Der Heilige Gral

Es ist vielleicht der berühmteste Mythos des Abendlandes: die Legende vom „Heiligen Gral“, die alles andere als einheitlich ist. Dabei geht es um den Glauben an einen rätselhaften, symbolischen Gegenstand und dessen magische Wirkung, der, irgendwo versteckt, von Rittern gehütet werden soll. Es soll entweder der Kelch des letzten Abendmahls Christi, eine Goldschale, ein Gefäss mit dem aufgefangenen Blut des sterbenden Christus oder ein Stein sein. Hinter dem Gral waren schon viele her: die Katharer, die Tempelritter, die Freimaurer, die Nazis, Indiana Jones und nun auch Dan Brown. In seinem Megaseller „Sakrileg“ mündet die Jagd nach dem Mörder in die Suche nach dem Gral.

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Die Herkunft des Wortes „Gral“ ist umstritten. Möglicherweise stammt es vom altfranzösischen „graal“ (Gefäss). Im Gralsmythos laufen verschiedene Traditionen zusammen. Es handelt sich um eine Mischung aus keltischen, christlichen und orientalischen Sagen. Der sagenhafte Kelch kam zuerst beim letzten Abendmahl zum Einsatz und danach bei der Kreuzigung Jesu. Uneinigkeit gibt es schon bei den Überlieferungen zur Person, die das Blut Christi aufgefangen haben soll. Am häufigsten ist die Rede von Joseph von Arimathäa, der das Gefäss später nach Glastonbury in Südengland gebracht haben soll. Auch Maria Magdalena oder Nikodemus werden gelegentlich genannt.

Die ersten Gralsdichtungen wurden im 12. und 13. Jahrhundert verfasst, doch basieren sie vermutlich auf älteren mündlichen Traditionen. Die Autoren der Dichtungen waren häufig Zisterzienser- und Benediktinermönche, und viele der Erzählungen haben einen deutlichen Bezug zu den legendären Tempelrittern, die damals ihren Aufstieg erlebten. Eine der frühesten Fassungen stammt von Chrétien de Troyes aus dem Jahr 1190 und trägt den Titel „Le Conte du Graal“, in dem erstmals der archtypische „Narr“ der Gralsgeschichten vorkommt, Perceval (Parsifal). Dieser sieht den vermeintlichen Gral in Form einer Goldschale im Schloss des Fischerkönigs samt einer zerbrochenen Lanze.

Die Dichtung Chrétiens ist unvollendet geblieben. Um 1200 entstand Robert de Borons „Roman de l’estoire dou Graal“. Hierbei wandelt sich der Gral zum Kelch des letzten Abendmahls. Wolfram von Eschenbach bearbeitete das Werk von Chrétien und schrieb um 1205 quasi den „Klassiker“, das deutsche Versepos „Parzifal“. Bei ihm wird der Gral zu einem Gesundheit und ewige Jugend verleihenden Stein oder steinernen Gefäss namens „lapis exillis“, das von Gralsrittern bewacht wird, die Eschenbach als „Templeisen“ benennt, eine christliche und höfische, dem Templerorden ähnliche Ritterschaft.

Der Gral wird zum Teil auch als eine verschollene Blut-Reliquie begriffen, die in ihrer Umstrittenheit mit dem Turiner Grabtuch, dem Eucharistie-Wunder von Lanciano oder dem Blutwunder von San Gennaro in Neapel vergleichbar ist. Auch nach Österreich führt eine Spur: jene Achatschale, die zum Hausschatz der Habsburger gehörte und jetzt in der Schatzkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien steht, wurde lange für den Heiligen Gral gehalten.

Die mythische Gralsvorstellung des Mittelalters setzte sich mehr oder weniger ungebrochen bis in die Moderne fort, und seit einigen Jahrzehnten boomen Gralsgeschichten wieder genau so wie Sachbücher mit unterschiedlichen Interpretationen des Grals. Das Verständnis des Grals als Metapher für die Abstammungslinie Christi ist ein relativ modernes, auch wenn es häufig als „altes Wissen“ verkauft wird. Diese Theorie ist verflochten mit der Idee einer angeblichen Heirat von Jesus mit Maria Magdalena und deren angeblichem gemeinsamen Kind (siehe „Sakrileg“, und schon früher „Der Heilige Gral und seine Erben“ von Michael Baigent und Richard Leigh, die Dan Brown erfolglos wegen Plagiats einklagten).

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Eng in Verbindung mit dem Heiligen Gral wird immer wieder die Sage um den legendären König Artus gebracht, der von Schloss Camelot aus Britannien regierte. Mit seinem Zauberschwert „Excalibur“, das er vom Magier Merlin erhielt, siegte er in zahlreichen Kämpfen. Der Legende nach war der edle Artus, einem frühen Ideal des Humanismus verpflichtet, mit Guinevere verheiratet, die einen grossen runden Tisch als Mitgift brachte. An diesem wurde die berühmte „Tafelrunde“ ins Leben gerufen, mit den Rittern Gawein, Gareth, Geraint, Kay und anderen, zu denen schliesslich aus Frankreich Lancelot du Lac stiess, der bekannteste aller Ritter der Tafelrunde. In jenen verliebte sich Guinevere schicksalshaft.

Jene Ritter zogen aus, um den Heiligen Gral zu finden, den Kelch mit dem Blut Christ. Lancelot fand ihn, durfte ihn aber nicht sehen wegen seines Ehebruchs mit Guinevere. Seinem Sohn, dem untadeligen Galahad, wurde der Anblick des Heiligen Grals in all seiner Pracht gewährt. Kurz nachdem er den höchsten Triumph eines Ritters erreicht hatte, starb Galahad. Der Gral blieb seither verschwunden.

Im Zuge des Esoterikbooms der vergangenen zwanzig Jahre spielte der Gral auch in Hollywood häufig eine Hauptrolle als Supercup. Etwa in den Filmen „Excalibur“ (1981), „Die Nebel von Avalon“ (2001), „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ (1989), „König der Fischer“ (1991), und nicht zu vergessen die Parodie von Monty Python, „Die Ritter der Kokosnuss“ (1975). „The Da Vinci Code“ dürfte wohl auch nicht der letzte Film zu dem Thema bleiben.

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