«Ich kann Gott nur danken»
Liebe Esther, als wir uns kennengelernt haben, ist mir eines sofort aufgefallen: Du strahlst eine grosse Lebensfreude aus. Wie kommt das?
Esther Lohrer: Ich bin einfach so dankbar für das Leben, das ich führen kann. Es gibt viele Dinge, die nicht selbstverständlich sind, die ich in meinem Leben haben darf. Zum Beispiel die Beziehung zu meinen Eltern und Geschwistern, die Möglichkeit, Auto zu fahren, eine eigene Wohnung zu haben.
Du lebst mit einer körperlichen Behinderung – dadurch ist dein Leben von vornherein komplizierter. Kannst du deine Einschränkung kurz beschreiben?
Das ist eine gute Frage, denn vieles erlebe ich gar nicht als Einschränkung, weil ich es nicht anders kenne. Ich habe Glasknochen. Deshalb bin ich nur 1,30 Meter gross. Natürlich gibt es dadurch im Alltag immer wieder Situationen, wo man gewisse Dinge nicht alleine machen kann. Sei es im Geschäft etwas von oben herunterholen oder etwas Schweres tragen.
Du führst also ein ziemlich «normales» Leben?
Inzwischen ja. Früher hatte ich viele, viele Knochenbrüche. Ich verbrachte einen grossen Teil meiner Kindheit im Krankenhaus und konnte mich nur mit Rollator oder Krücken fortbewegen. An freies Gehen war nicht zu denken. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem eine plötzliche Besserung eintrat: Da bin ich morgens einfach vom Sofa aufgestanden und in die Küche gelaufen. Meine Mama war total überrascht: «Esther, was machst du da?!», rief sie. Das war wirklich ein Wunder! Es war der Beginn eines Prozesses, in dem es mir körperlich immer besser ging. Wenn ich sehe, wie viel ich jetzt laufe – da kann ich Gott nur danken. Heute bin ich im Alltag zu Fuss unterwegs. Den Rollstuhl brauche ich nur noch, wenn ich zum Beispiel einen Städtetrip mache.
Wenn ich mit dir in der Öffentlichkeit unterwegs bin, fällt mir auf, dass die Leute dich verstohlen mustern und manche dich auch offen anstarren. Ich staune dann immer, wie du damit klarkommst.
Meistens merke ich das gar nicht mehr. Aber die Leute, die mit mir unterwegs sind, sagen mir das immer wieder. Wobei – es gibt schon Situationen, in denen mir meine Behinderung etwas ausmacht. Wenn ich zum Beispiel mit einer Gruppe unterwegs bin, kommt es immer wieder vor, dass alle begrüsst werden, nur ich nicht. Das tut dann schon weh.
Du bist im Moment Single. Und du wirkst so zufrieden. Trotzdem weiss ich, dass du auch für eine Beziehung offen wärst. Was ist das Geheimnis, dass du mit dir so im Reinen bist?
Ich glaube, mir bewusst zu werden, wer Gott ist. Dass er ein guter Gott ist, der es gut mit mir meint. Ja zu sagen zu seinem Willen und zu seinem Weg. Das ist eine Entscheidung – jeden Tag neu.
Was hilft dir, wenn du in einer Krise steckst und nicht glauben kannst, dass Gott es gut mit dir meint?
Oft muss ich dann andere bitten, für mich zu beten. Manchmal ist man so in seinen Gedanken, in seinem Selbstmitleid gefangen, dass es schwer ist, da alleine rauszukommen. Mir hilft es auch, darüber zu reden. Oft braucht man jemanden von aussen, der einen korrigiert.
Hast du solche Menschen, mit denen du offen reden kannst?
Ja, dich (lacht). Aber auch meine Mama oder meinen Bruder, mit denen ich vieles teilen kann, die mich ermutigen und korrigieren. Und ich habe wertvolle Freundinnen, wo ehrlicher Austausch möglich ist.
Für Singles ist Einsamkeit oft ein Thema. Wie erlebst du das?
