Seehaus: einzigartig in Deutschland

Das Gefängnis ohne Gitter

Dachsanierung mit jugendlichen Straftätern
Jugendlichen Straftätern wird dort die Möglichkeit als Alternative zur Haftstrafe der Strafvollzug in freier Form gegeben. Was schwer vorstellbar klingt, ist entgegen allen Vermutungen ein aussergewöhnliches Erfolgskonzept.

«Ja, es ist hart hier – vielleicht härter als im Knast, weil dich keiner in Ruhe lässt. Aber genau das hat mich rausgeholt.» So berichtet ein Seehaus-Absolvent. Die verurteilten Straftäter werden Jungs genannt. Der Fokus liegt darauf, den jungen Männern zu helfen, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Sie haben einen streng durchgetakteten Tages- und Arbeitsplan: Der Tag beginnt frühmorgens um Viertel vor sechs mit einer obligatorischen viertelstündigen Lesezeit und Frühsport. Es folgen Hausputz, Schule, Berufsvorbereitung, Ausbildung, gemeinnützige Arbeit sowie soziales Training und Freizeitaktivitäten. Am Ende steht eine spirituelle Besinnung. Das Erziehungsprogramm ist bis 22 Uhr auf die Minute durchgetaktet. Immer wieder kommt es vor, dass Teilnehmer das Programm vorzeitig abbrechen. Die körperliche Arbeit und der eng getaktete Tagesablauf sind manchen von ihnen zu anstrengend. Den Jungs wird Vertrauen und Verantwortung entgegengebracht. Dafür müssen sie sich bewähren, um in der Hierarchie der familienähnlichen Wohngemeinschaft mit Hauseltern und deren Kindern zu bestehen. Sie werden auch mit ihren Taten konfrontiert - zum Beispiel im Programm «Opfer und Täter im Gespräch».

Integration durch Begegnung

Das Seehaus im baden-württembergischen Leonberg wurde vom Sozialpädagogen Tobias Merckle vor 22 Jahren gegründet. «Er lebt in einem Gefängnis», schreibt die «Financial Times» in einer Reportage über ihn. Die Stuttgarter Zeitung berichtet über ihn: «Er kämpft für seine Jungs.» Während eines Freiwilligen Sozialen Jahres in den USA hatte Tobias Merckle zum ersten Mal ein Gefängnis besucht, berichtet er im «Nachtcafé» in der ARD. Er stellte fest, dass die Inhaftierung von Straffälligen meist nicht dazu führt, dass sie nach ihrer Entlassung wieder in der Gesellschaft Fuss fassen: «Stattdessen bilden sich Subkulturen in den Gefängnissen, so dass die Gefahr von Rückfällen hoch ist.» Dem wollte er einen an christlichen Werten orientierten Strafvollzug entgegenstellen. Es gibt vier Ausbildungsbetriebe: Garten- und Landschaftsbau, Metallbau, Schreinerei sowie Zimmerei. Dazu kommt die Seehaus-Schule, damit die jungen Männer die Möglichkeit haben, ihren Schulabschluss nachzuholen.

Erfolgsquote liegt bei 75 Prozent 

Das Seehaus bietet in drei Wohngemeinschaften Platz für bis zu 21 jungen Männer. Ungewöhnlich ist, dass alle Mitarbeiter Christen verschiedener Konfessionen sind. Die Jugendlichen teilen sich jeweils ein Stockwerk mit ihren Hauseltern und erfahren oft zum ersten Mal Liebe und Annahme. Die Hauseltern vermitteln den jungen Männern, dass sie als geliebte Geschöpfe Gottes einen Wert haben – unabhängig davon, was sie in der Vergangenheit getan haben. Die Jugendlichen wissen, dass die Einrichtung in christlicher Trägerschaft steht. Die Kreuze an den Wänden sind unübersehbar, aber die Gottesdienste am Sonntagabend sind freiwillig. Tobias Merckle ist in einer protestantischen Familie aufgewachsen. Er liest mit den Jugendlichen, von denen oft weit über die Hälfte Moslems sind, nicht nur in der Bibel, sondern auch im Koran. «Sie sollen selbst für sich sehen und entscheiden, welche Werte sie vertreten, was für sie stimmt. Wir drängen unseren Glauben nicht auf, aber wir sprechen mit allen auch über Jesus. Jeder weiss, dass der christliche Glaube die Basis unserer Arbeit und unseres Zusammenlebens hier ist.» Tobias Merckles Prinzip scheint zu funktionieren. Seit Gründung haben über 400 Jungs ihre Haftstrafe im «Gefängnis ohne Mauern» abgesessen. Den meisten Bewohnern des Seehauses konnte ein Arbeits- oder Ausbildungsplatz vermittelt werden. Nur ein Viertel der ehemaligen Straftäter wird innerhalb der ersten drei Jahre wieder inhaftiert. Im regulären Strafvollzug liegt die Quote bei 40 Prozent. 

Die guten Erfahrungen, die Mitarbeiter des Seehauses gesammelt haben, fliessen inzwischen auch in die Resozialisierungsprogramme des Justizwesens in Baden-Württemberg ein. Immer mehr Bundesländer haben inzwischen den Strafvollzug in freien Formen eingeführt. Im Buch «Wo Zukunft wachsen kann – Von der schiefen Bahn in ein neues Leben» (ISBN 978-3-86334-382-8) werden von Christoph Zehendner und Susanne Ospelkaus 20 Geschichten von ehemaligen Seehaus-Jungs, Mitarbeitern des Seehaus und Opfern von Straftaten erzählt. Die Geschichten zeigen voller Wärme und Zuversicht auf, was passieren kann, wenn Menschen eine zweite Chance bekommen. 
 

Dieser Artikel erschien im Dienstagsmail Nr.886

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Datum: 30.08.2025
Autor: Markus Baumgartner
Quelle: Dienstagsmail Nr.886

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