«Dunkelziffer enorm»

Schweiz: 500 Meldungen im Bereich Menschenhandel

Seit der Lancierung im Oktober 2015 sind 500 Meldungen bei der Nationalen Meldestelle gegen Menschenhandel und Ausbeutung von ACT212 eingegangen. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn viele Opfer bleiben im Verborgenen.
Menschenhandel Symbolbild
Irene Hirzel

Den Opfern von Menschenhandel und Ausbeutung in der ganzen Schweiz schnell und effizient zu helfen: Das ist das erklärte Ziel von ACT212. Deshalb wurde die Nationale Meldestelle am 18. Oktober 2015 eröffnet. In diesem Monat ging bereits die 500. Meldung bei ACT212 ein, betroffen waren über 570 Personen.

Von den Meldungen, die über die Webseite oder über die Hotline erfolgen, stammen nur rund zehn Prozent von den Opfern selbst; am häufigsten kommen die Meldungen von beobachtenden Drittpersonen oder aus dem engeren Familien- oder Bekanntenkreis der Betroffenen. Viele Meldungen werden auch anonym gemacht. Die Betroffenen sind mehrheitlich weiblich, viele von ihnen minderjährig. Sexuelle Ausbeutung macht immer noch den Grossteil der Meldungen aus. Zunehmend werden auch Beobachtungen zu Ausbeutung der Arbeitskraft in verschiedenen Branchen gemeldet.

«Dunkelziffer ist enorm»

Sobald eine Meldung eingeht, werden Betroffene – je nach Bedürfnis – an spezialisierte Polizeieinheiten, Opferberatungsstellen, Psychologen oder Schutzhäuser weitergeleitet. «Der Weg, bis ein Opfer von Menschenhandel und/oder sexueller Ausbeutung aussteigen kann, ist lang und benötigt viel Mut; die Betroffenen müssen entsprechend professionell betreut werden», macht Irene Hirzel, Gründerin und Geschäftsleiterin von ACT212 geltend – und ergänzt: «Die 500 Meldungen sind nur die Spitze des Eisbergs; die Dunkelziffer ist enorm; Menschenhandel gibt es auch in unserer kleinen Schweiz.»

Dank der Sensibilisierungsarbeit von ACT212 wird es erst möglich, Opfer zu identifizieren und Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Die Nationale Meldestelle trägt dazu bei, dass im ganzen Land immer mehr Fälle von Menschenhandel und Ausbeutung ans Tageslicht kommen. Dazu Irene Hirzel: «Nur wenn wir genau hinschauen und verstehen, wie Menschenhandel funktioniert, erkennen wir Betroffene und können ihnen Schritte aus der Situation aufzeigen.»

Ein Fall von vielen...

Vanja (Name geändert) wurde als Haushaltshilfe in die Schweiz geholt. Kaum angekommen, wurde ihr der Pass weggenommen. Sie wurde eingesperrt, musste von morgens bis abends und ohne Freiraum im Haushalt der Familie hart arbeiten und wurde misshandelt. Eine aufmerksame Nachbarin hat den Fall bei der Hotline von ACT212 gemeldet. So konnte Vanja geholfen werden, die Polizei schritt ein. Sie ist wieder zurück bei ihrer Familie in Bulgarien.

Bei der Bearbeitung der Meldungen stehen die Wünsche und Bedürfnisse der meldenden Personen immer an erster Stelle.

Zur Hotline:
ACT212 Meldestelle

Zum Thema:
Krieg und Sexindustrie: Menschenhändler nutzen Not flüchtender Ukrainerinnen aus
Walk for Freedom: Schweizer NGOs mobilisieren gemeinsam gegen Menschenhandel
Loverboys in der Schweiz: «Es ist nur die Spitze des Eisbergs»

Datum: 16.03.2022
Quelle: ACT212

Werbung
Livenet Service
Werbung