Emotional gesund bleiben

Gefühle steuern unser Leben: Glücksmomente und Lernerfolge. Aber auch Wut, Ohnmacht und Rachegedanken. Was kann helfen, damit die Seele wieder Farbe bekommt?

7.11.2026
5 min
geschrieben von
Phil Wasem
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Unsplash
Welche Farbe würde dein Inneres heute beschreiben?

Ich male gern. Schon als Kind brachte ich meiner Mutti einen bemalten Stein mit nach Hause, den sie an einer Kette tragen sollte. Was ich noch nicht sagen konnte, drückte ich mit Farben aus. Bis heute hilft mir manchmal eine Skizze, etwas sichtbar zu machen, das sich schwer in Worte fassen lässt.

Auf meinem Weg zu innerer Achtsamkeit habe ich gelernt, dass auch meine Gefühle Raum brauchen – gerade dort, wo ich lieber schnell weitergehen würde. Vor allem Männer haben da ab und an ihre Blockaden …

«Es geht schon.» Wie schnell sagen wir diesen Satz, obwohl es in uns ganz anders aussieht. Wir funktionieren, erledigen unsere Aufgaben, sind für andere da. Doch wenn es still wird, melden sich Gefühle, die im Alltag wenig Platz bekommen: Enttäuschung, Angst, Wut oder eine Traurigkeit, für die uns die Worte fehlen.

Auch der Glaube bewahrt uns nicht davor. Wir können auf Gott vertrauen und uns gleichzeitig ohnmächtig fühlen. Wir können vergeben haben und trotzdem noch Schmerz empfinden. Wie finden wir einen ehrlichen Umgang mit dem, was unsere Seele bewegt?

Welche Farbe hat dein Inneres?

Vielleicht gleicht auch unsere Gefühlswelt einer Farbpalette. Da ist das warme Gelb der Freude, das schwere Blau der Ohnmacht, das glühende Rot der Wut. Manchmal liegt über allem ein Grau. Und manchmal leuchtet mitten in einem schwierigen Tag unverhofft Hoffnung auf.

Welche Farbe würde dein Inneres heute beschreiben? Hinter dieser einfachen Frage können Erfahrungen auftauchen, die lange unbeachtet geblieben sind. Vielleicht beschäftigt dich ein verletzender Satz. Vielleicht vermisst du einen Menschen. Oder du bist erschöpft davon, immer stark sein zu müssen.

Wir müssen nicht sofort eine Erklärung finden. Manchmal beginnt ein ehrlicher Umgang mit uns selbst mit einem einzigen Satz: «Ich bin traurig.» Oder: «Das hat mich mehr verletzt, als ich zugeben wollte.»

Wenn das Herz Zeit braucht

In Gesprächen mit meiner Therapeutin lernte ich, meine Erlebnisse aufzuschreiben. Dann ermutigte sie mich, auch die Gefühle zu benennen, die damit verbunden waren. Das fiel mir schwer. Ich hatte doch vergeben und wollte weitergehen. Warum mich nochmals mit dem Schmerz beschäftigen?

Vielleicht kennst du diese Spannung. Du hast eine Entscheidung getroffen, aber innerlich ist noch nichts leichter geworden. Du möchtest loslassen, doch eine Erinnerung genügt, und die alte Wut ist wieder da. Dann kommt womöglich noch der Vorwurf hinzu: «Ich sollte doch längst darüber hinweg sein.»

Mein Verstand war damals weiter als mein Herz. Erst allmählich erkannte ich, wie viel Wut, Ohnmacht und Trauer in mir geblieben waren. Die Entscheidung zur Vergebung hatte diese Gefühle nicht einfach aufgelöst.

Auch unser Inneres braucht Zeit. Eine Wunde wird nicht dadurch kleiner, dass wir uns für sie schämen. Wir dürfen wahrnehmen, was noch schmerzt, und uns auf diesem Weg begleiten lassen.

Gefühle brauchen einen Platz

Was geschieht, wenn wir einen Moment innehalten? Vielleicht merken wir, dass hinter unserer Gereiztheit Erschöpfung steckt. Dass wir uns zurückziehen, weil wir eine weitere Enttäuschung fürchten. Oder dass unsere Trauer von etwas erzählt, das uns sehr kostbar war.

Solche Entdeckungen können uns helfen, verständnisvoller mit uns selbst umzugehen. Wir müssen nicht jeden dunklen Farbton sofort übermalen. Wir dürfen genauer hinschauen: Was hat mich berührt? Was fehlt mir? Wo wurde eine Grenze überschritten?

Dabei bleibt die Frage, wie wir handeln. Wut wahrzunehmen gibt uns nicht das Recht, andere zu verletzen. Aber wir können aussprechen, was uns belastet, und Grenzen setzen. Wir können Angst empfinden und Unterstützung suchen. Wir können traurig sein und jemanden bitten, bei uns zu bleiben.

Ein Tagebucheintrag, ein Spaziergang oder ein Gespräch können dafür Raum schaffen. Bei anhaltender Belastung kann auch fachliche Begleitung dazugehören. Wir müssen unseren Weg nicht allein finden.

Mit allem vor Gott kommen

Auch unser Gebet darf die Farben tragen, die gerade da sind. Vielleicht fehlen uns die dankbaren Worte. Vielleicht können wir nur sagen: «Gott, ich bin müde. Ich bin enttäuscht. Ich weiss nicht weiter.»

Die Psalmen geben solchen Gebeten Raum. Menschen klagen, fragen, hoffen und suchen Gottes Nähe. Wir dürfen uns mit unserem wirklichen Erleben an ihn wenden.

Für mich wurde das greifbar, als ich meine Aufzeichnungen unter ein schlichtes Holzkreuz legte. Zettel voller Erinnerungen und Schmerz. Mein Gebet war kurz: «Du hast mir vergeben. Ich vergebe ihnen auch.»

Es war ein wichtiger Schritt. Mein Herz brauchte weiterhin Zeit, doch Hoffnung wurde möglich. Vielleicht besteht dein nächster Schritt darin, Gott einen einzigen Satz anzuvertrauen, den du bisher zurückgehalten hast.

Vergeben und Grenzen achten

Dabei hilft die Unterscheidung zwischen Vergebung und Versöhnung. Wir können bereit sein zu vergeben, auch wenn der andere unsere Hand nicht ergreift. Versöhnung braucht die Bereitschaft beider Seiten, da das Vertrauen wieder wachsen muss.

Wie bei einer Brücke können wir unsere Hälfte herunterlassen. Ob die andere Seite ihre Hälfte senkt, liegt nicht in unserer Hand. Wo Verletzungen weitergehen, dürfen Grenzen bleiben.

Neue Farben wachsen

Paulus beschreibt im Galaterbrief (Galater 5,22) die Frucht des Geistes: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Diese Haltungen dürfen in unserem Alltag wachsen.

Vielleicht zeigt sich das zunächst ganz unscheinbar: Wir reagieren etwas geduldiger. Wir sprechen ehrlich über eine Verletzung. Wir nehmen Hilfe an. Oder wir können wieder Freude empfinden, ohne dass schon alle Fragen beantwortet sind.

Welche Farbe wünschst du dir für deine Seele? Du darfst diese Sehnsucht vor Gott bringen. Die dunklen Töne deiner Geschichte gehören zu deinem Bild. Zugleich darf darin Neues entstehen. Du bist geliebt – auch dort, wo noch Heilung wachsen darf.

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