Kämpfer für die Menschen – gegen Vorurteile und Verachtung
Durch die Jahrhunderte hindurch haben sich Menschen von Jesus verschiedene Bilder gemacht. Er ist als tragische Gestalt, als Märtyrer gesehen worden. Die Leute haben ihn für einen guten, aber falsch verstandenen Menschen gehalten – oder für einen, der sich selber nicht wirklich verstanden hat. Andere haben ihn als Clown dargestellt. In der Kirche des 19. Jahrhunderts pflegte man das Bild des "Jesus sanftmütig und demütig von Herzen". Was für ein Bild seiner Persönlichkeit wird uns in den Original-Berichten, den Evangelien des Neuen Testaments gezeigt?
Die falschen Leute
Der Evangelist Markus erzählt von einem Ereignis, das sich am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu zutrug und das typisch war für seinen Umgang mit Menschen: "Und als Jesus im Hause Levis beim Essen war, assen viele Zöllner und Sünder zusammen mit ihm und seinen Jüngern; denn es folgten ihm schon viele" (Markus 2,15).
Wenn in ehrbarer Kirchenatmosphäre Bibelabschnitte vorgelesen werden, nehmen wir zumeist nicht wahr, wie sehr manche Taten von Jesus seine Umgebung schockierten, wie umstritten sie waren. Die Kirche hat es oft sehr gut verstanden, die unkonventionelle Seite Jesu unbeachtet zu lassen. Sie hat ihn in Ehrsamkeit gehüllt.
Jesus und die "Sünder"
Jesus gesellte sich zu den von der jüdischen Gesellschaft Ausgestossenen. Mit einem Steuereinzieher zu essen, hätte nicht nur einem Rabbi, sondern jedem Juden den guten Ruf gekostet. Steuereinzieher wurden als Feinde Israels betrachtet, weil sie für Rom arbeiteten. Die orthodoxen Juden sagten, sie würden durch den Kontakt mit ihnen unrein werden, und die einfachen Leute hassten sie wegen ihrer masslosen Forderungen. Sie waren wahrscheinlich die unbeliebtesten Gestalten in jeder jüdischen Stadt.
Der Abschnitt sagt auch, dass Jesus mit "Sündern" ass. Dies war ein verächtlicher Ausdruck, der von den Gesetzestreuen zur Beschreibung jener verwendet wurde, die sich nicht an die Tora hielten. Mehrfach hatte Jesus mit Dieben, politischen Agitatoren und Prostituierten zu tun. Es überrascht nicht, dass die Pharisäer sich durch sein Verhalten angegriffen fühlten.
Ein überraschendes Gespräch
Johannes erwähnt in seinem Evangelium ein ähnliches Ereignis. Jesus war auf seinem Weg durch Samaria und hielt an einem Brunnen bei Sychar Mittagsrast. Eine Frau kam aus der Stadt zum Brunnen, um Wasser zu holen, und Jesus bat sie, ihm auch etwas Wasser hochzuziehen, was sie sehr überraschte. Dies führte zu einem Gespräch, in dem Jesus ihr eröffnete, dass er der Messias war. Die Frau ging in die Stadt zurück und erzählte dort den Leuten von Jesus, was zur Folge hatte, dass viele von ihnen zum Glauben an ihn kamen.
Vorurteile und Verachtung überwunden
Das Gespräch zwischen Jesus und der Samariterin zeigt, wie weit es dem Geist Jesu entsprach, die sozialen Normen zu durchbrechen, um den Bedürfnissen des Menschen zu entsprechen. Es gab viele Vorurteile zurzeit Jesu in Israel, nach denen dieses Gespräch eigentlich gar nicht hätte zustande kommen dürfen. Es herrschte ein Vorurteil gegen Frauen, was ja auch heute noch in vielen Ländern der Fall ist. Es gab jüdische Lehrer, die davor warnten, in der Öffentlichkeit Frauen anzusprechen. Einer meinte sogar: "Lass keinen Mann mit einer Frau auf der Strasse reden, nicht einmal mit der eigenen Ehefrau!"
Dann gab es Spannungen zwischen Juden und Samaritern, die ihre Herkunft betrafen. Die Juden betrachteten die Samariter als das Volk, das ursprünglich jüdisch gewesen war, sich aber mit anderen Völkern vermischt hatte. Es gab auch ein religiöses Problem. Die Samariter wollten im Jerusalemer Tempel keine Gottesdienste abhalten, obwohl die Juden glaubten dass dieser Tempel der wichtigste Ort der Gottesverehrung sei.
Hinzu kam ein historisches Ressentiment: die Samariter waren mit den Syrern in einem Krieg gegen die Juden verbündet gewesen. Dadurch, dass er einfach mit dieser Frau redete, befand sich Jesus also im Widerspruch zu vielen Vorurteilen sexueller, religiöser und politischer Art. Viele seiner Begegnungen mit Menschen zeigten seine Bereitschaft, Konventionen da zu verwerfen, wo er es für nötig hielt.
War Jesus aus Prinzip unkonventionell?
Einige meinen vielleicht, Jesus sei von seiner Natur her einfach ein Nonkonformist gewesen, dem es gefiel, aus Prinzip anders zu sein. Aber die Evangelien machen klar, dass Jesus immer ein grösseres Ziel vor Augen hatte, wenn er etwas Schockierendes sagte oder tat.
Wenn Jesus eine Konvention brach, so war es immer, weil ein Vorurteil ihn daran hinderte, einem Bedürftigen zu helfen. Und wenn dies geschah, galt für Jesus als oberster Grundsatz, Gottes Liebe offenbar werden zu lassen.
Den Durst nach dem wahren Leben geweckt
Lassen Sie die Geschichte von Jesus und der Samaritanerin auf sich wirken (Johannes 4,5-26). Sie ist hier wiedergegeben:
Jesus kam zu einem Ort in Samarien, der Sychar hiess und nahe bei dem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte. Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen; es war um die sechste Stunde.
Da kam eine samaritische Frau, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: Gib mir zu trinken! Seine Jünger waren nämlich in den Ort gegangen, um etwas zu Essen zu kaufen. Die samaritische Frau sagte zu ihm: Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten? (Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern.)
Jesus antwortete ihr: Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. Sie sagte zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäss, und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser? Bist du etwa grösser als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden?
Jesus antwortete ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.
Da sagte die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen. Er sagte zu ihr: Geh, ruf deinen Mann, und komm wieder her! Die Frau antwortete: Ich habe keinen Mann. Jesus sagte zu ihr: Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann. Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast in nicht dein Mann. Damit hast du die Wahrheit gesagt.
Die Frau sagte zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss. Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden. Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten. Die Frau sagte zu ihm: Ich weiss, dass der Messias kommt, das ist: der Gesalbte (Christus). Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, der mit dir spricht.
Autor: David Watson/Simon Jenkins Quelle: Jesus 2000, Verlag Herder
Super, dass du auf diese Seite gelangt bist. Vielleicht hast du ziellos herumgesurft. Vielleicht hast du «gegoogelt». Wer du auch bist, ich ermutige...