Mehr Mut zur Debatte

Zum Glauben gehört Umgang mit Verschiedenheit

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Das Wort «Diskussion» hat unter machen Christen keinen guten Klang. Sie fürchten, dass die Wahrheiten ihres Glaubens zerredet werden. Doch wie, wenn nicht durch Gespräch, soll der Austausch mit Andersdenkenden sonst vonstatten gehen?

Die Diskussionsbereitschaft von Christen hat zwei grundsätzliche Perspektiven: Zum einen ist es eine Frage des Miteinanders der Christen, sei es das Verhältnis der Christen in einer Gemeinschaft oder zwischen Christen verschiedener Gemeinschaften und Kirchen. Zum anderen geht es hier um die Frage des Verhältnisses der Christen zu anderen Gruppen und deren Meinungen.

Meinungsspektrum unter Christen

Es wäre sicher sehr spannend, wenn man Christen der ersten zwei, drei Jahrhunderte einmal zu damaligen Fragestellungen und Themen interviewen könnte. Beispielsweise zur Frage der Leitungsstruktur einer Gemeinde, zur Haltung zum römischen Reich, zum Umgang mit der Sklavenhaltung, zu Prioritäten der Missionierung oder auch zu einer verbindlichen Ausformulierung des christlichen Gottesbildes mit den drei göttlichen Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist. Man bekäme zweifellos verschiedene, mindestens aber deutlich verschieden akzentuierte Ansichten und Antworten zu den jeweiligen Themen.

Vier «Bilder» von Jesus

Auch mit Blick auf Jesus zeichnet die Bibel mit den vier Evangelien nicht ein einziges Bild, sondern streng genommen vier. Der Unterschied zwischen dem Matthäus- und dem Johannes-Evangelium fällt da besonders auf: Hier der König der Juden und der Welt, der die Verheissungen und Forderungen des Alten Testamentes erfüllt, wie ihn Matthäus vermittelt. Dort der nahbare Sohn Gottes, der allen Menschen auf persönlichste Art und Weise begegnet, wie ihn Johannes darstellt. Hier der Jesus der Zeichen und der Lehre im Matthäus-Evangelium, dort der Jesus, der die Begegnung mit dem Einzelnen sucht und das Geheimnis des dreieinigen Gottes vermittelt, wie Johannes es berichtet.

Natürlich sind das keine sich zwingend ausschliessenden Sichtweisen. Und dennoch: Es bleiben sehr verschiedene Gewichtungen und Blickwinkel. Man kann sich leicht vorstellen, wie die auch zu jeweils eigenen Schwerpunkten und Strukturen in der Lehre oder im Aufbau einer Gemeinde führen – und so war und ist es ja auch.

Christen sind verschieden

Auch Christen sind verschieden. Genau dies vermittelt das Bild von Paulus, wenn er eine christliche Gemeinschaft mit einem Körper und seinen verschiedenen Körperteilen und Organen vergleicht. Jeder ist anders, aber dennoch gehören alle – in ihrer Verschiedenheit – zusammen. Die Verschiedenheit drückt sich auch durch unterschiedliche Begabungen und Berufungen aus. Das Miteinander der verschiedenen Körperteile hat Gott gesetzt und will es auch gebrauchen.

Es scheint aber, dass manchen Christen ihr Glaube den Zugang zu Diskussion und Debatte oft nicht nur erschwert, sondern geradezu verbauen kann. Denn so wie sie zu Recht von unverrückbaren Wahrheiten in ihrem Glauben ausgehen, denken sie – bewusst oder unbewusst –, dass es auch bei anderen Fragestellungen nur eine Antwort, nur einen richtigen Weg geben kann. Dem ist aber nicht so.

Diskutieren will geübt sein

In welchen christlichen Gruppen und Gemeinden wird überhaupt diskutiert, also Argumente ausgetauscht und um gemeinsame Überzeugungen gerungen? So fehlt es weithin an Räumen und Möglichkeiten für ein offenes und ehrliches Gespräch. Allein das Aufkommen verschiedener Positionen ist für manche Christen oft nur schwer erträglich, erscheint bedrohlich und die Leuchtkraft und Wahrheit des Glaubens zu verdunkeln.

Zu einer echten Diskussionsfähigkeit gehört es, zuzuhören und sich um Verstehen zu bemühen. Genau das ist aber in vielen christlichen Gemeinden kaum kultiviert. Es fehlt schlicht und einfach die Übung darin. Verschiedene Meinungen schrecken schnell ab, untergraben das Gemeinschaftsgefühl und verunsichern. Wie aber sollen Christen mit Menschen, die nicht glauben, ins Gespräch kommen, wenn sie sich mit anderen Meinungen und Verschiedenheit so derart schwer tun?! Insofern ist die Frage der Diskussionsfähigkeit auch eine der Evangelisation.

Würdevoller Umgang

In den christlichen Gemeinden und Gruppen braucht es heute eine Fähigkeit und Offenheit zum Gespräch, die leider weithin nicht geübt wurde und vielen fremd ist. Allzu oft sind Christen damit beschäftigt, sich und ihren Glauben gegenüber der Gesellschaft zu verteidigen, die innere Haltung ist eher re-agierend, abwehrend und beschützend als selbstbewusst und initiativ.

Sicher, die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden kann anstrengend sein; sie kostet Zeit, Kraft und Geduld. Vor allem erfordert sie eine grundlegende Offenheit, aber auch eine Haltung, die den anderen mit seiner anderen Meinung wirklich würdigt und annimmt, und zwar auch und gerade dann, wenn man einen ganz anderen Standpunkt einnimmt.

Zum Thema:
Letztes Tabu: Einladung zum Reden über den Glauben
Dürfen Frauen predigen?: Eine peinliche Debatte der «Bibeltreuen»
Streitgespräch: «Ohne Religion hätten wir weniger Probleme»

Datum: 15.11.2017
Autor: Norbert Abt
Quelle: Livenet

Kommentare

Man kann aber auch bei diesem Thema auf zwei Seiten vom Pferd fallen. Die andere Seite hier wäre, auf dem Marktplatz der Beliebigkeiten zu ertrinken. Klar soll jeder Mensch das Recht haben, seine Meinung zu äussern. Die Gemeinde soll aber auch das Recht haben, ihre Lehre zu verteidigen. Sie ist kein Marktplatz der Ideen, wo jede Meinung gleich viel zählt. Sie hat den Auftrag, eine Grenze zu ziehen, wo ein "anderes Evangelium" verbreitet wird (2.Korinther 11,3-4 / Galater 1,6-10). "Ekklesia" heisst die Herausgerufene, nicht die Allumfassende.
Sehr spannend. Jens Stangenberg (FeG-Pastor aus Bremen) fasst das so zusammen: "Kirche ist keine Normierungs-, sondern eine Diskursgemeinschaft." Und tatsächlich ist es im Gemeindealltag wichtiger, miteinander im Gespräch zu bleiben - und das auch zu wollen -, als eine Ja-Sager-Kultur zu pflegen, die sich im "Wir glauben doch alle …" erschöpft. Bei aller Zustimmung ist mir allerdings auch klar: Das ist anstrengend.

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