Die Jahreslosung 2023

«Du bist ein Gott, der mich sieht!»

Dieser Ausspruch der Frau Hagar prägt nun ein ganzes Jahr. Sie steht für all die nicht wertgeschätzten Frauen in Gesellschaft und Religion bis heute. Aber auch die Männer und Frauen, die an der grossen Sinnlosigkeit leiden, finden hier Hoffnung.
Frau blickt nach oben (Bild: Unsplash / Max Felner)

Es scheint, die letzten Jahre – einschliesslich der Corona-Isolationen – haben Verwirrung und Sinnlosigkeit für viele verstärkt. Klar, wir dürfen wieder Partys und Gottesdienste feiern und uns «sehen». Aber was macht das alles für einen Sinn? Der Krieg macht zusätzlich Angst; wer versteht das alles noch, was da abgeht?

Fortuna caeca est

«Das Schicksal ist blind» glaubten die alten Römer. Wenn wir sehen, wie Gut und Böse, Glück und Unglück verteilt sind, kann man nur zu solch einem Schluss kommen. Warum der und nicht die? Warum die und nicht ich? Oder warum ausgerechnet ich? Klar, wir reden uns ein, «irgend einen Sinn wird das schon alles haben». Aber klingt das nicht oft ziemlich hohl?

Hagar, die Dienerin des angesehenen Abraham und seiner Frau Sara, wird ausgestossen; hochschwanger ist sie auf der Flucht. Ein Eifersuchts- und Machtopfer. Eine von Unzähligen. Ausgerechnet sie wird von einem Engel «gefunden», angesprochen und bekommt Weisung für ihr Kind und ihre Zukunft. Da reagiert sie: «Du bist ein Gott, der mich sieht.» Das blinde Schicksal wird in einem Moment zum «mich sehenden Gott». Hagar kehrt zurück, gebiert Ismael und wird zur Stammmutter der Araber (nachzulesen im 16. Kapitel des Buches Genesis).

Danach lechzen, gesehen zu werden

In Hagar können sich viele Menschen wiederfinden: Geflüchtete, die sich fremd und unbeachtet fühlen; Frauen, die sich übersehen und gedemütigt fühlen; Männer und Frauen, die keine Hoffnung auf eine Zukunft haben. Aber auch die unzähligen Jugendlichen, gerade in sozialen Netzwerken, die danach lechzen, gesehen zu werden.

Für alle diese ist unsere Losung ein wichtiges Wort: Ich bin nicht blindem Schicksal und der Bedeutungslosigkeit ausgeliefert. Da gibt es jemanden, der mich sieht.

Nicht bloss mal schnell geguckt

«Er ist nicht bloss ein Gott, der einmal geguckt hat, sondern er ist ein Gott des Sehens, des Mich-Sehens», bemerkt ein Kommentator. «Hier wird eigentlich ein punktueller Vorgang zu einem Charaktermerkmal Gottes, könnte man fast sagen. Es ist ein Gott, der sein Augenmerk grundsätzlich auf mich richtet.» Du bist eben kein Nichts und keine Luft. Gott nimmt wahr, dass es dich gibt. Mit allem, was dich ausmacht. Er schaut und durchschaut dich: er sieht nicht nur dein Äusseres, nicht einmal nur deine Taten, sondern kennt deine tiefsten Motive und Beweggründe. Das kann sehr befreiend sein. Er hat den Durch-Blick.

Bis zum äussersten Meer

Die ganz andere Frage: Lasse ich mich sehen? Will ich überhaupt einen solchen Gott, der mich durchblickt? David kannte den Fluchtinstinkt, sich vor diesem Gott lieber zu verstecken – sah aber auch die Sinnlosigkeit eines solchen Vorhabens: «Ich könnte Flügel der Morgenröte nehmen – du siehst mich. Bettete ich mich am äussersten Meer – deine Augen sind doch über mir», sagt er sinngemäss in Psalm 139.  

Die Frage ist existentiell: Will ich einen Vater im Himmel, der mich ansieht und sich Gedanken macht über mich? Viele Menschen wären mit dem blinden Schicksal glücklicher – oder zumindest mit einem Grossvater, der nicht mehr so gut sieht.

Darum beten wir ab und zu ein Stossgebet, aber bloss nicht zu lang. Es könnte ja konkret werden. Er könnte ja hören. Es könnte ja ein Kontakt entstehen. Und dann würde ich einem persönlichen Gott, nicht nur einem höheren Wesen, gegenüberstehen.

Ein Gott zum Duzen

Ein bemerkenswertes Detail unseres Gebetes: «Du» bist ein Gott, der mich sieht. Nicht die dritte, sondern die zweite Person. Nicht «da ist irgendeine Macht, die schlussendlich alles kontrolliert», sondern Du. Als sie realisiert, dass sie gefunden ist, sagt Hagar «Du». Das Du ist schon eine Beziehung. Ich bin ihm zugewandt. Ich rede mit diesem Gott. Wenn man mit jemandem redet, schaut man ihn zumindest an, wenn nicht direkt in die Augen. Du siehst mich – und ich sehe Dich.

Nicht nur frommer Trost?

Sieht Gott mich wirklich? Ist das nicht nur frommer Trost? «Sind all die vielen Versprechen, die er uns gibt, belastungsfähig und tragfähig in den dunkelsten Momenten und dunkelsten Ecken meines Seins?», fragt eine Leserin im Magazin «Aufatmen».  

Unser Gebet bleibt eine Aussage des Glaubens, gestützt auf Erfahrung und Beziehung: Gott sieht. Er erklärt längst nicht immer, aber er sieht. Er weiss. Er ist nicht blindes Schicksal – Er hat Augen. Hinter seinen Augen steckt Intelligenz. Er weiss, was er tut. Und vor allem Liebe.

Das zu bekennen, ist lange nicht immer leicht. Aber: wir halten 2023 an einem Gott fest, der sich Gedanken macht – gute Gedanken. Daher kommt es, dass unser Leben überhaupt einen Sinn hat.

Jahreslosung 2023 aus 1. Mose, Kapitel 16, Vers 13: «Du bist ein Gott, der mich sieht!»

Zum Thema:
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Datum: 31.12.2022
Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Livenet

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