Missbrauch benennen, Gabe bewahren

Wenn Prophetie Vertrauen kostet – und wie wir damit umgehen

Jede prophetische Aussage muss geprüft werden (Symbolbild)
In den USA hat ein Skandal die charismatischen Kreise erschüttert. Sabine Derron ist seit vielen Jahren prophetisch unterwegs und begleitet Menschen, um das Hören der Stimme Gottes zu vertiefen. Für Livenet ordnet sie die Ereignisse ein.

Erneut wird das prophetische Wirken in der christlichen Öffentlichkeit infrage gestellt. Ein aktueller Fall aus den USA sorgt für Aufruhr: Der bekannte Prophet Shawn Bolz steht im Verdacht, sich über soziale Medien gezielt Informationen über Menschen beschafft zu haben, um diese anschliessend als sogenannte «Worte der Erkenntnis» weiterzugeben. Dabei soll es unter anderem um persönliche Daten wie Geburtsdaten oder andere öffentlich zugängliche Informationen gegangen sein. Offenbar waren einzelnen Verantwortungsträgern diese Vorgänge bereits bekannt, in der Kritik stehen insbesondere Leiter der Bethel Church in Redding.

Die Reaktionen sind heftig. Viele Christen reagieren mit Entsetzen, Enttäuschung und scharfer Verurteilung. Diese Reaktionen sind verständlich. Wo geistliche Gaben missbraucht werden, entsteht Schaden – an einzelnen Menschen, an Gemeinden und am Zeugnis des Leibes Christi insgesamt. Auch hier gilt es klar zu sagen: Ein solches Vorgehen ist nicht zu rechtfertigen. Geistliche Gaben sind Geschenke Gottes und dienen nicht der Selbstdarstellung oder Manipulation, sondern der Erbauung, Ermutigung und Orientierung.

Gleichzeitig hinterlässt die Debatte tiefe Spuren. Neben berechtigter Kritik wächst eine grosse Verunsicherung gegenüber dem Prophetischen als Ganzem. Vertrauen geht verloren, Fragen bleiben offen, und nicht wenige Gläubige ziehen sich innerlich zurück. In dieser Situation braucht es mehr als laute Anklagen: Es braucht geistliche Nüchternheit, seelsorgerliche Verantwortung und eine ehrliche Auseinandersetzung damit, wie prophetisches Wirken biblisch verankert, geprüft und verantwortungsvoll gelebt werden kann.

Wie können wir mit solchen Situationen umgehen?

Die entscheidende Frage nach jeder geistlichen Erschütterung lautet nicht nur: Was ist schiefgelaufen?, sondern vor allem: Wie gehen wir nun verantwortungsvoll damit um? Die Bibel gibt uns hierfür eine bemerkenswert nüchterne und zugleich befreiende Orientierung. Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Thessaloniki: «Prüft alles, das Gute behaltet» (1. Thessalonicher Kapitel 5, Vers 21). In unserer heutigen Sprache würden wir sagen: «Wir dürfen das Kind nicht mit dem Bad ausschütten.»

Paulus wusste offenbar schon zu seiner Zeit, dass prophetisches Reden nicht losgelöst vom Menschen geschieht. Prophetisches Reden geschieht durch Menschen – mit all ihren Grenzen. Gott spricht – und der Mensch empfängt, verarbeitet und gibt weiter, was er verstanden hat. Dabei fliessen zwangsläufig menschliche Begrenzungen, Prägungen und manchmal auch Fehlinterpretationen mit ein. Genau deshalb braucht Prophetie immer Prüfung.

Diese Prüfung ist keine Geringschätzung des Prophetischen, sondern Ausdruck geistlicher Reife. Die Schrift ruft uns nicht zur naiven Akzeptanz auf, sondern zu verantwortungsvoller Unterscheidung. Prophetisches Reden darf – ja muss – am Wort Gottes, am Charakter Christi, an der Frucht im Leben der Beteiligten und an der inneren Bestätigung durch den Heiligen Geist gemessen werden.

Dabei liegt Verantwortung auf mehreren Schultern. Propheten tragen die Verantwortung, nur das weiterzugeben, was sie tatsächlich empfangen haben – nicht mehr und nicht weniger. Wo menschliche Motive, Selbstdarstellung oder unlautere Mittel ins Spiel kommen, wird diese Verantwortung verletzt. Gleichzeitig aber trägt auch der Empfangende Verantwortung. Prophetische Worte sind keine Befehle, sondern Einladungen zur Prüfung, zum Gebet und zur persönlichen Auseinandersetzung vor Gott.

