Fünf Irrtümer in Sachen Sexualität

Beglückende sexuelle Beziehungen sind der Wunschtraum aller Paare, die den Bund fürs Leben geschlossen haben. Doch gibt es eine Reihe von Vorurteilen, Mythen und Irrtümer, die verhindern, dass Sexualität beiden Partnern Freude macht.

Der evangelische Psychotherapeut und Eheberater Reinhold Ruthe hat fünf solcher Irrtümer entlarvt.)

Die Sexualität ist einer der sensibelsten Punkte der Ehe. Funktionierende sexuelle Kontakte sind ein Barometer für Zufriedenheit und Wohlwollen, für Glück und Harmonie, aber auch ein Barometer für seelische Störungen und Konflikte. Die sexuellen Beziehungen werden schnell zum "Nebenkriegsschauplatz", wie der Begründer der Individualpsychologie, Alfred Adler, zu sagen pflegte. Es gibt allerdings auch Probleme, die auf Vorurteile und Irrtümer zurückzuführen sind.

Das wichtigste Sexualorgan

Die meisten denken hier nur an Penis und Vagina. Doch das ist ein Vorurteil. Wie Mannsein und Frausein erlebt werden, wie sexuelle Reize wahrgenommen, zugelassen, verarbeitet und ausgedrückt werden, ist keine Sache der Zeugungsorgane. Sie sind nur Werkzeuge und führen im wesentlichen kein Eigenleben.

Das wichtigste Sexualorgan ist vielmehr das Gehirn. Es ist die Zentrale, die sexuelle Reize aufnimmt, weiterleitet und sexuelles Begehren schafft. Vom Gehirn werden die Sexualhormone dirigiert. Von ihm gehen die meisten Nervenimpulse aus, die Penis und Vagina erregen. Sexualität ist also nicht in erster Linie eine Sache des Unterleibes, sondern eine Sache des Kopfes. Gedanken, Erwartungen, Vorstellungen, Ängste und Befürchtungen bestimmen nachhaltig das sexuelle Empfinden und das Erleben des Menschen. Wir müssen begreifen, dass die primären Geschlechtsmerkmale lediglich als Werkzeuge fungieren. Sie stehen im Dienst der Persönlichkeit. Dieser Ansatz ist bestimmend für jegliche Therapie und die Seelsorge.

Warum Aufklärung nicht reicht

Noch niemals in der Weltgeschichte hat es so viel sexuelle Aufklärung gegeben wie heute. Seit Jahrzehnten wird der Markt überschwemmt mit Büchern, Bildern, Artikeln und Handbüchern, die oft einer Sammlung von "Kochrezepten" gleichen. Doch trotz der zahllosen "Sexualtechnik"-Bücher haben die Störungen im körperlich-sexuellen Bereich nicht abgenommen. Sie haben vielmehr deutlich zugenommen. Denn die Berichte in Zeitschriften, Magazinen und Illustrierten über "sexuelle Techniken" haben mehr Leuten geschadet als geholfen. Denn es geht in Wirklichkeit nicht um Techniken, sondern um Liebesbeziehungen. Technik ohne Liebe ist wie ein Auto ohne Motor. Die körperlich-sexuelle Harmonie ist keine Frage der Biologie, auch keine Frage der Technik. Sie ist vielmehr eine Frage der Übereinstimmung der Herzen.

Die Spielarten der sexuellen Liebe sind der Phantasie der beiden Ehepartner überlassen. Nur eine biblische Regel, die Altes und Neues Testament charakterisieren, ist der Maßstab für die Praxis der beiden: "Jesus antwortete: ‚Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen und ganzem Willen und mit deinem ganzen Verstand. Dies ist das größte und wichtigste Gebot.' Das zweite ist gleich wichtig: Liebe deinen Mitmenschen, wie dich selbst.' In diesen beiden Geboten ist alles zusammengefaßt, was das Gesetz und die Propheten fordern" (Matthäus 22,37-40).

Wo die seelische Gleichstimmung und das Einssein in der Liebesgestaltung fehlen, da gibt es sexuelle Funktionsstörungen. Es handelt sich in den meisten Fällen nicht um Organstörungen, sondern um Funktionsstörungen. Der Sexualforscher Hermann Wendt beschreibt das so: "Insofern stellt sich die Therapie sexueller Funktionsstörungen in etwa 95 Prozent aller Fälle als ein psychologisches Problem dar und nicht als ein medizinisches."

Die sexuelle Liebe gibt es sowieso nicht. Wir Menschen bleiben in dieser Hinsicht Originale Gottes. Keine zwei Menschen lieben gleich. Vererbung, Erziehung und gemachte Erfahrungen bestimmen unsere Einstellung zur Sexualität.

