Jesus: ganz Mensch und ganz Gott

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Gott wird Mensch, dir Mensch zugute: Das ist der Kern des Christentums. Gott wartet nicht in unnahbarer Höhe, bis die Menschen am Jüngsten Tag vor ihm erscheinen, um den Lohn für ihre Taten zu erhalten. Nein, Gott wird selbst Mensch, um die Menschen vom sinkenden Schiff zu retten.

An Weihnachten feiern die Christen, dass Gott selbst, der Ewige, Mensch wurde – im Kind Jesus. Der Schöpfer wurde Geschöpf. „Gott wird Mensch, dir, Mensch, zugute, Gottes Kind, das verbindt sich mit unserem Blute“: So fasste der Barockdichter Paul Gerhardt die Bedeutung von Weihnachten in Worte.

Dass Jesus ganz Mensch war, mit Leib und Seele, zeigte sich in seinem Leben. Er wurde nicht als vollkommenes Geistwesen von ferne – gleichsam als Alien – in die Welt verpflanzt, sondern wurde als Sohn Marias geboren und wuchs auf wie andere Kinder. Doch schon dem Knaben war bewusst, dass er zu seinem Vater im Himmel gehörte (Lukas 2,49) – er bewies als Zwölfjähriger im Jerusalemer Tempel eine überragende Kenntnis der jüdischen Heiligen Schriften.

Mensch aus Fleisch und Blut

Jenen, die mit Jesus lebten, mit ihm wanderten, assen und Gottesdienst feierten, wäre es nie in den Sinn gekommen, in ihm ein Geistwesen zu sehen, das nur scheinbar einen Leib angenommen hatte. Jesus empörte sich über Bosheit und Hartherzigkeit, Jesus wurde müde, Jesus brauchte Zeiten mit Gott, um Kraft zu schöpfen, Jesus weinte – kein Zweifel, er war ganz Mensch.

Doch diese Wahrheit musste in den folgenden Jahrhunderten gegen die Gnostiker verteidigt werden. Lehrer, die dem schwer fassbaren Gedankengebäude der Gnosis anhingen, drängten sich schon bald nach der Gründung den ersten christlichen Gemeinden auf und verwirrten die Christen mit Spekulationen. Danach hätte Jesus nicht der Gesandte des guten Gottes des Lichts und zugleich ganz Mensch sein können. Grund: Die meisten Gnostiker gingen von zwei Göttern aus, zwei einander entgegengesetzten Grundkräften, einem Gott des Lichts und dem Schöpfer des Sichtbaren, Irdischen.

Das Ringen mit den Gnostikern

Nein, konterten die Christen und beharrten darauf: Das Wort, der Logos, der vor aller Zeit bei dem Gott war, durch den die Welt geschaffen wurde – dieses Wort „wurde ein Mensch, ein wirklicher Mensch von Fleisch und Blut. Er lebte unter uns, und wir sahen seine Macht und Hoheit, die göttliche Hoheit, die ihm der Vater gegeben hat, ihm seinem einzigen Sohn“ (Johannes 1,14).

(Was Johannes und die anderen Apostel festhielten, begründet den Glauben der weltweiten christlichen Kirche bis heute. Sie und ihre Mitarbeiter schrieben die Bücher, die als Neues Testament Heilige Schrift wurden. Es waren nicht die Gnostiker oder die Qumran-Sekte, die die frühesten Dokumente des Christentums verfassten, wie Dan Brown seine Protagonisten sagen lässt, sondern die Apostel, die selbst mit Jesus gelebt hatten. Die Gnostiker leugneten von ihren Denkvoraussetzungen her den Tod von Jesus und seine Bedeutung für die Lösung des Schuldproblems und hatten daher gar kein Interesse, den Leidensweg von Jesus darzustellen.)

Völlige Identifikation mit dem Volk

Durch sein göttliches Herkommen war Jesus mehr als bloss Mensch. Als solcher identifizierte er sich ganz mit seinem Volk, den Juden. Als Johannes der Täufer die Juden zur Busse und spirituellen Umkehr aufrief, liess auch er sich im Jordan taufen. Jesus, etwa 30-jährig, von Nazareth, trat an, Gottes ganzen Willen in der Kraft des Heiligen Geistes zu erfüllen. Dazu gehörte, dass er, obwohl selbst fehlerlos, sich unter die Schuld des Volkes stellte, welches sich von Gott abwandte. Diese Tiefendimension seiner Tätigkeit brachte Jesus als Wanderprediger, der das Reich Gottes verkündigte, zunehmend zum Ausdruck – und erntete Kopfschütteln bei seinen Anhängern.

Der Tod am Kreuz: kein Scheitern

Vollends frustriert waren sie, als es in Jerusalem tatsächlich zum Prozess gegen Jesus kam und er sich nicht mit seinen Engeln zur Wehr setzte. Aber: Der schreckliche Tod von Jesus am Kreuz war und ist nicht als Scheitern zu verstehen – so düster er auch war –, sondern als Erfüllung eines höheren Plans: Er übernahm die Schuld des Volks wie ein Opferlamm des jüdischen Tempels, dessen Tod die stellvertretende Übernahme der Sünden der Menschen versinnbildlicht.

Wäre er bloss Geistwesen, nicht Mensch mit Haut und Haar gewesen, hätte er keinen Tod sterben können. Es gäbe keinen Tod, den Gott als Preis für die Schuld der Menschen annehmen könnte, keine Erlösung von der Macht des Todes. Aber Jesus war tatsächlich Mensch. Als Mensch, dem keine Schuld anlastete, nahm er den Tod auf sich – und wurde der Erlöser.

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Autor: Peter Schmid
Quelle: Jesus.ch

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