Im Frauengefängnis fand sie zum Gesang zurück
Jamie MacDonald wuchs in einer Kleinstadt auf. «Meine Eltern liessen sich scheiden, als ich noch sehr jung war.» Sie wuchs die ersten Jahre bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf. «Ich erinnere mich an viele traurige und einsame Momente in meiner Kindheit, in denen ich nicht das Gefühl hatte, meine Stimme nutzen oder überhaupt für mich sprechen zu können.»
Kampf um eigene Stimme
Mit etwa zwölf Jahren besuchte sie ein christliches Sommercamp. Dort wurde viel gesungen, sie entdeckte erstmals, «dass Gott mich liebt und dass er einen Plan für mein Leben hat.» Zuhause galten jedoch die Regeln des Stiefvaters. Und die liessen kein Singen zu. «Er wollte einfach ein ruhiges Zuhause. Er liebte meine Mutter sehr, wollte aber eigentlich nie Kinder.»
So begann für Jamie MacDonald ein innerer Kampf um ihre Stimme, weil sie das Singen so sehr liebte. «Ich sang in der Schule und draussen im Wald, wurde aber bestraft, wenn ich zu Hause sang. So entwickelte sich für mich ein Ringen um meine Identität in Bezug auf Musik.» Denn gerade das Singen bereitete ihr in einigen ihrer einsamsten und schwierigsten Zeiten als Kind am meisten Freude. «Ausserdem war es eine Möglichkeit, Gottes Gegenwart zu erleben.» Wann immer sie sich in der Welt verloren fühlte, kamen ihr die Lieder aus dem Camp in den Sinn.
Vom Tiefpunkt zur Begegnung mit Jesus
Vieles verlief in den folgenden Jahren ziellos, sie erreichte ihren persönlichen Tiefpunkt und schrie zu Gott nach Rettung. «Mit 21 Jahren hatte ich eine Begegnung mit Jesus. Ich war auf einer Party, und viele Menschen lagen bewusstlos auf dem Boden. Wir waren in unserem Haus, es wurden Drogen genommen, und plötzlich hörte ich eine Stimme, die zu mir sprach: ‘Das ist nicht das Ende deiner Geschichte. Ich habe immer noch einen Plan für dein Leben.’ Ich hörte das ganz deutlich und antwortete: ‘Gott, wenn du mich hier rausholst und mir zeigst, was dieser Plan ist, dann wünsche ich mir einen Neuanfang im Leben.’»
Von da an begann sie, in der Bibel zu lesen, und sie begegnete Gott durch Lobpreismusik. «Von diesem Moment an lief ich so schnell ich konnte in Gottes Gegenwart und in die Gemeinschaft der Gläubigen.»
Aufbruch hinter Gittern
Sie hatte in Nashville bereits Songs aufgenommen, doch es fühlte sich wie ein Geschäft an. «Mir war wichtig, dass Gott im Zentrum von allem steht, denn ich hatte einen grossen Teil meines Lebens damit verbracht, es falsch zu machen. Ich wollte etwas tun, das dem Herrn wirklich gefällt und nicht nur ein Geschäft ist.»
Sie sagte zu Gott, dass sie gern wieder singen würde, sich aber nicht stark genug fühlte für das Künstlerleben, «bei dem man sich im Internet präsentiert und auf Bühnen steht.» Sie schrieb in ihr Tagebuch, dass sie gern in einem Frauengefängnis singen würde. Eine Woche später erhielt sie tatsächlich eine Anfrage, ob sie in einem Gefängnis in Georgia mit dem Chor singen wollte. «Als ich im Gefängnis ankam, hatte ich erneut eine sehr kraftvolle Begegnung mit Gott. Es war eine Weile her, seit ich gesungen hatte, und Gott stellte dort meine Liebe zur Musik wieder her, indem ich mit diesem Gefängnischor sang. Eigentlich war nur ein grosser gemeinsamer Auftritt geplant, aber es war so besonders, dass ich sagte: ‘Mädels, was wäre, wenn ich einmal pro Woche zurückkomme, Songwriting unterrichte und einfach Zeit mit euch verbringe?’ So wurde dieser Ort gewissermassen meine Gemeinde. Ich durfte sehen, wie kraftvoll christliche Musik für diese Frauen war – wie sie ihnen half, durchzuhalten und voller Hoffnung zu bleiben.»