Überflüssige Schuldgefühle

Fest steht: Der Orgasmus stellt den Gipfel- und Lösungspunkt sexueller Erregung dar. Dabei handelt es sich um einen Spannungs- und Entladungsvorgang. Beim Mann verläuft die Haupterregung im Penisschaft, bei der Frau im vorderen Scheidenraum, aber auch in der Gebärmutter. Der Sexualforscher Wendt: "Bei der Frage, welchen Körperteil es zu stimulieren gilt, um den Orgasmus auszulösen, stösst man auf den uralten Streit, der schon viele Frauen und Männer verunsichert hat, ob man die Vagina reiben oder den Kitzler reiben soll, um zum richtigen Orgasmus zu kommen. In den Köpfen vieler Männer und Frauen lebt nämlich noch immer das Märchen, dass es nur den einen richtigen Orgasmus gibt, der allein durch das Hin- und Herbewegen des Penis in der Vagina ausgelöst wird. Anders ausgelöste Orgasmen seien minderwertig, unreif oder gar pervers. Doch es gibt nur eine Art des Orgasmus, so unterschiedlich dieser auch immer von verschiedenen Frauen und in verschiedenen Situationen erlebt werden kann. Und bei dieser einen Art des Orgasmus spielt die Reizung der Klitoris als Auslöser für den Orgasmus eine überragende Rolle." Viele Christen, die beim Penis-Vagina-Verkehr nicht zum Orgasmus kommen, reagieren häufig mit Schuldgefühlen. Genau sie aber sind nicht angebracht.

Was ist biblisch legitim?

In vielen Köpfen der Christen hat sich eingenistet, dass nur der Glied-Scheide-Verkehr biblisch legitim sei. Doch das ist ein Vorurteil, für das es viele Gründe gibt. Vielfach rührt es daher, dass nur der sexuelle Verkehr erlaubt war, der die Zeugung zum Ziel hatte. Die 1930 veröffentlichte Enzyklika "Casti Connubii" von Papst Pius XI. brachte in die katholische Kirche erste vorsichtige Veränderungen. Zwar behauptet darin Papst Pius XI. noch: "Der eheliche Akt wurde von der Natur vornehmlich zur Zeugung von Kindern bestimmt." Doch durch die Erkenntnisse der Forscher Knaus und Ogino, die die unfruchtbaren Tage der Frau genau bestimmten, konnte dieser Papst auch die "sekundären Ziele" der gegenseitigen Liebe bejahen, so dass Eheleute "straflos" handelten, wenn sie sich ohne Kinderwunsch sexuell vereinigten. Noch Nikolaus Graf von Zinzendorf vertrat die Meinung, dass die Geschlechtslust böse und der Geschlechtsverkehr "nichts als eine tierische Brunst" sei. Er strebte die "Austilgung der Lust" beim ehelichen Geschlechtsverkehr an.

Ein anderer Grund wurde mir in der Beratungspraxis offenbar: Viele junge Christen, die "rein" in die Ehe gehen wollten, praktizierten ausschliesslich Petting. Das sogenannte Jungfernhäutchen blieb intakt. Beide Partner berührten sich an den Geschlechtsorganen bis zum Orgasmus. Die meisten behielten in der Ehe diese Praktik bei und reagierten mit einem schlechten Gewissen. Sie hielten und halten nur den richtigen Verkehr über Penis und Vagina für den biblisch legitimen.

Doch dass das "Ein-Fleisch-Werden" von Mann und Frau nicht nur auf den Penis-Vagina-Verkehr beschränkt ist, versteht sich von selbst. In der Bibel gibt es keine konkreten Hinweise, wie die sexuelle Liebe zwischen Mann und Frau zu geschehen hat. Die Grundeinstellung der Liebe wird allerdings überall vorausgesetzt: Zwei Menschen, die sich in der Ehe lieben und begehren und die keine Praktiken gegen den anderen durchsetzen wollen, sind in den Liebesspielarten frei.

Betrügt einander nicht

Es sind überwiegend Frauen, die ihrem Partner den Orgasmus vorspielen. Sie nennen viele Gründe, warum sie ihre sexuellen Gefühle kaschieren.

- Sie wollen nicht für eine schlechte Sexualpartnerin gehalten werden.

- Sie wollen ihrem Mann im biblischen Sinne untertan sein und ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zurückstellen.

- Sie haben Angst, gedemütigt, abgelehnt und zurückgestossen zu werden.

- Sie glauben, das Selbstbewußtsein des Partners zu stärken, wenn sie den Orgasmus heucheln.

- Sie glauben ernsthaft, die Harmonie der Ehe zu retten, wenn sie dem Partner Orgasmen vortäuschen.

Was ist an dieser Einstellung falsch? Wer Orgasmen vortäuscht, belügt und betrügt seinen Partner. Der Apostel Paulus ruft uns Christen, auch uns Eheleuten zu: "Hört also auf zu lügen und betrügt einander nicht; denn wir sind alle Glieder am Leib Christi" (Epheser 4,25). Die Lüge unter Eheleuten ist ein gefährlicher Vertrauensbruch. Das Einssein ist gestört, das "Ein-Fleisch-Sein" kann nicht funktionieren. Hinzu kommt, dass der Ekel das Gefühlsleben der Frau heimsucht. Die sexuelle Begierde ist tot. Der Mann spürt, dass ihr Wunsch, mit ihm innerlich innig körperlich verbunden zu sein, nicht vorhanden ist. Die Abwehr gegen körperlich sexuelle Kontakte verstärkt sich, und eines Tages bricht das Lügengebäude zusammen. Und das wichtigste: Lügen verhindern ein offenes Gespräch über eheliche Defizite. Sie blockieren die Heilung ehelicher Konflikte.

Datum: 26.03.2002
Autor: Reinhold Ruthe
Quelle: idea Deutschland

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