Welttag Autismus

«Ich fühle mich wie eine Katze in einer Welt voller Hunde…»

Zum Welttag des Autismus am 2. April erzählt Salome Battaglia aus ihrem Leben. Der jungen Frau wurde mit 22 Jahren hochfunktioneller Autismus diagnostiziert und sie erzählt hier aus ihrem Alltag.
Salome Battaglia
Salome Battaglia

Salome Battaglia, 26, aus Wattwil ist eine Frau mit hochfunktionellem Autismus. Sie erklärt: «Wir haben ein komplett anderes Betriebssystem. Wir sind wie Katzen in einer Welt voller Hunde.» Für sich und alle Mitbetroffenen einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) wünscht sie sich mehr Verständnis und die Möglichkeit, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.  

Störenfriede

Auch wenn sie Gesellschaft mag – allein kann Salome Battaglia lauten Geräuschen, Gerüchen, grellem Licht und Temperaturschwankungen gezielt aus dem Weg gehen. Ausserdem meidet sie kratzende Textilien und hat ihre Haare raspelkurz abgeschnitten. Dann stören sie keine Strähnen mehr im Nacken.

Ihr Zimmer ist funktional eingerichtet – es gibt nur kahle Wände, Holz und Pflanzen. «Darin fühle ich mich wie im Wald, und dort geht es mir gut», erklärt die 26-Jährige. Doch wenn sie spazieren geht, verlässt sie ihre sichere Zone, die Wohnung. Und damit ist sie einer unvorhersehbaren Reizüberflutung ausgesetzt. Salome lebt mit zwei älteren Geschwistern zusammen. Sie erklärt: «Ohne deren Unterstützung müsste ich betreut wohnen.»


Energiehaushalt regeln

Ihren Energiehaushalt zu managen, ist eine ständige Herausforderung. Klare Abläufe und Rituale helfen dabei. «Jeden Morgen mache ich mein Bett, öffne die Fenster, mache Milch heiss, räume die Abwaschmaschine aus, putze die Katzenkistli, füttere die Katzen – immer in derselben Reihenfolge.»

Sauberkeit und Ordnung vermitteln Ruhe und Sicherheit. Also sorgt sie dafür, merkt aber nicht, wenn sie sich überfordert. Dann kann es geschehen, dass sie alles stehen lassen und sich hinlegen muss. «Ich spüre es nicht im Voraus», stellt Salome klar. «Erst wenn das System zusammenbricht und ich plötzlich keine Kraft mehr habe.»

Ausgebremst

«So ein 'Meltdown' ist ein absoluter Kontrollverlust», erklärt die sympathische junge Frau. «Andere ASS-Personen fangen vielleicht an, um sich zu schlagen, schreien oder lachen überlaut.» Das Gegenteil ist der Shutdown. Betroffene werden ganz still oder erstarren. Kaltes Wasser, kalte Luft, rhythmische Bewegungen können helfen, sich zu beruhigen und die Reizüberflutung zu stoppen.

Es gibt viele sichtbare und unsichtbare Symptome, die zu einer Autismus-Spektrum-Störung gehören können, und Faktoren, die diese beeinflussen. So gibt es Betroffene, die einen Beruf ausüben und selbständig wohnen. Andere sind auf begleitetes Wohnen und geschützte Arbeitsplätze angewiesen.

Psychiatrie statt Schule

Mit Beginn der Pubertät verstärken sich Salomes Symptome. «Vorher strengte ich mich enorm an, mich so zu verhalten, wie das erwartet wurde.» Doch nun übersteht sie drei Tage Schulunterricht nur dank 12 bis 16 Stunden Schlaf pro Nacht. Danach muss sie zwei, drei Tage pausieren. «Ich warf mir selber vor, faul zu sein. Aber ich konnte einfach nicht mehr hingehen», erklärt die Tierfreundin. «Ich hasste mich, ich wollte so gern anders sein.» Mit 14 Jahren wird der Teenager mit Verdacht auf eine beginnende Psychose und selektivem Mutismus (Sprachverweigerung) mit Suizidgefährdung in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Diagnose

Die Therapien helfen jedoch nicht, drei Monate später holt ihre Mutter sie wieder ab. Auf dem Heimweg kann Salome etwas von dem erzählen, was in ihr vorgeht. Die ehemalige Intensivpflegefachfrau erkennt als erste, dass ihre Tochter vom Asperger-Syndrom betroffen sein könnte. Nach sechs Jahren unpassender psychiatrischer Behandlung und Medikation wird dies der mittlerweile 22-Jährigen bestätigt. Sie meldet sich bei der IV an und bittet um Unterstützung.

Ausbildung

Die Fachmittelschule und zwei Versuche, die Matura nachzuholen, scheitern an der fehlenden Selbstorganisation. Sie findet weder eine Lehrstelle als Tierpflegerin, noch gelingt die Arbeitsintegration, die ein Coach der IV organisiert. Innerhalb ihrer Familie, in ihrer Wohnung, zusammen mit drei Katzen und einem Hund, allein oder mit vertrauten Personen im Wald, geht es Salome gut. Doch die junge Frau sagt mit Tränen in den Augen: «Ich will so gerne lernen, studieren! Aber mir fehlt die mentale Prothese.» Sie fühle sich, als hätte sie sieben Beine. «Ich kann damit rennen, aber nicht laufen. Und abends habe ich blutende Füsse.»

Anderes Betriebssystem

Sie wünscht sich mehr Verständnis der Gesellschaft für Menschen wie sie. Ihre Eltern und Geschwister haben gelernt, damit umzugehen, lieben und unterstützen sie. Sie glauben an Salome, vertrauen darauf, dass Gott sie begleitet und nicht vergisst.

Salome ist eine interessante Gesprächspartnerin, holt sich viele Informationen über ASS und ihre Interessengebiete aus dem Internet, organisiert sich selber, wo immer es möglich ist. Sie war es, welche den Schwestern und dem Vater die Freude am Reiten aufzeigte. Ein enormes Potential schlummert in der jungen Frau. Es braucht sehr achtsame Forscher, die diesen Schatz heben und ihr und ihren Mitmenschen zugänglich machen.

Hier finden Sie mehr Infos zum Welttag des Autismus.

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Datum: 02.04.2022
Autor: Mirjam Fisch-Köhler
Quelle: Livenet

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