Paul Erni

Er geht freiwillig hinter Gitter

Paul Erni geht ins Gefängnis. Nicht weil er muss, sondern weil er will. Er ist Gefangenenseelsorger. Livenet.ch erzählt er, was geschieht, wenn sich die Gefängnistür hinter ihm schliesst.
Paul Erni

Livenet: Paul Erni, Sie gehen ins Gefängnis. Nicht weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Weshalb gehen Sie freiwillig hinter Gitter?
Paul Erni: Gott machte mich mal mit einem Bibelvers darauf aufmerksam, mit Hesekiel, Kapitel 3, Vers 11: «Gehe zu den Gefangenen deines Volkes». Ich setzte mich damit auseinander und bildete mich beruflich weiter, damit ich das tun kann. Die Begegnung mit den Leuten begeistert mich immer wieder. Ich merke, dass diese Menschen nicht nur eine schwarze Seite haben. Es gibt die schwarze Seite wegen des Delikts, das man thematisieren muss. Daneben haben aber diese Menschen auch noch andere Farben, rot, grün, blau und gelb. Das macht sie vielfältig und es ist spannend, sich mit ihnen auszutauschen.

Was ist das Ziel, das Sie mit der Gefängnisarbeit haben?
Ich will den Auftrag von Jesus aus der Bibel (Matthäus, Kapitel 25, Vers 36) erfüllen: «Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht.» In diesem Vers steht nichts von «bekehren». Meine Aufgabe ist, zu besuchen und Beziehungen zu den Männern im Knast aufzubauen. Vielleicht gelingt es mir, über ein gemeinsames Interesse eine Brücke zu bauen oder es gilt einfach, sich den ganzen aufgestauten Frust anzuhören. Auch wenn wir das Gefühl haben, Straftäter seien brutal, sind sie sehr sensibel und spüren, ob ich Interesse an ihnen habe oder meine «Religion verkaufen» will.

Trotzdem werden mir oft Fragen über den Umgang mit der Schuld gestellt. Dann kann ich über meine Erfahrungen mit Gott sprechen. Ich will nicht erreichen, dass er meine Erfahrungen kopiert, sondern dass er seinen eigenen Zugang zu Gott und Jesus findet und schlussendlich Antworten für die Fragen der Schuld bekommt. Mose, David und Paulus sind Beispiele dafür, dass Gott sogar Mörder nicht einfach auf die Seite stellt, wie wir es tun würden. Gott hat gerade diese drei biblischen Personen genommen und ihnen Führungsaufgaben übertragen. Aus dieser Perspektive ist mein Gesprächspartner nicht nur ein Täter, sondern ein Mensch, mit dem Gott etwas vorhaben kann.

Wie läuft eine solche Begegnung ab? Was geschieht, wenn sich das Gitter hinter ihnen schliesst?
Die Häftlinge sind sehr offen. Manchmal bin ich wie ein Kehrichteimer. Sie können alles rauslassen und sie wissen, was sie mir sagen, das bleibt bei mir. Nichts wird in einem Protokoll festgehalten. Es hat keinen Einfluss auf ihre Zukunft. Sie können offen sein und sagen, was sie beschäftigt.

Wenn Sie wie ein Kehrichteimer sind, was tun Sie damit? Wie werden Sie das los? Woher holen Sie Ihre Kraft?
Es fällt mir relativ einfach loszulassen, wenn ich durch die verschiedenen Türen gehe, bis ich aus dem Gefängnis raus bin. Ich kann es beim letzten Tor lassen. Wenn ich dann wieder reingehe, nehme ich den Faden wieder auf. Auch mit Gott kann ich das besprechen. Und ohne dass ich Details sage, kann ich mit Freunden, die ähnliches machen, Dinge besprechen und dann seinlassen.

Wann ist ein Besuch im Gefängnis für Sie ein Erfolg?
Wenn mein Gegenüber völlig frustriert in ein Gespräch kommt, nur eine einzige Lösungsstrategie für seine Probleme sieht und am Schluss des Gespräches von sich aus neue Wege erkennt. Nicht weil ich ihm diese Lösungen vorgeschlagen habe, sondern weil er durch meine gezielten Fragen über den Sinn einer fragwürdigen Lösungsstrategie selber nach anderen Möglichkeiten sucht. Wenn ich dem Gefangenen sagen kann, dass ich in diesem Gespräch selber etwas gelernt habe, dann ist der Erfolg vollständig.

Erleben Sie auch Erfolgsgeschichten?
Ich erlebe es schon, aber nicht so, dass es von einem Moment auf den anderen passiert. Es ist ein Prozess. Mit der Zeit werden Leute offener.

Einer machte mir eine Zeichnung. Auf dieser stellte er dar, dass er, als ich das erste Mal kam, er 100 Prozent Hindu war, dann nur noch zu 50 Prozent Hindu und zuletzt 100 Prozent für Jesus. Es geht nicht sofort und wenn sie gläubig werden, sind die Muster der Vergangenheit noch drin.

Sie sind auch für Personal und Familien da. Wie sieht das aus?
Beim rein- und rausgehen habe ich mit dem Personal kurze Kontakte. Als «Prison Fellowship» bauen wir nun auch die Unterstützung für die Familie aus. Wir merken, dass die Leute im Gefängnis durch Seelsorge und Sozialdienst eine Betreuung haben. Aber daheim ist eine Familie, die damit konfrontiert ist. Plötzlich ist der Mann weg und hinter Gittern. Da wollen wir verstärkt helfen. Eine Frau, die einst selbst betroffen war, hilft uns dabei.

Wer ist Prison Fellowship?
Wir wurden von Charles Colson gegründet, der in den Watergate-Skandal verwickelt war. Er kam ins Gefängnis und wurde dort Christ. Er gründete Prison Fellowship. Inzwischen sind wir in vielen Ländern vertreten, seit 20 Jahren auch in der Schweiz. Im Team für das Lenzburger Gefängnis sind etwa 15 Leute, die regelmässig gehen und nach Thorberg etwa sechs, einzelne gehen auch nach Hindelbank.

Was ist Ihnen bei Ihrer Arbeit wichtig?
Meine Haltung ist, dass Gott niemanden auf die Seite stellt. Zum Beispiel bei Mose, der beging einen Mord, Jahre später brauchte Gott genau ihn. Oder auch andere. David. Saulus. Es gibt mehrere Beispiele bei denen man sieht, dass Gott ganz anders auswählt, als wir Menschen.

Datum: 25.03.2013
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Jesus.ch

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