Gerade in Zeiten von Skandalen und Enttäuschungen ist diese doppelte Verantwortung entscheidend. Sie bewahrt uns davor, entweder alles kritiklos zu übernehmen – oder aus Verletzung heraus alles Prophetische pauschal abzulehnen. Beides führt in eine geistliche Schieflage. Der biblische Weg bleibt der Weg der Nüchternheit, der Demut und der Unterscheidung.

Wie kann ein prophetisches Wort geprüft werden?

Sabine Derron ist seit vielen Jahren prophetisch unterwegs

Ein zentrales Kriterium ist die Übereinstimmung mit der Bibel. Widerspricht ein prophetisches Wort der Heiligen Schrift, kann es nicht von Gott sein. Gottes Geist widerspricht sich nicht selbst. Ebenso stellt sich die Frage nach der inneren Wirkung: Ist das Wort von Angst, Druck oder Manipulation geprägt – oder führt es in Freiheit, Klarheit und Hoffnung?

Ein echtes, prophetisches Wort spiegelt den Charakter des himmlischen Vaters wider. Es führt den Menschen näher an Gottes Herz und nicht weg von ihm. Es beschämt nicht öffentlich, verletzt nicht die Würde des Einzelnen und stellt niemanden bloss. Vielmehr wirkt es – so wie es die Schrift beschreibt – zur Ermutigung, zur Erbauung und zum Trost (vgl. 1. Korinther Kapitel 14, Vers 3).

Diese Kriterien sind keine vollständige Checkliste, aber sie geben eine gesunde geistliche Orientierung. Prophetische Worte dürfen herausfordern, ja – aber sie zerstören nicht. Sie rufen zur Umkehr, ohne Hoffnung zu rauben, und sprechen Wahrheit, ohne lieblos zu sein.

Haltung und Frucht

Neben dem Inhalt des Wortes ist auch die Haltung desjenigen entscheidend, der es weitergibt. Steht Jesus Christus im Mittelpunkt – oder der Prophet selbst? Geistliches Wirken, das von Gott kommt, weist immer über den Menschen hinaus auf Christus.

Ebenso wichtig ist die Frucht im Leben des Propheten. Charakter, Lebensführung und Umgang mit anderen Menschen sagen oft mehr als spektakuläre Worte. Wie ist sein Auftreten? Begegnet er Menschen in Demut und Gottesfurcht? Ist er bereit, sich korrigieren zu lassen? Nimmt er seine Gabe ernst – nicht im Sinne von Selbsterhöhung, sondern im Bewusstsein geistlicher Verantwortung?

Die Bibel misst geistliche Autorität nicht an Lautstärke oder Reichweite, sondern an Frucht, Haltung und Treue. Wo diese Merkmale fehlen, ist gesunde Zurückhaltung angebracht – unabhängig davon, wie beeindruckend ein prophetischer Eindruck zunächst erscheinen mag.

Was jetzt?

Fehlverhalten im prophetischen Dienst muss klar benannt werden. Wo Vertrauen missbraucht wird, braucht es Wahrheit, Verantwortung und Korrektur. Schweigen hilft weder den Betroffenen noch dem Leib Christi.

Gleichzeitig dürfen wir das Prophetische nicht pauschal verwerfen. Die Bibel ruft uns nicht zur Ablehnung, sondern zur Prüfung auf. Prophetie bleibt eine Gabe Gottes – wertvoll, aber in menschliche Verantwortung gelegt. Darum braucht sie geistliche Reife, klare Massstäbe und eine Haltung der Demut.

Ein gesunder Umgang mit dem Prophetischen verbindet Liebe und Wahrheit, Offenheit und Unterscheidung. Wo Jesus Christus im Zentrum steht und sein Wort Massstab bleibt, darf prophetisches Reden Raum haben – zum Schutz der Menschen und zur Ehre Gottes.

Sabine Derron ist seit vielen Jahren prophetisch unterwegs. Mit Herz und Feingefühl begleitet sie Menschen in Standortgesprächen und wird international eingeladen, um das Hören der Stimme Gottes im Rahmen von Seminaren zu vertiefen.

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Datum: 24.01.2026
Autor: Sabine Derron
Quelle: Livenet

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