Christsein

Zeugnishaft und evangelistisch leben

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14'000 Christinnen und Christen wurden gefragt: «Wer oder was war verantwortlich dafür, dass Sie zum Glauben an Jesus Christus und zu einer Gemeinde gefunden haben?». Zwischen 75-90% der Gefragten gaben an, dass weder eine persönliche Notlage, noch eine Grossevangelisation oder kirchliche Angebote  etc. entscheidend waren, eine Beziehung zu Jesus Christus zu wagen, sondern das schlichte zeugnishafte Leben von Freunden und Verwandten.

Daraus folgt: Allerlei öffentliche Aktionen, bei denen die Verkündigung des Evangeliums (gute Nachricht) im Vordergrund steht, sind zweifelsfrei wertvoll, wenn sie als Ergänzung zur Beziehungspflege eingesetzt werden. Eine Gefahr besteht darin, dass wir zu Ersatz statt Ergänzung neigen. Daher stehen oft Aufwand und Ertrag nicht im richtigen Verhältnis. Es kann nicht darum gehen, dass wir uns auf punktuelle Veranstaltungen beschränken und diese machen, so kostbar sie auch sein mögen, sondern dass wir erkennen: Wir sind letztlich Gottes Veranstaltung, durch die andere veranlasst werden, sich Jesus Christus zuzuwenden.

Einige Bibelgruppen für Studierende haben für sich folgenden Leitsatz formuliert: «Menschen fördern – mit Menschen teilen – Menschen für Jesus Christus gewinnen». Mit letzterem tun sich erfahrungsgemäss viele schwer. Trotzdem: Die Verbreitung und Verkündigung der guten Nachricht von Jesus Christus, in welcher Weise auch immer sie erfolgt, ist kein Bereich neben anderen und lässt sich daher nicht einfach delegieren, zum Beispiel an besonders «Evangelisationsbegabte». Wer in Jesu Nachfolge tritt, dem wird die Universalrolle anvertraut, wann auch immer sich die Gelegenheit dazu ergibt, andere Menschen zu Jesus Christus zu führen.

Es ist jedoch wenig hilfreich und nicht richtig, alle Christen dauernd überzeugen zu wollen, dass sie ständig evangelisieren müssen. Wir  fordern sie ja auch nicht auf, ständig zu leiten oder zu lehren. Es kann nicht darum gehen, Gläubigen ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie z.B. an der Uni nicht gleich jedem Banknachbarn ein evangelistisches Traktat unter die Nase strecken oder dem Diskussionspartner in der Mensa vom Evangelium erzählen. Dies könnte eher schaden denn nützen. Was jedoch gilt: Die Duftnote des Evangeliums soll in unserer ganzen Lebensführung ein angenehmer Wohlgeruch und für andere ansteckend sein!

Im Neuen Testament fällt auf, dass das Hauptwort «Evangelisation» nicht existiert, der «Evangelist» nur in Apostelgeschichte, Kapitel 21, Vers 8 (Philippus, der auch Diakon war!) und im Epheserbrief vorkommt (Epehser, Kapitel 4, Vers 11), hingegen das Verb «evangelisieren» über 90 Mal. Und wenn man vom griechischen marturia (aktives Auftreten und Aussagen als Zeuge) ausgeht, bedeutet dies: Das Erfahrene soll durch das Zeugnis evident werden. Aber wie geschieht das? Fünf zeugnishafte Stossrichtungen seien genannt.

1. Geh-hin-Evangelisation

Tom Forrest, ein katholischer Priester, der den früheren Papst davon überzeugt haben soll, die 90er Jahre zum «Jahrzehnt der Evangelisation» zu erklären, weist darauf hin, wie oft das Wort «gehen» in der Bibel vorkommt (über 2000 in der Luther-Bibel, davon über 600 mal im Neuen Testament und davon weit über 100 mal allein im Matthäus-Evangelium). Jesus gibt seinen Jüngern immer wieder die Anweisung zu gehen: «…gehet vielmehr zu den verlorenen Schafen…» (Matthäusevangelium, Kapitel 10, Vers 6), «…gehet an die Kreuzungen der Strassen und ladet zur Hochzeit ein…!» (Matthäusevangelium, Kapitel 22, 9), «Darum gehet hin und machet alle Völker zu Jüngern…» (Matthäusevangelium, Kapitel 28, Vers 19). Das Evangelium hat offenbar «Gehstruktur», will unterwegs sein hin zum Nächsten.

Wenn wir in der Wüsten wären und eine Oase entdeckt hätten, dann wäre es extrem unfair und egozentrisch, den Verdurstenden um uns herum nicht auf die Quelle hinzuweisen, wo sie ihren Durst löschen können. Oder um es mit einem abgewandelten Lutherwort zu sagen: Evangelisation ist, wenn ein Bettler dem anderen sagt, wo es etwas zu trinken gibt. Das Grundmotiv muss sein: Die frohe Botschaft von Jesus Christus ist zu wichtig und zu gut, als dass wir sie anderen gegenüber verschweigen dürften. Wer einmal begriffen hat, was für eine froh-machende Botschaft das Evangelium ist, der wird sie nicht für sich behalten können!

2. Dialogische Evangelisation

Hingehen zum Nächsten heisst aber nicht, ihm den eigenen Glauben überzustülpen wie ein Kolonialherr, der jemanden zum Glauben zwingt. Glaube kann nie erzwungen werden, sondern entsteht im Herzen eines Menschen auf Grund einer freien Entscheidung.

