Practicing the Way: Veränderung durch Subtraktion
Felix Ronsdorf ist mehr als Moderator oder Übersetzer, der 34-jährige Familienvater ist Campuspastor bei der LifeKirche in Leverkusen, die sich selbst als «überkonfessionelle Freikirche auf biblischer Grundlage» bezeichnet. Ausserdem leitet er das Netzwerk «Practicing the Way» im deutschsprachigen Raum. Am Rande des Leiterkongresses sprach er mit Florian Wüthrich über Nachfolge, weniger Aktionismus und einen Perspektivwechsel in der Kirche.
Eine Generation entdeckt die Nachfolge
Die Kirchenlandschaft verändert sich gerade, leise, aber spürbar. Immer mehr Menschen sehnen sich nach Tiefe, statt nach mehr Programmen oder besseren Strategien. Nach einem Glauben, der wirklich gelebt wird. Felix Ronsdorf ist einer von ihnen. Schon in seiner theologischen Ausbildung beschäftigte er sich intensiv mit Nachfolge und Jüngerschaft. Immer, wenn er einen inspirierenden Pastor dazu reden hörte, dachte er: «Der hat es begriffen. That’s it.» Drei Monate später kam dann der Nächste und es hörte nicht auf. Irgendetwas fehlte ihm immer.
2019 stolperte er dann über «Das Ende der Rastlosigkeit», ein Buch von John Mark Comer, in dem es hauptsächlich darum geht, den Lebensstil von Jesus zu lernen. «Das war für mich ein Erdrutschmoment. Da hat sich ganz, ganz viel verändert», erzählte Ronsdorf. Es half ihm zu einer neuen Sicht aufs Evangelium und war durch und durch praxisorientiert.
Eine neue Spiritualität
In Comers Büchern und auch in seinem daraus erwachsenen Programm «Practicing the Way» geht es um «Spiritual Formation». Solche Spiritualität klingt für viele nach Meditation oder religiösen Routinen, doch eigentlich beschreibt der Begriff etwas Grösseres: die innere Transformation, die entsteht, wenn Menschen ihr Leben bewusst auf Jesus ausrichten. Es geht nicht länger darum, etwas über Jesus zu lernen, sondern von ihm zu lernen. Dabei sind geistliche Praktiken wie Gebet, Bibellesen oder die Ruhe am Sabbat keine Punkte zum Abhaken, sondern Trainingsräume, in denen sich unsere Perspektive weiterentwickelt.
Ehrlich hielt Ronsdorf dabei fest, dass er damit in seiner eigenen Gemeinde noch ganz am Anfang steht. In einer bestehenden Gemeindearbeit kann man nicht einfach wieder bei null anfangen, aber durchaus Impulse setzen. «Ich finde, es ist ein Weg, den man langsam und selbst gehen muss und auf den man auch eigentlich nur im Schritttempo einladen kann.»
Nicht mehr, sondern weniger machen
Comer betont immer wieder, Menschen nicht beschäftigt zu halten, sondern ihnen zu helfen, dass sie langsamer werden können und sich wieder mit Gott verbinden. In Bezug auf seine Gemeindearbeit unterstrich Ronsdorf, wie wichtig es ihm ist, nicht zu jedem scheinbaren Bedürfnis ein Angebot zu schaffen. Seine Frage ist vielmehr: «Was erreiche ich mit dem, was ich da mache und vorhabe – mit diesem ganzen Mehr? Und wie könnte es aussehen, als Kirche weniger zu machen? Was wäre, wenn Veränderung nicht durch Addition, sondern durch Subtraktion entsteht?»
Vielleicht geht es weniger darum, Menschen ständig zu beschäftigen – und mehr darum, ihnen zu helfen, langsamer zu werden, Gott neu wahrzunehmen und ihr Leben neu auszurichten. Solche Veränderung kostet Zeit, sie lässt sich nicht einfach implementieren. Jede Kirche hat schliesslich ihre eigene Geschichte, Kultur und Dynamik. Der mutige Paradigmenwechsel, der dahintersteht, ist das Verzichten auf Kontrolle und das Anbieten von Raum für Vertrauen, denn geistliche Veränderung lässt sich nicht als Projekt managen.
Eine Generation hungert nach echtem Leben
Ein weiterer Paradigmenwechsel betrifft die Frage nach Mitarbeit und Berufung. Ronsdorf wies dabei auf die Gen Z und die «Quiet Revival» hin, die sogenannte stille Erweckung. Die geschieht als Berufung überall: im Job, in der Familie, in Freundschaften und im Alltag. Und in der Kirche. Das gesamte Leben wird zum Ort der Nachfolge. Besonders jüngere Menschen suchen dabei nach authentischem Glauben statt nach perfekten Konzepten. Gleichzeitig wünschen sich Verantwortliche in Gemeinden Tiefe, Ehrlichkeit und echte Verwurzelung. Aus Anstrengung und Enttäuschung entsteht ein neuer Fokus auf inneres Wachstum. Eine Sehnsucht nach Echtheit statt Grösse. Diese Idee wird bei «Practicing the Way» aufgegriffen. Der Kurs ist keine perfekte Vorlage, sondern ein Weg, den man gemeinsam beschreiten kann. Die Teilnehmenden müssen dabei ihre eigenen Wege finden, denn die eigentliche Veränderung entsteht vor Ort – durch Menschen, die bereit sind zu lernen, auszuprobieren und gemeinsam zu wachsen.
Ein neuer Rhythmus für Glauben und Leben
Ein typischer Aspekt, um die innere Balance zu finden, ist der Sabbat, zu dem Comer viel in seinem Buch «Ruhe, Arbeit, Ewigkeit» sagt. Ronsdorf schätzt das Konzept dahinter und weiss gleichzeitig, dass die Umsetzung in der Spannung zwischen Ideal und Realität geschieht: «Ich habe eine eineinhalbjährige Tochter zu Hause. Unsere Nacht heute war nicht so gut und unsere Nächte sind öfter nicht so gut…» Trotzdem hilft ein bewusster Ruhetag. Ein Ausrichten an Gottes Rhythmus. Hier geschieht das, was der Kurs als «Jesus im Alltag nachfolgen» bezeichnet. Die Art der Nachfolge, die Comer und mit ihm auch Ronsdorf beschreibt, lässt sich nicht durch spektakuläre Strategien erreichen, sondern in einer Rückkehr zu einfachen Rhythmen: langsamer werden – bewusster leben – tiefer glauben. In den USA läuft diese neue Bewegung bereits an, in Deutschland, Österreich und der Schweiz steht sie noch am Anfang, doch auch hier ist es eine befreiende Einladung: weniger Aktivismus, mehr echte Beziehung.
Zum Talk:
Zum Thema:
Dossier: Livenet-Talk
Talk zum neuen Comer-Buch: «Gott hat einen Namen»
«Es ist nichts dahinter»: Pastorenwechsel in der Willow Creek Church
Datum: 17.02.2026
Autor:
Hauke Burgarth
Quelle:
Livenet