Sibirien mit christlicher Uni für indigene Völker
Die Entscheidung wurde von den Leitern der Westsibirischen Evangelischen Allianz einstimmig getroffen, nachdem im November in Tjumen eine regionale Missionskonferenz stattgefunden hatte.
«Diese Schule soll sich mit den Fragen der Mission in der Region befassen», schreibt der deutsche Professor für Missionswissenschaft, Johannes Reimer, bei «Evangelical Focus» mit Blick auf die geplante Westsibirische Christliche Universität. Die Diskussionen auf der Konferenz hätten erhebliche Lücken in der theologischen Vorbereitung von Missionaren aufgezeigt, die in indigenen Gemeinschaften tätig sind.
Bessere Ausbildung nötig
«Missionare unter den sibirischen Völkern benötigen dringend eine bessere theologische Ausbildung», schreibt Reimer weiter und fügte hinzu, dass vielen «das Wissen und die Werkzeuge für eine kontextgerechte Mission» fehlten.
Missionare, die unter indigenen Völkern wie den Chanten, Mansen, Komi und Selkup arbeiten, hätten ihre Ausbildung häufig in traditionellen russischen Kirchenkontexten erhalten, so Reimer. Infolgedessen griffen sie oft auf die russische Sprache und religiöse Ausdrucksformen zurück, die in den lokalen Kulturen wenig Resonanz fänden. «Sie sind sich nicht bewusst, dass diese Glaubensformen bei den indigenen Völkern Russlands und insbesondere in Nordsibirien keinen Anklang finden.»
Nomadische Rentierzüchter
Die finno-ugrischen Völker Westsibiriens zählen mehrere Hunderttausend Menschen und umfassen traditionell nomadische Rentierzüchtergemeinschaften. Viele verfügen über keine Schriftsprache oder standardisiertes Alphabet, und nur eine Minderheit spricht fliessend Russisch.
Obwohl sie in früheren Phasen russischer Herrschaft offiziell christianisiert wurden, praktizieren viele Gemeinschaften weiterhin den Schamanismus.
Reimer stellt fest, dass frühe protestantische Missionsbemühungen unter diesen Gruppen begrenzt waren. Eine russlanddeutsche evangelikale Mission zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachte nur eine geringe Zahl von Bekehrten hervor, und spätere Missionsinitiativen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatten häufig mit Schwierigkeiten zu kämpfen.
Tiefe Abneigung gegen alles Russische
«Jahrhunderte der Unterdrückung durch den russischen Staat haben bei der lokalen Bevölkerung eine tiefe Abneigung gegen alles Russische erzeugt», so Reimer und er erklärt damit, warum Missionsarbeit, die hauptsächlich auf Russisch durchgeführt wurde, oft scheitere.
Nach Angaben Reimers seien erst in den letzten Jahren Fortschritte erzielt worden, als Missionare begonnen hätten, in indigenen Sprachen zu predigen. Während seines Besuchs beim Volk der Chanten habe er mit einem älteren Gläubigen gesprochen, der zu ihm sagte: «Jesus ist nun auch zu uns gekommen.»
Viele haben noch keine Bibelübersetzung
Die Konferenzteilnehmer erklärten, dass das Wachstum des Dienstes in indigenen Sprachen neue theologische und praktische Fragen unter den lokalen Gläubigen aufgeworfen habe, darunter die Frage, ob Gebet und Predigt in der Muttersprache stattfinden sollten und wie christliche Lehre vermittelt werden könne, wenn keine Bibelübersetzung existiert.
«Die meisten nord-sibirischen Völker verfügen weder über eine Bibelübersetzung in ihrer eigenen Sprache, noch wurde eine entsprechende religiöse Fachsprache entwickelt», schreibt Reimer. «Christliche Konzepte können daher nur in sehr begrenztem Umfang vermittelt werden.»
Er fügt hinzu, dass zentrale theologische Begriffe nicht einfach aus Sprachen übertragen werden könnten, die von schamanistischen Weltbildern geprägt seien, was die Notwendigkeit kontinuierlicher Übersetzungsarbeit und begrifflicher Entwicklung unterstreiche.
Dringender Bedarf einer Missionsschule
«Diese und weitere Gründe führen zu einem dringenden Bedarf einer Missionsschule in Westsibirien», so Reimer. Die Leiter der Westsibirischen Evangelischen Allianz erklärten, dass sich die geplante Universität auf Missionswissenschaft, interkulturelle Theologie und Übersetzungsarbeit konzentrieren werde, die auf die Realitäten Nordsibiriens zugeschnitten seien.
Die Organisatoren hoffen auf Unterstützung aus anderen Regionen Russlands sowie von internationalen Partnern. «Die Leiter hoffen, entsprechende Unterstützung aus anderen Regionen ihres eigenen Landes sowie aus dem Ausland zu erhalten», erklärt Reimer und fügt hinzu, dass solche Hilfe «in Sibirien dringend benötigt wird.» Der Beginn des Lehrbetriebs der Universität ist für dieses Jahr geplant.
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Datum: 16.01.2026
Autor:
CDI / Daniel Gerber
Quelle:
Christian Daily International / gekürzte Übersetzung: Livenet