Indem wir unser Gegenüber ernst nehmen, ihm zuhören, Anteil nehmen an seinem Leben (Empathie), aber auch hilfreiche Fragen stellen und Lösungswege kommunizieren (wie das Jesus z.B. gegenüber dem reichen Jüngling oder den Pharisäern getan hat), zeigen wir damit die Liebe zum Nächsten. Wer das Gegenüber im Evangelisationseifer meuchlings zu erbibeln versucht und mit Argumentationssalven eindeckt, läuft die Gefahr, dass sich die Person dem Evangelium gegenüber verschliesst. Niemand will schliesslich als blosses Evangelisationsobjekt betrachtet werden.

3. Monastische Evangelisation

Über das Gemeinschaftsleben der ersten Christen, welche beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und in den (gemeinsamen) Gebeten blieben, wird berichtet, dass sie Gunst beim ganzen Volke besassen und täglich Menschen hinzugefügt wurden, welche errettet wurden (Apostelgeschichte, Kapitel 2, Verse 42-47). Daraus lässt sich ableiten, dass dort, wo Christen, in welcher Gemeinschaftsform auch immer, Leben teilen, dies eine Ausstrahlungskraft für andere hat.

Wir könnten in diesem Zusammenhang von monastischer (mönchischer) Evangelisation reden. Kommunitäre Gemeinschaftsformen (Klöster, Bruderschaften wie Taizé etc.) oder vorkommunitäre Gemeinschaftsformen (z.B. Studierendenwohngemeinschaften, verbindliche Kleingruppen etc.) können eine «magnetische» Kraft auf suchende Menschen ausüben.

Das Charakteristische an der monastischen Evangelisation ist nicht primär ihr Unterwegssein zum Nächsten, sondern es geht darum, dass eine von Gottes Liebe durchdrungene Gemeinschaftform Christen wie herumvagabundierende Suchende anzieht und – für kurze oder längere Zeit – mit hineinnimmt in den Duftbereich des Evangeliums.

4. Die zu Evangelisierenden evangelisieren sich selber

Der ehemalige Theologieprofessor Walter Hollenweger prägte einmal den Satz: «Die zu Evangelisierenden evangelisieren sich selber». Damit nahm er Bezug auf eine Reihe verschiedener moderner Theater- und Musikwerke mit biblischem Inhalt (z.B. die Sprechkantate Gomer; das Osterspiel «Er geht uns voran…»), welche er grösstenteils selber verfasste.

Das besondere bei diesen Stücken ist laut Hollenweger, dass ganz unterschiedliche Gruppen von Menschen mitwirken können und sich darunter viele Kirchenferne plötzlich mit der biblischen Botschaft auseinandersetzen müssen und sich sozusagen «selber evangelisieren». Hollenweger meint: «Da singen Nichtchristen christliche Texte. Dadurch werden sie selber evangelisiert.»

Hollenweger fordert heraus, Noch-nicht-Christen einzubeziehen (z.B. in christliche Projekte), ihnen eine Verantwortung zu übergeben, damit sie sich mit dem christlichen Glauben bzw. der Bibel auseinandersetzten können und dadurch auf natürliche Weise Evangelisation an sich selber betreiben.

5. Dienende Evangelisation (Servant Evangelism)

Wer von Gottes Liebe wirklich berührt ist, den drängt es, diese Liebe auch praktisch weiterzugeben. Wir leben in einer Welt, in der man nichts geschenkt bekommt und sich alles selber verdienen muss. Von nichts kommt nichts! Eine Welt, in der echte bedingungslose Liebe Mangelware ist. Und wie ist das bei Gott? Er will, dass jeder Mensch seine überwältigende Liebe erfährt und in eine freundschaftliche Beziehung zu ihm kommt. Darum ist unser Auftrag: Dieser Welt mit seiner Liebe zu dienen. «Wer unter euch gross sein will, der sei euer Diener… (Matthäusevangelium, Kapitel 20, Vers 16), hält Jesus fest und fordert heraus zum Fusswascherdienst. Kleine Dinge mit grosser Liebe tun, das wird die Welt verändern und ist das Motto der dienenden Evangelisation (Servant Evangelism).

Ein Beispiel: Einmal stand ich mit dem Einkaufswagen vor der Migroskasse in der Warteschlange. Die Frau vor mir, eine Ausländerin, bemerkte erst, als sie zahlen wollte, dass sie ihr Portemonnaie zu Hause vergessen hatte. Die Situation erkennend, bot ich der Frau spontan an, ihren Einkauf zu bezahlen. Sie könne mir ja den Betrag später zurück geben. Die Frau musterte mich ungläubig und nach einigem Widerstand nahm sie schliesslich meinen Vorschlag an. Da ich nicht in Eile war, anerbot ich der Frau, ihr doch gleich ihre beiden Taschen nach Hause zu tragen. Sie wohnte etwa 10 Minuten vom Einkaufszentrum weg. Noch einmal schaute mich die Frau verdattert an und nickte dann. Bei ihrem Wohnblock angelangt, holte sie das nötige Geld in der Wohnung und überreichte es mir mit der Frage: «Sie sind sicher ein Christ, oder?»
Dienende Evangelisation braucht keine Spezialisten. Wir alle sind gefragt, kleine Dinge mit grosser Liebe zu tun!

Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von den VBG zur Verfügung gestellt.

Datum: 10.07.2011
Autor: Phillipp Aebi
Quelle: Bausteine/VBG

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