Ein neues Modell entsteht
An ihrem Geburtstag sagte sie sich, dass sie mit 15 Menschen einen Song schreiben wollte, einfach um sicherzugehen, dass niemand damit Geld verdient. «Wir sassen um ein Lagerfeuer, mit Kindern, Grosseltern und Menschen aller Altersgruppen. Ich fragte: ‘Was bedeutet Hoffnung für dich?’ Ich schrieb all diese wunderschönen Gedanken auf, setzte sie zu einem Lied zusammen, und es funktionierte erstaunlich gut. Viele der Beteiligten hatten keinerlei musikalische Erfahrung, und trotzdem halfen sie mir, diesen Song zu schreiben. Da wurde mir klar, dass jeder ein Songwriter ist – wir alle haben Geschichten zu erzählen. Dieses Modell nahm ich mit ins Gefängnis.»
Dort sassen alle im Kreis und wählten als Thema die Liebe Gottes. «Dann teilte jede Person, was das für sie bedeutet. In einem Gefängnis waren diese Antworten besonders tief, komplex und schön, weil alle dort so sehr darum ringen mussten, in einem dunklen Umfeld Wahrheit zu finden. Wir sammelten die Gedanken, nahmen Instrumente und suchten gemeinsam nach Melodien. Ich spielte etwas an und fragte: ‘Wie fühlt sich das für euch an? Passt das? Sollen wir diesen Akkord ändern?’ Es war echte Gemeinschaftsarbeit. Wir schrieben fünf Lieder zusammen und durften sie anschliessend für die anderen Insassinnen singen, was etwas ganz Besonderes war.»
Keine Kameras für YouTube
Das Singen im Gefängnis gab ihr wieder Mut und Hoffnung. «Dort gibt es keine Kameras und niemanden, der etwas auf YouTube stellt. Es ist alles für den Herrn – eine Begegnung mit Gottes Gegenwart und ein Dienst füreinander. Genau das hatte mir in Nashville gefehlt: Musik aus Liebe zur Musik, zueinander und zum Herrn. Dieses Fundament wurde in mir neu und fest verankert. Ich glaube, die besten Lieder entstehen dann, wenn man ganz man selbst sein kann und nicht versucht, ein bestimmtes Publikum zu erreichen oder kommerziell zu denken. Für den Herrn zu schreiben und füreinander zu schreiben, hat etwas in mir freigesetzt.»
In der Corona-Zeit 2020 wuchs die Beziehung zu ihrem Vater wieder. «Er hatte schwere mentale und körperliche Erkrankungen. Früher war er Profiboxer, und als ich 2020 zu ihm zog, befand er sich im fortgeschrittenen Stadium von Parkinson und Demenz. Was ich für ein paar Wochen Quarantäne gehalten hatte, entwickelte sich zu vier Jahren in Georgia, in denen ich seine Hauptpflegeperson wurde. In dieser Zeit legte ich die Musik beiseite und hatte eine sehr besondere Zeit mit meinem Vater.»
Der letzte Atemzug
Er stand am Ende seines Lebens. «Manchmal wusste er nicht, wer ich war. Doch ich erinnerte mich an all seine Lieblingslieder aus meiner Kindheit, die er früher im Auto gespielt hatte – viel Michael W. Smith und Steven Curtis Chapman. Ich begann, diese Lieder zu spielen, und darüber fanden wir wieder Verbindung. Wenn wir nicht mehr sprechen konnten, sangen wir gemeinsam. Das machte diese Zeit besonders kostbar. Er starb Ende 2024, und ich war bei ihm, als er seinen letzten Atemzug tat. Es war ein sehr runder, schöner Moment, den Gott uns geschenkt hat.»
Bald danach unterschrieb sie einen Plattenvertrag. «Ich hatte viel zu sagen, aber es waren keine fröhlichen, schnellen Songs. Es waren tiefe, ehrliche Lieder. Ich verarbeitete den Verlust meines Vaters und meine eigene Zerbrochenheit gemeinsam mit anderen in der Musikbranche. Sie begegneten mir mit viel Mitgefühl und sagten: ‘Lass uns darüber schreiben.’ Es gab viele Tränen, Umarmungen und besondere Momente, aus denen die Songs entstanden, die nun auf meinem Album sein werden. Es sind Worte, die ich all die Jahre gebraucht hätte, und heute helfen sie mir und anderen durch neue Herausforderungen.»
Das Herz des Vaters kennenlernen
Gott ist sehr gut darin, zerbrochene Stücke aufzusammeln und daraus etwas Schönes zu machen. «Ich möchte, dass Menschen wissen, dass es nie zu spät ist. Egal, was du getan hast: Wenn du es Jesus gibst, vergibt er es und entscheidet sich sogar, es zu vergessen. Sprich mit dem Herrn und lauf in deinen tiefsten Momenten auf Ihn zu – lauf nicht weg.»
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Datum: 07.01.2026
Autor:
Jesus Calling/Daniel Gerber
Quelle:
Jesus Calling/gekürzte Übersetzung: Livenet