«Der Reis»

Präsident Erdogan als muslimischer Filmheld

Schweizer Kinos zeigen das Filmepos «Reis» über Erdogan und unterstützen damit den Abstimmungskampf in der Türkei. Erdogan präsentiert sich darin als gottgesandter Retter.

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Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei
Mit der geplanten Verfassungsreform soll Präsident Reccep Tayyip Erdogan mit nahezu unumschränkter Gewalt ausgestattet werden. Nun wirbt ein Propaganda-Film in Schweizer Kinos um Stimmen seiner Landsleute.

Der Film «Reis» gibt wertvollen, geradezu entlarvenden Einblick in das, was Erdogan wirklich will und wo er steht. Seine Aussage ist verbindlich, da der Streifen, wenn schon nicht im Auftrag, so doch klar mit Billigung des Machthabers von Ankara gedreht und gestaltet wurde.

Gottgesandter Retter

Verräterisch klingt schon der Titel «Reis» anstelle des türkischen Baskan (Präsident). Reis ist ein alter osmanischer Ausdruck. Er bezeichnet in allen Bereichen den Höchsten, sei es den völkischen «Führer», einen Kapitän zur See oder den Oberkellner im Speisesaal. Besonders wird darunter ein gottgesandter Retter für sein Volk und dessen Glauben verstanden. Und genau so sieht sich Erdogan.

Sein Film zeigt ihn schon von Kindesbeinen als einen Berufenen, der gegen die von Atatürk geschaffene europäisierte Ordnung für die Rückkehr zum Islam und damit für ein Wiedererstehen alter osmanischer Grösse kämpft: Zunächst als Junge, der den damals verbotenen arabischen Gebetsruf anstimmt, nachdem auch der letzte erwachsene Beter von der Polizei niedergeknüppelt worden ist. Oder als unerschrockenen Politiker mit Re-Islamisierungsparolen vor Gericht und im Gefängnis.

Der Kampf gegen die Widersacher des neuen Propheten

Seine Widersacher kommen vom Militär, der Justiz, den ungläubigen Intellektuellen, emanzipierten Türkinnen und überhaupt der gesamten verwestlichten städtischen Oberschicht. An der Seite des regelrecht zu Allahs neuem Propheten hochgestylten Erdogan stehen die einfachen Bauern, Handwerker, Händler und Hausfrauen unter dem Kopftuch.

Erdogans Fixiertheit auf ein Zurück zu Osmanentum und Islam verfehlt jedoch jede innere Erneuerung, verliert sich in äusserlicher Restauration. Bezeichnend dafür ist seine liebevolle Wiederinstandsetzung von Baudenkmälern aus der Sultanszeit. Als er aber 2013 den Istanbuler Gezipark mit Aufrichtung der einstigen osmanischen Kaserne zubauen wollte, kam sein Traum mit der Wirklichkeit in Konflikt. Atatürk lässt sich dort nicht mehr ungeschehen machen, wo er echte Fortschritte gebracht hat: in Sachen Umwelt, Bildungsrevolution und Frauenbefreiung.

Gottgesandter Politiker mit Rückschlägen

Seitdem kämpft Erdogan verbissen mit wachsenden Misserfolgen. In der Türkei kann er seine Ziele vom Kopftuch bis zum Regierungsstil eines Sultans nur mehr mit wachsender Unterdrückung anpeilen. In Syrien und dem Irak liegt seine Politik einer Rückgewinnung von Mossul und anderer alt-osmanischer Gebiete in Scherben. Der in seiner Ideologie von Anfang an vorprogrammierte Konflikt mit Europa eilt einem Höhepunkt zu.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich einer als gottgesandter Politiker berufen fühlte und heroisch denken wollte, um sein Volk zu retten. Der jugendliche Erdogan im «Reis» erinnert an den jungen Hitler in Wien, der noch nicht unsympathisch war. Wir wissen, was später aus ihm geworden ist.

Oder ein Gegenbild zu Superman

Notabene: An der Premiere des Films im Kino Capitol in Zürich sagte Produzent Ali Avci laut Tagesanzeiger: «Wir sehen im globalen Kino Helden wie Spiderman und Superman, die nie gelebt haben, dabei haben wir doch unseren eigenen, lebenden Helden!»

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Datum: 07.03.2017
Autor: Heinz Gstrein / Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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