Ja, es gibt diese einsamen Momente. Ich bin zwar viel unterwegs und auch in der Gemeinde eingebunden, aber trotzdem gibt es Zeiten, in denen ich mir jemanden an meiner Seite wünsche. In diesem Zusammenhang ist mir der Vers aus Hosea Kapitel 2, Vers 16 so wichtig geworden: «Darum sieh, ich will sie locken und will sie in eine Wüste führen und will zu ihrem Herzen reden.» Gott schenkte mir diesen Vers in einer schwierigen Zeit, in der Einsamkeit ein grosses Thema war. Mir wurde bewusst, dass Gott diese Wüstenzeiten schickt und dass sie ein Ziel haben: Gott möchte zu meinem Herzen sprechen. Das hat mich damals sehr berührt. Gerade wir Frauen wünschen uns oft jemanden, der unser Herz erreicht. Mir wurde klar, dass dieser Jemand nur Jesus ist. Er will nicht nur meinen Kopf erreichen, sondern mein Herz. Er will eine Beziehung mit mir.
In der Gemeinde bist du ständig von Familien umgeben. Weckt das nicht immer wieder den Wunsch nach einer eigenen Familie?
Ja, das ist so. Das kommt immer wieder hoch. Aber es hilft mir, mich in andere Menschen zu investieren, gerade in Familien. Das kann einem selbst weh tun. Aber ich glaube, auch als Single hat man die Aufgabe, zu dienen. Egal, ob alleinstehend oder verheiratet, es ist immer unsere Aufgabe, uns in andere Menschen zu investieren. Das hilft dann auch, aus diesem Selbstmitleid herauszukommen.
Du bringst dich bei euch in der Gemeinde an ganz verschiedenen Stellen ein. Wo siehst du besondere Chancen zum Dienst?
Gerade als alleinstehende Frau hat man eine besondere Möglichkeit, sich für junge Mädchen in der Gemeinde einzusetzen. Als ich in dem Alter war, hätte ich mir jemanden gewünscht, der mit mir betet, der ehrlich ist und auch zugibt, dass nicht immer alles toll ist.
Jetzt darfst du eine solche Person für andere sein...
Ich wünsche es mir. (lacht) Es war diese Stelle in 1. Thessalonicher Kapitel 2, Vers 8, wo Paulus schreibt, dass er sein Leben mit seinen Glaubensgeschwistern geteilt hat. Das hat richtig eingeschlagen. Da wurde mir plötzlich klar, dass es genau darum geht: Wir sollen unser Leben teilen. Wenn ich anfange, ehrlich zu werden, kann ich zum Segen für andere werden.
Authentisch sein – dadurch macht man sich aber auch verletzlich.
Ja, die Angst ist da, zu viel Preis zu geben, und es hängt natürlich auch immer von der Situation und vom Gegenüber ab, wie offen man sein kann. Aber ich glaube, diese Verantwortung darf man an Jesus abgeben. Wir brauchen nicht zu fragen: Wer kümmert sich um mein offenes Herz? Jesus kümmert sich darum.
Du hast dich also bewusst dafür entschieden, Gemeinschaft zu leben und andere daran teilhaben zu lassen. Seit einem Jahr hast du auch deine Wohnung geöffnet und hast eine Mitbewohnerin.
Ich habe eine ziemlich grosse Wohnung. Von Anfang an betete ich, dass Gott das irgendwie gebrauchen würde. Dann führte der Herr das ganz überraschend so, dass eine junge Frau ein Zimmer suchte und wir jetzt in einer Zweier-WG leben.
Das ist sicher auch eine Herausforderung, weil es die Privatsphäre einschränkt.
Ja, total. Man lernt, Rücksicht zu nehmen. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, kann es sein, dass jemand in der Küche steht und gerne reden möchte, obwohl ich vielleicht lieber meine Ruhe hätte. Dann zu lernen, für andere da zu sein, das ist eine Herausforderung. Aber es hilft mir auch gerade im Umgang mit anderen, die Familie haben. Die Themen sind natürlich unterschiedlich. Bei Müttern drehen sich die Gespräche natürlicherweise oft um die Kinder. Da kann man sich als Single schnell ausgeschlossen fühlen. Das hat im Grunde auch etwas mit Dienen zu tun, wenn ich anderen zuhören kann und meine eigenen Bedürfnisse zurückstelle. Die Erwartung loszulassen, dass ich in einem Gespräch immer etwas von mir erzählen muss. Bin ich bereit, mir die Sorgen meiner Freundin anzuhören, die Kinder hat? Mich dann mit ihr zu treffen, wenn es für sie passt?
