«Da muss man früher aktiv werden»
Der grösste Gesangswettbewerb der Welt, der Eurovision Songcontest, wird heuer in Aserbaidschan ausgetragen und die Fussball-EM erfolgt zur Hälfte in der Ukraine. Es folgen im nächsten Jahr voraussichtlich der Formel-1-GP in Bahrain, 2014 die Eishockey-WM in Weissrussland und 2022 die Fussball-WM in Katar.
Ob Boykotte Sinn machen – darüber sprachen wir mit Marc Jost, Generalsekretär der SEA und Leiter von Interaction, Hans Moser, EDU-Parteipräsident und Heiner Studer, Präsident der EVP.
Was halten Sie von einem Boykott?
Hans Moser: Ich unterstütze Boykotte grundsätzlich nicht. Würde man dies wegen Julia Timoschenko tun, träfe das fälschlich viele Menschen und Unternehmen sowie das Engagement vieler Gruppen. Es kommt dazu, dass ein Boykott den Geschmack von Gewalt beinhaltet. Besser ist es, das aussenpolitische Gewicht zu nutzen und Verbesserungen zu fordern.
Heiner Studer: Boykott gibt es nur dann, wenn man nicht teilnimmt. Bei Aserbaidschan sind wir dabei. Weissrussland wurde nicht in den Europarat aufgenommen, weil es kein demokratischer Rechtsstaat ist. Wenn ich zu entscheiden hätte, würde ich bei einem Grossanlass, ausgetragen in einem Land, welches die Glaubensfreiheit derart mit Füssen tritt, einen Boykott vertreten. Wenn im Fall der Fussball-EM in der Ukraine nur einzelne Politiker aus Deutschland nicht vor Ort sind, bringt es nichts, es dürfte niemand aus der Nation hingehen, damit es wirklich Gewicht hat. Betreffend der Schweiz kann der Bundesrat nicht entscheiden, dass Sportler an einem grossen Wettbewerb nicht teilnehmen. Man will den Spielenden die Chance geben, bei grossen Veranstaltungen dabei sein zu können und wenn möglich ein gutes Resultat zu erzielen.
Marc Jost: Das Beispiel des deutschen Bundespräsidenten Gauck finde ich angemessen: Er bleibt einem politischen Treffen fern, nachdem er seine diplomatischen Bemühungen – hoffentlich – ausgeschöpft hat. Kulturelle Anlässe wie zum Beispiel die Fussball-EM, zu boykottieren, macht aus meiner Sicht weniger Sinn, weil es nicht direkt die Verantwortlichen des Unrechts trifft, sondern letztlich die Allgemeinheit – ein ganzes Volk in seiner wirtschaftlichen Situation.
Sehen Sie andere Möglichkeiten als einen Boykott, und wenn ja, was nützen diese?
Marc Jost: Zielführender wären Petitionen oder andere kreative Formen des Protestes, zum Beispiel symbolischer Protest in Fussballstadion mit Blumen, Flash-mob und so weiter. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.
Heiner Studer: Wenn nur ein Land einen Boykott macht, bringt dies je nach Fall nicht viel. Würde die Schweiz jetzt nicht in Baku antreten, würden manche vermuten, dass wir nicht dabei sind, um zu verhindern, dass wir leer ausgehen. Heikler wäre, bei einem grossen Fussball-Turnier nicht hinzugehen, auf die Gefahr hin, dass man den Titel nicht holen könnte.
Natürlich versuchen sich Nationen zu profilieren, wie damals Deutschland die Heim-Olympiade zu progagandistischen Zwecken missbrauchte. Heute aber gibt es viel mehr Grossanlässe, und die Gastgeberrolle birgt weniger Prestige. Wenn man nun etwas verbessern will, muss man sich fragen, wie man es erreicht. Und man muss sich die Frage stellen, ob es besser ist, wenn man nicht dabei ist – und einen gar niemand vermisst. Im Land selbst wird dadurch nichts erreicht. Ziel wäre aber, dass etwas geschieht.
Länder die in die EU wollen, müssen sich zum Beispiel klar verbessern. Dies sind Gründe, die gerade auch bei der Türkei mitspielen. Wo vitale Interessen vorhanden sind, können die Fragen der Menschenrechte klarer einbezogen werden.
Hans Moser: Die Schweiz bietet ein ausserordentliches Dienstleistungsangebot, indem sie zwischen verschiedenen Parteien vermittelt. Gerade mit der Ukraine haben wir da viele Möglichkeiten. Wir müssen uns allerdings früh einsetzen, nicht erst bei einem Flächenbrand. Da sehe ich eine riesige Aufgabe, die wir wahrnehmen müssen.
Im Fussball haben wir durch die FIFA-Büros in unserem Land grosses Gewicht. Da müsste man intensiver mitreden und Bedingungen aushandeln lassen – und dies nicht erst, wenn ein Turnier organisiert ist. Auch betreffend Katar habe ich meine Fragezeichen, nur schon wegen den Stadien, die da neu errichtet werden. Auch wenn das Geld da ist – damit könnte man den Hunger weit herum stillen, stattdessen werden gekühlte Arenen errichtet ...
Was die Ukraine angeht, wäre es falsch, zuzusehen, wie alles organisiert ist, und dann plötzlich von Boykott zu reden. Neben Julia Timoschenko sitzen in der Ukraine noch viele Gefangene wohl zu Unrecht oder unter schlechten Haftbedingungen. Da muss man früher aktiv werden, menschenrechtliche Bedingungen aushandeln und nicht erst in den letzten Wochen vor dem Turnier per Konfrontation flicken wollen. Die Schweiz muss ihren guten Dienst vorher anbieten.
Lesen Sie auch:
Menschenrechtler fordern Ende des «De-Baku»
Datum: 24.05.2012
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Jesus.ch