«Seelsorge» durch Künstliche Intelligenz?
Praktizierende Christen neigen sogar noch mehr dazu, der KI in geistlichen Fragen zu vertrauen als nicht-praktizierende oder sogar Nicht-Christen. Die Daten wurden im Zuge der «State of the Church»-Studie in Partnerschaft mit der Technologie-Plattform Gloo erhoben und Mitte Februar in Tennessee vorgestellt.
KI beeinflusst geistliches Leben
Die Umfrage wurde im November 2025 unter mehr als 1'510 Erwachsenen in den USA durchgeführt. Fast ein Drittel der Erwachsenen in den USA (30%) sind mittlerweile «eher» oder «voll und ganz» der Meinung, dass geistliche Ratschläge von KI «ebenso vertrauenswürdig sind wie Ratschläge von einem Pastor». Bei der Generation Z und den Millennials steigt dieser Anteil sogar auf 39 bzw. 40 Prozent.
Bei den praktizierenden Christen stimmte etwa ein Drittel (34%) eher oder stark zu, dass Ratschläge von KI genauso vertrauenswürdig sind wie Ratschläge von einem Pastor, während nur 29 Prozent der nicht praktizierenden Christen und 27 Prozent der Nichtchristen dieser Meinung waren.
Die Ergebnisse zeigen, dass KI «die täglichen geistlichen Gewohnheiten beeinflusst», stellen die Forscher fest. Vier von zehn Christen geben an, dass KI ihnen beim Beten, beim Bibelstudium und bei ihrer geistlichen Entwicklung geholfen hat. Und Daten aus einer Umfrage vom Dezember zeigen, dass mehr als 41 Prozent der Pastoren KI für die Vorbereitung des Bibelstudiums nutzen.
Pastoren sind unsicher
Die Studie zeigt gleichzeitig, dass rund ein Drittel der praktizierenden Christen Hilfe und Leitlinien in Bezug auf den Umgang mit KI von ihrem Pastor wünschen. Lediglich 12 Prozent der Pastoren erklären sich allerdings mit der Materie vertraut. «Obwohl die Mehrheit der praktizierenden Christen nach wie vor sehr zurückhaltend ist, wenn es darum geht, KI als spirituelles Werkzeug anzunehmen, ändern sich ihre Ansichten und sie werden von ihren Pastoren weitgehend nicht informiert», sagte Daniel Copeland, Vizepräsident für Forschung bei Barna, in einer Stellungnahme zu der Studie. «Hier bietet sich Pastoren eine echte Chance, ihren Gemeindemitgliedern beizubringen, wie sie diese Technologie auf vorteilhafte Weise nutzen können.»
Bequeme Lösung oder «neue Form des Götzendienstes»?
Die Nutzung von Künstlicher Intelligenz im geistlichen Bereich hat nach einem Bericht der Christian Post in den letzten zwei Jahren um 80 Prozent zugenommen. Oft aus Neugierde nutzen Christen immer mehr Andachts-Apps wie «Text mit Jesus», in der ein langhaariger «Jesus» in der Ich-Form mit seinen «Kindern» redet und ihnen Ratschläge zu allen möglichen Fragen gibt. Über die Nutzungsrate im deutschsprachigen Raum sind noch keine Daten erhältlich.
Obwohl er den Einsatz von KI durch Christen nicht als Bedrohung für den Glauben an Gott ansieht, da «Gott viel grösser ist als KI», warnt Pastor Ray Miller von der First Baptist Church in Abilene, Texas, dass die rasche Einführung dieser Technologie im geistlichen Bereich zu «einer weiteren Art von Götzenbild werden könnte, das unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht». Der KI-Jesus fühle sich wie eine «persönliche Gottheit, die allwissend zu sein scheint» an. «Wenn ein Unternehmen versucht, Ihnen SMS-Nachrichten mit Jesus zu verkaufen, sind wir meiner Meinung nach in gefährliche, vielleicht sogar götzendienerische Gewässer geraten», sagte Miller gegenüber The Christian Post.
Statt sich auf die bequeme KI-Lösung zu verlassen, fordert er, dass Kirchen und Gemeinden den Menschen helfen, ihre eigene «Interaktion» mit Gott zu entwickeln und KI lediglich als Studien-Tool zu nutzen. «Wir müssen uns noch stärker darauf konzentrieren, Menschen zu lehren, dass sie ihre eigene langsame, interaktive Beziehung zu Gott entwickeln», sagte Miller.
Ansichten einer Seelsorgerin
Silvia Schack, Seelsorge-Leiterin bei Livenet, sieht die KI im geistlichen Bereich differenziert. Einerseits sei sie ein «praktisches Hilfsmittel», durch das «online offensichtlich viel guter und helfender christlicher Inhalt zur Verfügung steht und mittels Tools der künstlichen Intelligenz schneller, spezifischer und rund um die Uhr nach Antworten zu einer persönlichen Fragestellung gefiltert werden kann». Und sie ergänzt: «Solange Menschen gut unterscheiden zwischen Realität, Internet und eigenem Denken – also auch andere Quellen vergleichen, sich austauschen und auch in der Bibel lesen, kann dies schon helfen.» Dass Menschen aber der KI «genau so vertrauen wie ihrem Pastor», sieht Silvia Schack kritisch. «Wissen die Menschen, wie KI funktioniert und woher die Quellen kommen?»
Dazu kommt: «Menschen vereinsamen zunehmend. KI füllt da bereits eine Lücke: Sie ist immer präsent, gibt Antwort usw.» Und sie schliesst: «Auch wenn viele Menschen inzwischen gelernt haben, dass man bei körperlichen Krankheitssymptomen doch lieber zum Arzt gehen sollte statt zu googeln, ist es bei der Künstlichen Intelligenz genauso verlockend und mitunter gefährlich, sich auf Ratschläge einer Maschine zu verlassen.»
Dazu komme auch die Gefahr von Fälschungen – es gab bereits Fälle von «Fake Rabbis» und anderen KI-Videos. Auch Christen müssten hier lernen, zu kritischen Internet-Konsumenten zu werden.
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Datum: 28.02.2026
Autor:
Reinhold Scharnowski
Quelle:
Livenet / Christian Post