Kunst im Naumburger Dom

Warum Uta die Auferstehung nicht mehr sieht

Im Westchor des Naumburger Doms stehen zwölf Stifterfiguren, darunter Uta von Naumburg
Im Naumburger Dom steht nicht nur die weltberühmte Statue der Uta von Naumburg, einer der Dom-Stifterinnen, sondern ein Cranach-Altar. Dessen Mittelteil wurde gerade neu gemalt – und darf nun nicht im Dom ausgestellt werden.

Viele lieben den Naumburger Dom St. Peter und Paul. Als eines der wichtigen Kulturzeugnisse der Spätromanik ist er seit 2018 UNESCO-Weltkulturerbe. Andere kennen ihn eher aus dem Kreuzworträtsel, wo immer wieder nach einer «Naumburger Stifterfigur» mit drei Buchstaben gefragt wird. Kleiner Tipp: Es ist Uta. In dieser Umgebung drehte Regisseur Paul Smaczny den Dokumentarfilm «Triegel trifft Cranach», der seit 5. Februar 2026 in den Kinos gezeigt wird. Er handelt vom Künstler Michael Triegel, der 2020 den Auftrag erhielt, den Altar des Doms neu zu gestalten (hier geht es zum Trailer des Films).

Ein Altar ohne Mitte

Der Dom in Naumburg an der Saale war schon früh ein kirchliches Zentrum und wurde demensprechend immer weiter ausgebaut, erweitert und auch künstlerisch ergänzt. 1519 schuf der bekannte Renaissance-Künstler Lucas Cranach der Ältere einen Marienaltar für den Westchor. Bereits 1541 fiel dieser Altar dem reformatorischen Bildersturm zum Opfer. Die verbliebenen Seitenteile wurden eingelagert, die Haupttafeln in der Mitte waren zerstört – man weiss nicht, wie sie ausgesehen haben. Irgendwann in den letzten Jahren entstand die Idee, diesen Altar wieder aufzubauen. Da das ursprüngliche Aussehen unbekannt war, sollten es Altarbilder im Stil von Cranach werden, die aber einen Bezug zu heute haben.

Ein Künstler mit Zweifeln

Michael Triegel

Den Auftrag dafür erhielt der Künstler Michael Triegel, neben Neo Rauch einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Leipziger Schule. Sein Schwerpunkt war schon länger die christliche und antike Bilderwelt. In der DDR geboren, war er zunächst konfessionslos und deshalb eher überrascht, von der Kirche Aufträge zu bekommen. Doch man wollte seine klassische Art zu malen und dazu seinen Blick als Zweifler, als Mensch von heute. «Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt», so sieht er sich selbst. Und im Dokumentarfilm «Triegel trifft Cranach» über sein bisher grösstes Werk erklärt er sein Herangehen an das Altarbild und den Glauben: «Ich suche im Glauben das Geheimnis.» Bereits eine Weile vorher liess er sich deswegen katholisch taufen, weil er zwar die Wortorientierung im Protestantismus liebt, aber sie so gut kennt, dass er lieber im bildhaft-geheimnisvollen Katholizismus daheim sein wollte.

Heiliges Gespräch mit echten Menschen von heute

Im Film erzählt Triegel ausführlich, wie er in seinem Altarbild Vergangenes und Gegenwärtiges zusammengefasst hat. Da das Bild in «Peter und Paul» hängt, kommen auch die beiden Apostel darin vor: Paulus als heutiger Jude und daneben Petrus, der nicht nur den klassischen Schlüssel in der Hand hält, sondern auch eine Kappe trägt. Alle Figuren sind Menschen von heute und entsprechen gleichzeitig in ihrer Darstellung dem Renaissance-Ideal.

Der evangelische Theologe Bonhoeffer unterstreicht dabei die ökumenische Weite und für Maria porträtierte der Künstler seine Tochter – wegen der emotionalen Nähe, die er dafür brauchte. So ist die Art der Darstellung einerseits gegenwartsbezogen, andererseits eine klassische «Sacra Conversazione», eine heilige Unterhaltung, wie sie vielleicht auch Cranach gemalt hätte. Dabei ging es Triegel nicht in erster Linie darum, «schön» zu malen. «Es ist die Aufgabe von Kunst, zuzumuten», sagt er und ergänzt: «Schönheit ist keine Ästhetisierung, sondern hat etwas mit Wahrhaftigkeit zu tun.»

Eine Gruppe ohne Ausblick

Auf der Rückseite des Altarbilds befindet sich der auferstandene Christus. Die im Halbkreis angeordneten zwölf Stifterfiguren, unter anderem die der berühmten Uta, sind auf ihn ausgerichtet. Jahrhundertelang haben sie quasi ins Leere geschaut. Als der neu zusammengestellte Altar im Juni 2022 aufgestellt wurde, war damit auch für Triegel etwas wiederhergestellt, was bis dahin gefehlt hatte: der Blick der Verstorbenen auf die zukünftige Auferstehung. In dieser Symbolik und vielen anderen Punkten sieht Triegel, wie in seinem Zusammenspiel mit dem alten Meister Cranach (der zur Zeit des ersten Altars mit 23 Jahren sein jüngerer Kollege gewesen wäre) vieles wieder an seinen Platz kommt. Leider sehen Uta und die anderen Figuren allerdings momentan wieder ins Leere.

Ein Kunstwerk ohne Ort

Der Dokumentarfilm wurde deutschlandweit in den Kinos ausgestrahlt

Kurz nachdem der Altar aufgestellt wurde, meldete sich die Denkmalschutz-Behörde und stellte den Fortbestand des Naumburger Doms als UNESCO-Weltkulturerbe infrage, wenn er dortbliebe. Man sah den neuen Altar als unpassende Ergänzung zur gotischen Ausrichtung der Kirche. Ausserdem verstelle er den Blick auf die bekannte Stifterfigur der Uta von Naumburg. Künstler und Kirchenleitung widersprachen: Der Dom sei ein Stilmix über viele Jahrhunderte hinweg und die Altartafeln seinen eine respektvolle Hommage daran. Trotzdem wurde der Altar auf Reisen geschickt, um eine Konfrontation zu umgehen, zunächst nach Paderborn und dann nach Rom. Dort befindet er sich momentan, während man zwischen Dom und Behörden verhandelt. All dies beleuchtet «Triegel trifft Cranach». Vor allem aber erzählt der Dokumentarfilm den Entstehungsprozess der Bilder auf eine stille und sehr persönliche Art. Zuschauende werden geradezu eingeladen, dem Künstler über die Schulter zu schauen – und ab und zu ins Herz.

Zum Thema:
Nic Fiddian-Green: Ein Künstler sieht das Gesicht Jesu 
Erzengel Michael: Eine der grössten christlichen Statuen im Bau 
10-Meter-Jesus-Statue: Ein neues Wahrzeichen des Friedens in Jerusalem 

Datum: 23.02.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

Werbung
Livenet Service
Werbung