahm den Faden auf. Es gehe in dieser schnell-lebigen Zeit darum, Oasen der Erfrischung wie Gemeinschaft, Ehe oder Gottesdienste aufzusuchen.

Gegen 16.20 Uhr läuteten die Glocken die Landsgemeinde aus. An Marktständen wurde – wie könnte es anders sein – gratis Most and das durstige Völklein abgegeben. Die Organisatoren erhoffen sich eine Fortsetzung dieses einzigartigen Anlasses und ein stärkeres christliches Zeugnis im Kanton.

Autor: Thomas Schramm

Datum: 30.09.2003
Quelle: idea Schweiz

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