Nachdem Jesus im Garten Gethsemane östlich des Tempelbergs verhaftet worden war, führte man ihn ab zum Verhör durch den ehemaligen Hohenpriester Hannas, danach in den Palast des gegenwärtigen Amtsinhabers Kaiphas. Offenbar war das Gebäude gross genug, dass sich darin der ganze Hohe Rat (die religiösen und politischen Führer der Juden) versammeln konnte.
Hannas wie Kaiphas gehörten zur religiösen Partei der Sadduzäer. Diese Partei besetzte überproportional viele hohe Positionen im Tempel. Trotzdem war ihre Machtbasis brüchig. Im Volk genossen Sadduzäer nur wenig Sympathie, von den Römern wurden sie eher geduldet als geschätzt. Rom gab ihnen ganz einfach deshalb den Vorzug, weil sie in der Regel nicht religiöse Fanatiker waren, sondern Pragmatiker und Kompromissler.
Die Hohepriester
Sadduzäer: Spiel mit der Macht
Um ihren Einfluss zu behalten, war den Sadduzäern an Ruhe und Ordnung gelegen. Kam es zu einem Aufstand, konnten sie nur verlieren. Gewannen nämlich die Aufrührer, würde das Volk diesen nachlaufen. Behielten hingegen die Römer die Oberhand, erging der Vorwurf an die führenden Sadduzäer, sie hätten das Volk nicht im Griff.
Genau entlang dieser Linie dachte Kaiphas, als er in einer Beratung äusserte, es sei besser, Jesus als Einzelnen zu beseitigen, "als wenn das ganze Volk vernichtet würde".
Urteil ohne gültige Zeugenaussagen
Und dieser Kaiphas leitete nun den Prozess gegen Jesus vor dem Hohen Rat. Das mosaische Gesetz verbot, ein Todesurteil zu fällen, "wenn nicht mindestens zwei Zeugen für die Tat vorhanden sind". Die Ankläger versuchten die Zeugen beizubringen, aber sie schafften es nicht. Dies obwohl Jesus sich gar nicht verteidigte.
Es war Kaiphas, der schliesslich, um der Sackgasse zu entkommen, die alles entscheidende Frage stellte: "Bist du der versprochene Retter? Bist du der Sohn Gottes?" Jesus bejahte. Der Hohe Rat befand diese Aussage als todeswürdige Gotteslästerung. Doch hinrichten durften die Juden niemand. Dies hatten die Römer sich vorbehalten.
Pilatus
Die zweite Verhandlung
Am folgenden Morgen kam es deshalb zum zweiten Prozess, diesmal vor dem römischen Prokurator der Provinz Judäa. Pontius Pilatus hatte vom ersten Moment seiner Statthalterschaft an römische Macht und Sitten demonstriert. Er liess die Feldzeichen seiner Legionäre - auf denen das Bildnis des Kaisers angebracht war - nach Jerusalem bringen, was die Juden gegen ihn aufbrachte.
Später liess er eine 70 Kilometer lange Wasserleitung bauen – mit Mitteln des Jerusalemer Tempelschatzes. Tumulte und Aufstände wurden blutig niedergeschlagen. In den Augen der Juden war er ein Unterdrücker und Provokateur, ein Mann den man gerne losgeworden wäre.
Kaltes Kalkül der Fremdherrscher
Für Pilatus war die Lage heikel. Die römischen Kaiser verlangten von ihren Statthaltern vor allem zwei Dinge: Ruhe in den Provinzen und hohe Steuererträge. Aufstände bedeuteten, dass die militärischen Ausgaben stiegen und die Steuerkraft im betroffenen Gebiet zurückging. Judäa war ein heisses Pflaster. Wegen religiösem Fanatismus lag ständig eine Revolte in der Luft.
Gab sich Pilatus autoritär, provozierte er damit vielleicht diesen Aufstand, übte er Nachsicht, sahen womöglich irgendwelche Rebellen die Stunde gekommen, das verhasste römische Joch abzuschütteln. Ausserdem musste Pilatus damit rechnen, dass man seine politischen Fehler ausnützen würde, um ihn vor dem Kaiser in Rom wegen schlechter Amtsführung anzuklagen – ein Schicksal, das ihm nach 10-jähriger Amtszeit tatsächlich widerfahren sollte.
Für Jesus, einen Nicht-Römer, war Pilatus bereits die letzte Instanz. Vom unanfechtbaren Todesurteil bis zum Freispruch war alles möglich. Der Prozess begann, wurde aber nach einem seltsamen Verfahren durchgeführt. Kaiphas und die führenden Juden - im ersten Prozess Richter, jetzt Ankläger - wollten den Palast des Pilatus, eines Nicht-Juden, nicht betreten. Andernfalls hätten sie sich rituell verunreinigt und sich der Möglichkeit beraubt, das Pessach-Fest zu feiern.
Kreuzesweg
Nach der Befragung schuldlos
Pilatus hörte sich also die Anklage draussen vor seinem Palast an und ging dann zur Befragung des Angeklagten ins Innere. Die Befragung ergab dreierlei: Die führenden Juden hatten Jesus aus persönlichen Motiven angeklagt. Es gab keinen Grund für eine Todesstrafe wegen Volksverhetzung. Der Anklagepunkt der Gotteslästerung, im jüdischen Gesetzbuch aufgeführt, ging ihn als römischen Richter nichts an.
Damit hätte einem Freispruch eigentlich nichts mehr im Weg gestanden, wäre Pilatus nicht gezwungen gewesen, nochmals hinauszutreten. Dort war man keineswegs bereit, sein Urteil zu akzeptieren. Der Richter kam nicht heraus zur Verkündigung des Urteils, er kam regelrecht zu dessen Verteidigung. Der psychologische Vorteil lag nicht bei Pilatus, sondern bei den führenden Juden. Sie setzten mit den Anhängern, die sie zusammengetrommelt hatten, den Statthalter unter Druck.
Jesus am Kreuz
Der Richter kippt um
Der Richter begann zu wanken. Erst bot er die Freilassung des Angeklagten als Festgeschenk an, dann seine Geisselung. Es blieb nicht dabei. Die Volksmenge, die Jesus fünf Tage zuvor jubelnd enthusiastisch empfangen hatte, forderte nun seine Hinrichtung.
Als sie die Loyalität des Richters gegenüber seinem Kaiser in Frage stellte, war der letzte Widerstand Pilatus’ gebrochen. Das Todesurteil wurde unterschrieben und vollstreckt.
Super, dass du auf diese Seite gelangt bist. Vielleicht hast du ziellos herumgesurft. Vielleicht hast du «gegoogelt». Wer du auch bist, ich ermutige...