Seelsorgerliche Begleitung im Militär
Ismael, wie bist du zur Armeeseelsorge gekommen?
Ismael Pieren: Als Rekrut hatte ich das Glück, einen tollen Armeeseelsorger (Asg) zu haben. Das hat mich inspiriert. Während des Studiums am TDS erfuhr ich, dass man neu mit meinem Abschluss Asg werden kann. Für mich war klar: «Das will ich machen!»
Warum braucht es die Armeeseelsorge (AS)?
Die Coronakrise zeigte deutlich, dass die Armee ihre Seelsorger braucht. In dieser Krisenzeit gab es so viele Gespräche wie schon lange nicht mehr. In der ganzen Schweiz wurden an Sonntagen auf Waffenplätzen Gottesdienste gefeiert. Besonders hart traf es in dieser Zeit die Spitalsoldaten. Sie waren mit zahlreichen Todesfällen konfrontiert – eine hohe Belastung. Hier war der Asg unverzichtbar für tiefe Gespräche, ermutigende Zusprüche und praktisches Dienen, wo Not am Mann war. Ich selbst habe nur einen kleinen Teil dieser Krisenzeit miterlebt. Der Dienst «an direktester Front» blieb mir erspart. Für die Armee ist klar: Sie braucht ihre Asg. Das wird auch den Rekruten klar, wenn sie im Dienst oder Privatleben herausgefordert sind und ein Gespräch mit ihren Asg wünschen.
Was sind deine Aufgaben als Armeeseelsorger?
Als Asg nehme ich am Lebensalltag der Truppe teil. Das kann ein Marsch, eine Zwangsmittelausbildung oder ähnliches sein. Dieses Dabeisein empfinde ich als Privileg. Die Beziehungspflege zur Truppe schafft Akzeptanz und macht die Hemmschwelle kleiner, mit dem Asg das Gespräch zu suchen. Am wichtigsten für mich sind die persönlichen Gespräche mit einzelnen Angehörigen der Armee (AdA), an denen sie über Sorgen und Herausforderungen in ihrem Leben sprechen können. Meistens kommen die ratsuchenden AdA einmal zu mir. Diese Gespräche dauern 60 bis 90 Minuten. An solchen Gesprächen wurde ich schon mit Suizidgedanken, sozialen Phobien und schweren Lebensgeschichten konfrontiert. Auch steht man oft vor versammelter Mannschaft. Mal sind das Unterrichtseinheiten, wo die AS vorgestellt wird. Auch sind die Asg als erfahrene Rhetoriker bei Feierlichkeiten (z.B. Beförderungen) als Redner gefragt. Manchmal gestaltet man auch Rituale für die Truppe mit.
Du bist einer Rekrutenschule zugeteilt. Welchen Hintergrund haben die Rekruten?
Immer wieder höre ich den Satz: «Die Armee ist ein Spiegel der Schweizer Gesellschaft.» Dem kann ich zustimmen. Jede Einheit spricht mit ihren besonderen Aufgaben aber auch spezifische Interessen an. Ich selbst bin in einer Schule der Führungsunterstützung tätig. Der «typische» AdA dort ist intellektuell und ein Informatiker. In Kultur, Religion und Lebenssituation sind die AdA bunt durchmischt. Es gibt einen Anteil gläubiger Christen, die sich bewusst gegen eine Kampftruppe entschieden haben. Mich fasziniert, dass religiöse und kulturelle Differenzen in der Armee nicht dominieren. Der gemeinsame Auftrag trägt dazu bei, Dialoge möglich zu machen und Vorurteile abzubauen. Diese Schule hat einen erfreulich hohen Anteil an wAdA (weibliche Angehörige der Armee).
Was macht dir Freude und was ist schwierig?
Mich freuts, wenn ich den Soldaten helfen kann. Das Schönste ist, wenn diese nach einem Gespräch gelöst und ermutigt in ihren Zug zurückkehren. Sie bekommen da meist eine neue oder klarere Sicht auf ihre Situation. Es ist schön, sie zu einem späteren Zeitpunkt in der Truppe anzutreffen und zu sehen, dass sie aufblühen und die Kameradschaft geniessen.
Schwierig wird es, wenn der Tod zum Thema wird. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich aufgrund eines Suizides für einen möglichen Einsatz angefragt wurde. So sass ich in meinem Feriendomizil in Uniform und wartete auf das Aufgebot. Wie erleichtert war ich damals, schliesslich doch nicht aufgeboten worden zu sein. Ein anderes Mal war ich dabei, als nach einem Weihnachtsurlaub die Todesnachricht eines Wachtmeisters seinen Kameraden überbracht werden musste. Das ging unter die Haut.
Manchmal empfinde ich auch Frustration. Nicht immer sind Gespräche von Erfolg gekrönt. Nicht selten bräuchten die ratsuchenden AdA mehr als nur ein Gespräch, sondern Coaching oder mehrere Gespräche in der Seelsorge. Nicht helfen zu können, kann frustrieren. So sind meine einzigen Waffen in solchen Situationen das Zuhören, das Anteilnehmen und das stille Gebet.
Welche Rolle spielt der christliche Glaube in deiner Aufgabe?
Missionieren in der Armee ist verboten. So kommen Gespräche über den Glauben selten zustande. In Fragen wie «gibt es in dieser schwierigen Situation für Sie auch etwas, was ihnen Kraft gibt?» kommt man dann auf Umwegen auf den Glauben zu sprechen. Manchmal werde ich auch dazu von gläubigen AdAs oder durch mein Abzeichen, dem Kreuz, darauf angesprochen. Da ist vieles möglich. Die Bibel des Cevi Militär Service ist bei mir Sackbefehl. In gegebenen Situationen beschenke ich auch mal einen AdA mit einem Neuen Testament. Beim Einrücken habe ich eine gute Stunde Fahrzeit, die ich im Blick auf Begegnungen für Gebete nutze. Auch will ich immer damit rechnen, dass der Heilige Geist in Gesprächen wirkt. Bei Ansprachen können auch mal biblische Werte, Geschichten oder Vorbilder als Beispiel eingebaut werden. Bekannt und beliebt ist unter anderem die Geschichte von David und Goliath.
Wer kann ArmeeseelsorgerIn werden und welche Voraussetzungen sind dazu wichtig?
Hierzu verweise ich gerne auf www.vtg.admin.ch/de/armeeseelsorge. Nebst den beruflichen Voraussetzungen ist es sicher gut, Resilienz, Empathie, Durchsetzungsvermögen und eine positive Einstellung gegenüber den Menschen in der Armee mitzubringen.
Das Interview wurde geführt von Andreas Schmid.
Zum Thema:
Öffnung der Armeeseelsorge: Freikirchen dürfen künftig Seelsorger ins Militär entsenden
Weiterbildungstag in Bern: Erster Austausch von Armee-Seelsorgern aus Freikirchen
Ermutigendes aus der Ukraine: Hilfe kommt an und Soldaten kommen zum Glauben
Datum: 28.08.2025
Quelle:
wort+wärch (EGW)