Kirche anders denken?

Reformation als andauernder Prozess

«Ecclesia reformata, semper reformanda» ist kein Statement von Martin Luther. Vielmehr unterstreicht die moderne Kirche darin, dass sie beständig nach dem Wort Gottes reformiert werden und sich neu daran orientieren muss.
Martin Luther Statue

Was heute als «Reformation» bezeichnet wird, hat die christliche Landkarte für immer verändert. Die sogenannten Protestanten zeigten anhand der Bibel auf, dass weder die damalige Busspraxis noch die Strukturen der Kirche schriftgemäss waren. Sie wandten sich neu der Bibel zu und hielten fest, dass diese die alleinige Autorität in allen Fragen des christlichen Glaubens und der christlichen Praxis hätte, also weder Menschen noch Institutionen oder Traditionen. Dabei orientierten sie sich wieder an biblischen Massstäben wie der Erlösung durch den Glauben und nicht durch Werke, dem Priestertum aller Gläubigen, der Vorrangstellung der Heiligen Schrift und der Kraft der Gnade Christi, die in uns wirkt, um nur einige zu nennen.

Eine anhaltende Veränderung

Im 16. Jahrhundert erlebte die christliche Kirche eine Umwälzung, die sie bis heute beeinflusst. Die «Protestanten» protestierten gegen theologische Überzeugungen der damaligen Zeit, die sich nur schwer durch die Heilige Schrift rechtfertigen liessen; sie deckten Auswüchse weltlicher Macht in der Kirche auf und zeigten Strukturen und Praktiken in der Kirche, die nur auf Tradition beruhten, sich aber weder in der Bibel noch bei Jesus oder den Aposteln wiederfinden liessen.

Wegen der Grösse der Veränderungen dachten viele Christen, jetzt wäre alles geregelt – ein für alle Mal, doch das konnte gar nicht sein: Dass Christen damals auf die damaligen Missstände der Kirche hinwiesen, war wichtig, aber es immunisiert nicht gegen heutige Entwicklungen.

Eine beständige Veränderung

Eine typische Einordung der Reformation kommt von dem Theologen Karl Barth. Er formulierte den Satz, dass die reformierte Kirche sich ständig weiter reformieren sollte. Damit unterstrich er, dass das Werk der Reformation in der Kirche fortwährend stattfinden müsste. Reformation war keine einmalige Neuorientierung in der Vergangenheit, sie ist vielmehr eine bleibende Aufgabe der Gegenwart.

Können wir tatsächlich nicht mehr die Fehler der Vergangenheit machen? Doch – denn wir sind genauso menschlich wie vorige Generationen. Damit ist Reformation auch ein Thema für uns. So wie sich Kirche früher vom Evangelium entfernt hat, so kann sie sich auch heute vom Wort Gottes entfernen – sie ist permanent reformbedürftig.

Ein beständiges Hinterfragen

Kirche ist dann Kirche, wenn sie sich ständig hinterfragt und wieder neu auf ihre Basis ausrichtet. Dabei sind folgende Aussagen klar:

- Die Kirche ist ständig reformbedürftig.

- Ihre Arbeit ist nie erledigt.

- Wir sollten immer Fragen stellen.

- Die Basis dafür ist die Bibel mit ihren Aussagen.

- Der Massstab ist das Beispiel von Christus.

- Wir müssen uns immer wieder neu prüfen.

- Immer sollten wir dazu bereit sein, auch schwierige Diskussionen zu führen.

- Ausserdem sollten wir darauf vertrauen, dass die Wahrheit, die wirklich die Wahrheit ist, auch nach einer Überprüfung noch als Wahrheit gelten wird.

Fragen, die darüber hinaus weiterhelfen, sind folgende:

- Ist das biblisch belegbar?

- Ist es christusähnlich?

- Ist es mit dem Evangelium vereinbar?

- Ist es mit der Berufung der Kirche vereinbar?

- Steht es im Einklang mit dem grössten Gebot, Gott und den Nächsten zu lieben? (Matthäus, Kapitel 22, Vers 37-40)

- Dient es zur Verherrlichung Gottes?

Wenn die Antwort auf eine dieser Fragen nein lautet, dann heisst es, den entsprechenden Bereich neu zu denken und ihn sogar zu ersetzen. Eine Veränderung wie diese war schon immer die Tradition der Reformation, und sie ist ständige Aufgabe der Kirche heute: «ecclesia reformata, semper reformanda.»

Dabei geht es nie um eine Veränderung um der Veränderung willen. Stattdessen ist eine demütige Offenheit im Fokus, bei der sich Christen bzw. Kirche selbst regelmässig untersuchen und überprüfen, Anpassungen vornehmen und sich ständig am Wort Gottes ausrichten.

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Datum: 24.08.2022
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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