Zukunftsforscher

«Hoffnung ist kein Gefühl, sondern eine Kompetenz»

Die Höhere Fachschule für Sozialpädagogik ICP hat das Jubiläum ihrer 30-jährigen Geschichte in Winterthur u.a. mit einem Referat von Andreas M. Walker gefeiert. Der Zukunftsforscher forderte die Christen heraus, Hoffnungskompetenz zu entwickeln.
Andreas M. Walker in Winterthur (Bild: zVg)

«Aktuell erleben wir eine Zeit des Umbruchs», betonte Walker am 17. September 2022 im Mülisaal in Winterthur vor rund 100 Jubiläumsgästen. «Wir erlebten gerade die Corona-Pandemie mit ihren Massnahmen zum Schutz der Gesundheit, der Wiederkehr der Grenzen und den daraus resultierenden Versorgungsproblemen im Welthandel. Aktuell beschäftigt uns der Russland-Ukraine-Krieg mit der daraus resultierenden Strommangellage, steigende Preisen und drohender Hungersnot.» Zudem beunruhige die Klimakrise mit der Zunahme von extremen Wetterereignissen wie Wassermangel und heftigen Unwettern die Menschheit.

Dazu kämen wirtschaftliche Probleme wie der Fachkräftemangel, gesellschaftliche Umbrüche wie der Gender Shift, das Primat der Ökonomisierung, die Rund-um-die Uhr Verfügbarkeit, die Verbreitung der Sozialen Medien, die digitalen Revolutionen und so weiter.

Und neue grosse Umbrüche hätten erst angefangen: Die Welt fürchte zu Recht eine Wohlstands- und Fortschrittsgefährdung mit sozialen Unruhen. «Und was werden uns die Entwicklungen in Bio Engineering, Genetik und Bio Hacking bringen?»

Umbrüche damals und heute

Doch schon seit Jahrzehnten erleben wir, so Walker, Zeiten des Umbruchs. Stichworte dazu sind Individualisierung, Globalisierung, Wachstum und Verdichtung überall.

«Die vielen 'Umbrüche', die wir erleben, sind keine persönliche, individuelle Herausforderung mehr, sondern eine breite, gesellschaftliche Überforderung», bilanziert Walker. Das hänge auch damit zusammen, dass sich wichtige Versprechungen der Moderne aus dem 19. und 20. Jahrhunderts nicht bzw. nur teilweise erfüllt hätten. Das verursache zahlreiche psychische Probleme: «Medien und Fachpublikationen berichten über eine Zunahme von Angststörungen, Stress, Burnout, Erschöpfung, Depressionen, Suchterkrankungen und über eine Überlastung der fachlichen Hilfe.»

Was haben Christen in dieser Situation anzubieten?

Unumwunden stellt Walker fest: «Christliche Hoffnung» hat sowohl in der Kirche wie auch in der Gesellschaft eine schlechte Reputation, weil spezifische Frömmigkeitsstile in Vergangenheit und Gegenwart diesbezüglich kontraproduktiv wirken. Walker nannte dazu beispielsweise das «sola fide» der Reformation, das den Glauben über die Liebe und Hoffnung stellte. Oder die calvinische Prädestinationslehre, welche die Entwicklung von Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit behinderte. Ebenso erschwere ein magisches Gebetsverständnis und eine übermässige magische Erwartung von Wundern die Entwicklung von Hoffnungskompetenz. Im Weiteren bremste die apokalyptische Endzeit-Erwartung im Umfeld des kalten Kriegs mittelfristige und langfristige Investitionen ins diesseitige Leben. Sie liess die Hoffnung für diese Erde als sinnlos erscheinen, da ja der Antichrist bald kommen würde.

Eine biblische Realität

Persönliche und gesellschaftliche Umbrüche waren auch in der Bibel eine Realität, wie Walker mit zahlreichen Beispielen, angefangen beim Sündenfall, illustrierte. Hoffnung sei dagegen eine der wichtigen Ressourcen zu deren Bewältigung. Von den drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung habe die Kirche aber übermässig auf den «Glauben» fokussiert und die «Hoffnung» weitgehend vernachlässigt.

Hier haben wir laut Walker Nachholbedarf. «Denn wir können eine (christliche) Ressource einsetzen!» In unserer postaufgeklärten Kultur habe «Hoffnung» aber eine schlechte Reputation. Ganz im Gegensatz zur angelsächsischen Kultur, wo 'hope' viel positiver gefüllt sei.

Wir haben nun die Chance, so Walker, eine gemeinsame Entwicklung und Anwendung von «Hoffnungskompetenz» in Kirche und Gesellschaft neu zu starten. Dazu braucht es die Synergie von biblischen Quellen, verbunden mit einer Auswertung von religionspsychologischen und religionssoziologischen empirischen christlichen Lebensrealitäten, von empirischen Daten des Hoffnungsbarometers, von aktuellen Konzepten der «Positiven Psychologie» und von aktuellen Konzepten der Sozialen Arbeit.

Was ist «Hoffnung»?

Hoffnung, Optimismus, Zuversicht und Gottvertrauen seien Begriffe, die einander sehr nahe kommen. Wichtig, so Walker: «Hoffen» ist ein Verb. Und: Hoffnung ist nicht ein «Gefühl», sondern Kompetenz, eine Tugend, Ressource, ein Skill ...

Hoffnung sei nicht «eine passive, ohnmächtige Abhängigkeit von einer fernen, magischen Gottheit, sondern als aktive Hoffnung Ausdruck meines Gottvertrauens und somit Ressource für mein Engagement und meine Selbstwirksamkeit.» Selbstwirksamkeit und Gottvertrauen seien nämlich kein Widerspruch. Gottvertrauen könne vielmehr eine wichtige Ressource für Selbstwirksamkeit und zur Überwindung einer falschen Opferhaltung sein.  

Schliesslich fasste Walker seine Ausführungen so zusammen:

- Glaube ist mein «JA» als Antwort auf Gottes «JA» zu mir.
- Liebe ist mein «JA» zu meinen Nächsten und zu meinen Feinden als Gottes geliebte Geschöpfe, auch wenn diese «sündig» sind.
- Hoffnung ist mein «JA» zu meinem Leben, zu meiner Gegenwart und Zukunft, zur Entwicklung meiner Ressourcen, auch wenn mein Schicksal und mein Lebensweg eine grosse Herausforderung sind.

Zum Thema:
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Datum: 27.09.2022
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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