Und das ist etwas, was ich in unserer Freundschaft als etwas ganz Besonderes erlebe. Unser Alltag könnte gegensätzlicher nicht sein: Ich sehne mich im Familienalltag oft nach Stille und Zeit für mich, du nach Gemeinschaft. Und trotzdem verbindet uns eine so tiefe Freundschaft. Woran liegt das deiner Meinung nach?
Ich glaube, dass wir beide den anderen in unseren Alltag einbeziehen. Wir wissen um die alltäglichen Dinge des anderen und trotzdem dominiert nicht einer die Beziehung. Wir haben geistliche Gemeinschaft und das ist es, was uns vor allem verbindet. Wir können zusammen beten, unsere Nöte teilen.
Ja, gerade die geistliche Gemeinschaft ist so wertvoll und unabhängig von den Lebensumständen. Welchen Rat würdest du Familien geben, damit sich Singles besser integriert und angenommen fühlen – gerade auch in der Gemeinde?
Singles einladen. Ich erlebe es oft, dass z.B. am Sonntagnachmittag Familien andere Familien einladen. Es ist so wertvoll, wenn Familien einen Blick über die eigene Familie hinaus haben. Da geht es auch wieder um Alltag teilen – und damit meine ich jetzt nicht Babysitten... (lacht)
Wo siehst du Gefahren im Singledasein?
Dieser Wunsch nach Gemeinschaft, nach einem Partner ist einfach da. Das hat Gott in uns hineingelegt. Aber die Gefahr ist, sich so auf diesen Wunsch zu konzentrieren und sich nur noch damit zu beschäftigen. Dann denkt man, man muss zu jeder Veranstaltung gehen, damit man endlich jemanden kennenlernt. Die Haltung, dass nur die Ehe das Glück auf Erden ist und man ohne Partner nicht glücklich sein kann, ist gefährlich. Das erlebe ich immer wieder, wenn ich mit jungen Frauen spreche. Da spürt man so eine Verzweiflung, das Gefühl, von Gott vergessen zu sein oder zumindest an zweiter Stelle zu stehen.
Ich habe auch lange mit einem «christlichen» Leistungsdenken gekämpft: Muss ich mich vielleicht noch mehr anstrengen, ein noch besserer Christ sein, bevor Gott mir einen Ehepartner schenken kann? Bin ich nicht gut genug? Aber das ist eine Lüge. Ehe und Partnerschaft ist ein Geschenk. Wenn Gott einen anderen Weg für mich hat, dann meint er es trotzdem gut. Auch das Singlesein ist ein Geschenk Gottes.
Oft steht also ein falsches Gottesbild im Hintergrund. Was rätst du ganz konkret Singles, die sich mit ihrer Situation schwer tun?
Die Beziehung zu Jesus leben, sich mit dem Wort Gottes füllen. Das klingt einfach. Ist es aber nicht. Das ist Arbeit, das kostet Kraft, Disziplin. Jesus füllt den Mangel aus – das wissen wir vielleicht und sagen das so lapidar. Aber wenn es wirklich darum geht, das zu leben ... Da geht es nicht um Gefühle. Es bleibt ein Kampf, aber in diesen Kämpfen ist der Herr da. Es geht nicht um das, was wir haben, sondern darum, wer wir sind. In Jesus. Sich immer wieder mit der Identität im Herrn beschäftigen und die Lügen erkennen, die der Teufel uns einflüstert. Es geht darum, wer Jesus ist. Er sagt: «Ich bin.» Und das drückt alles aus. Er ist all das, was ich nicht habe, was ich nicht kann. Jeden Tag ist die Gnade neu da. Daraus darf ich jeden Tag leben. Vor einiger Zeit ist mir ein Lied so wichtig geworden, in dem es im Refrain heisst: «All my life you have been faithful, all my life you have been so so good». Jesus ist so treu und so gut. Das immer wieder zu erkennen, macht frei und froh.
Das Interview wurde von Almut Pfeiffer geführt.
Dieser Beitrag erschien zuerst im ethos Heft 1/2026.
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Datum: 21.02.2026
Autor:
Almut Pfeiffer
Quelle:
ethos