Ruanda geht hart gegen Evangelische vor
Seit 2018 gelten für die Kirchen in Ruanda neue Regeln in Bezug auf Sicherheit, finanzielle Transparenz und die Qualifikation der Pastoren. Diese Vorschriften wurden unter der Führung von Präsident Paul Kagame eingeführt, der seine Zurückhaltung gegenüber evangelischen Kirchen, die in den vergangenen Jahrzehnten in Ruanda wie auch anderswo in Afrika aufgeblüht sind, nie verheimlicht hat.
Anders als in vielen anderen afrikanischen Ländern, in denen diese Einrichtungen – oft kritisiert wegen schwacher Lehre und der Gier ihrer Pastoren – weitgehend unkontrolliert florieren, wurden in den vergangenen Jahren in Ruanda schätzungsweise bis zu 10’000 Kirchen geschlossen.
«Manche Kirchen sind nichts als Banditennester»
«Wenn es nach mir ginge, würde ich nicht eine einzige Kirche wieder eröffnen», erklärte Paul Kagame Ende November. Er regiert Ruanda mit eiserner Hand, seit er im Juli 1994 das extremistische Hutu-Regime gestürzt hat, das den Völkermord an mehr als 800’000 Tutsi und moderaten Hutu zu verantworten hatte.
«Angesichts all der Entwicklungsherausforderungen, denen wir gegenüberstehen – welche Rolle spielen diese Kirchen? Schaffen sie Arbeitsplätze?», fragte er weiter bei einer live übertragenen Pressekonferenz. Und er urteilte: «Viele stehlen einfach nur… Manche Kirchen sind nichts weiter als Banditennester.»
Hinter solchen Aussagen stehe die Ablehnung jeglicher Gegenmacht durch den ruandischen Staatschef, meint der Politikanalyst Louis Gitinywa – eine Einschätzung, die auch eine anonyme Regierungsquelle bestätigt.
Gereizt, wenn jemand Einfluss gewinnt
«Die ‘FPR' (‘Front patriotique rwandais’, die Regierungspartei unter seiner Führung) reagiert gereizt, wenn eine Organisation oder Einzelperson an Einfluss gewinnt», beobachtet Gitinywa. Hinter der jüngsten Fernsehäusserung von Präsident Kagame stehe die Botschaft: «Die FPR duldet keinen Konkurrenten, wenn es um Einfluss auf die Bevölkerung geht.»
Paul Kagame betrachtet die Kirche zudem als ein koloniales Relikt. «Ihr wurdet von den Kolonisatoren getäuscht und lasst euch weiterhin täuschen», erklärte er Ende November. Laut der Volkszählung von 2024 bezeichnen sich rund 93 Prozent der Ruander als Christen.
Lange Wege bis zur Kirche
Viele Gläubige müssen inzwischen lange Wege zurücklegen, um einen Ort zum Gebet zu finden. «Die offene Verachtung und Abscheu des Präsidenten gegenüber Kirchen und religiösen Organisationen im Allgemeinen lassen schwierige Zeiten erwarten», kommentiert ein Kirchenvertreter aus Kigali, der aus Angst vor Repressalien anonym bleiben möchte.
Die Vorschriften von 2018 sind streng: Kirchen müssen jährliche Aktionspläne vorlegen, aus denen hervorgeht, wie sie sich an den «nationalen Werten» orientieren, und sämtliche Spenden müssen über registrierte Konten abgewickelt werden. Zudem müssen Pastoren ein abgeschlossenes Theologiestudium vorweisen.
Seit März 2025 sind Kirchen ausserdem verpflichtet, 1’000 Unterschriften von Gläubigen vorzulegen – für kleine Gemeinden «fast unmöglich», wie Pastor Sam Rugira anmerkt. Seine beiden Kirchen wurden 2024 wegen Verstössen gegen die Brandschutzvorschriften geschlossen.
«Räuber»
Die Kritik an evangelischen Kirchen – und ihren Auswüchsen – ist in Afrika jedoch kein Einzelfall. Der ehemalige kenianische Präsident Uhuru Kenyatta prangerte bereits 2017 «Räuber an, die Religion benutzen, um die Kenianer zu bestehlen».
Auch Kenia hat die extremen Folgen unkontrollierter Glaubensgemeinschaften erlebt. Im Jahr 2023 hungerten rund 450 Menschen unter dem Einfluss eines ehemaligen Taxifahrers, der sich selbst zum Pastor erklärt hatte, zu Tode, um «Jesus vor dem Weltuntergang» zu begegnen, der für dieses Jahr vorhergesagt worden war. Ihre sterblichen Überreste wurden später in einem Wald exhumiert.
Trotz dieses Traumas in der Bevölkerung ergriff Kenia, dessen Präsident William Ruto selbst evangelischer Christ ist, keine Massnahmen zur stärkeren Regulierung solcher Kirchen, die von den Behörden als wichtige Wählerreservoirs betrachtet werden.
Für grosses Aufsehen gesorgt
In Ruanda sorgte insbesondere die Schliessung des «Grace Room Ministry» für grosses Aufsehen. Dessen Pastorin Julienne Kabanda zog riesige Menschenmengen in die «BK Arena», eine hochmoderne Sporthalle in der ruandischen Hauptstadt Kigali.
Die Behörden erklärten, der Kirche sei die Lizenz entzogen worden, weil sie «wiederholt versäumt habe, ihre jährlichen Tätigkeits- und Finanzberichte einzureichen».
Aus ideologischen Gründen gegen Kirchen?
Ismael Buchanan, Politikwissenschaftler an der Nationaluniversität von Ruanda, räumt ein, dass «Religion und Glaube eine Schlüsselrolle bei der Heilung der emotionalen und psychologischen Wunden der Ruander nach dem Völkermord gespielt haben».
Heute sagt er: «Doch es ergibt keinen Sinn, alle zwei Kilometer eine Kirche zu errichten, statt Krankenhäuser und Schulen. Ruanda ist kein religiöser Staat wie der Vatikan oder Saudi-Arabien.»
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Datum: 04.01.2026
Autor:
Info Chrétienne / Daniel Gerber
Quelle:
Info Chrétienne / Übersetzung: Livenet