Kommentar

Warum der «Zauber von Timbuktu» zerstört wird

Seit Tagen schon wüten im legendären Timbuktu am Niger Muslim-Extremisten gegen islamischen Heiligtümer. Welche Motive stecken dahinter? Was verbergen die Heiligtümer? Erläuterungen von Islamkenner Heinz Gstrein.

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Die Djingareyber-Moschee im Süden von Timbuktu. Auch in ihrer Nähe wurde ein Mausoleum eines Heiligen zerstört
Diese auch kunsthistorisch bedeutsamen Lehmbauten machten einst die Oasen-Stadt am Südrand der Sahara zum Ziel vieler Afrikaforscher. Kürzlich wurden sie sogar zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt. Jetzt aber richtet der Bürgerkrieg in Mali das 1000-jährige Timbuktu zugrunde. Sein Name bedeutet in der Sprache der Tuareg «Brunnen der Frau mit dem schönen Bauchnabel».

Söldner und radikale Politmuslime

Viele dieser Wüstennomaden hatten in Libyen bis zum Sturz von Gaddafi diesem oder seinen Gegnern als Söldner gedient. Nach ihrer Heimkehr erhoben sie die Waffen gegen die schwarzafrikanische Führung von Mali. Ihre anfänglichen Verbündeten und heutigen Rivalen wurden die Ansar ad-Din (Helfer des Glaubens). Das sind radikale Politmuslime im Verband des nordafrikanischen Zweiges von Al-Kaida. Sie haben bereits die Hälfte der 16 berühmten Grabheiligtümer der Stadt zerstört. Jetzt machen sie auch vor ihren bienenstockähnlichen Moscheen nicht Halt.

Wie kommen aber Muslime dazu, islamische Sakralbauten zu vernichten? Ein ähnlicher Zerstörungswahn ist zuletzt nur aus Afghanistan während des Schreckensregiments der Taliban bekannt: Vor elf Jahren wurden die monumentalen Buddah-Statuen von Bamiyan gesprengt. Sie wareni aus der Sicht des Islams «gotteslästerliche Götzenbilder». In Timbuktu jedoch gehen Zeugen der grossen islamischen Zeit im 16. und 17. Jahrhundert verloren. Unter Berufung auf einen «reinen» Urislam, den es rücksichtslos widerherzustellen gelte.

Grab von Eva in Dschidda schon 1925 zerstört

Mohammed hatte im Kampf gegen das altarabische Heidentum mit seinen Götterstatuen unter jüdischem Einfluss ein totales Bilderverbot verhängt. Dieses blieb im Islam bis heute aufrecht. Doch bald setzte sich die Verehrung heiliger Männer und Frauen an ihren Grabstätten durch. Dieser Kult kam ursprünglich aus der schiitischen Konfession, gelangte aber im islamisierten Afrika zu seiner grössten Entfaltung. In der Volksreligion spielte und spielt dort das «Marabut» (Heiligengrab) eine weit grössere Rolle als jede Moschee.

Dagegen richtet sich seit bald 300 Jahren eine puritanische Strömung: der Wahhabismus. Er hat sich vor allem in Saudiarabien durchgesetzt. Als dieses 1925 das muslimische «Heilige Land» mit Mekka und Medina am Roten Meer eroberte, wurde als erstes im Hafen Dschidda das legendäre Grab von Eva zerstört. Als viele an dessen Stelle weiterbeteten, kam es 1975 zur Zubetonierung jeder Zugangsmöglichkeit. Sogar dem Grab von Mohammed in Medina drohte die Vernichtung. Doch begnügten sich die Wahhabiten schliesslich damit, nur seinen Goldschmuck und alle Verzierungen zu entfernen.

Werk von Salafisten

Bei den Ansar ed-Din in Timbuktu handelt es sich um salafistische Ableger des Wahhabismus. Den Ausschreitungen ihres Glaubenseifers leistet Vorschub, dass die in den Marabuts und Moscheen der Stadt begrabenen «Heiligen» nicht Vertreter eines «reinen» Islams, sondern einer Art afrikanischer Mischreligion waren. Dagegen hatte sich schon einmal im 19. Jahrhundert eine Dschihad-Bewegung gerichtet, die diesen «Islam-Verfälschern» den heiligen Krieg erklärte. Doch wagte bisher nie jemand, die letzten Ruhestätten der «Heiligen von Timbuktu» dem Erdboden gleich zu machen, wie das jetzt geschieht.

Datum: 03.07.2012
Autor: Heinz Gstrein
Quelle: Livenet

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