Was Ostern für die Christen bedeutet

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Grünewald "Die Kreuzigung"
Warum feiern wir Ostern? Osterhasen, Ostereier und Ostergeschenke - Ostern ist immer mehr zu einem Frühlingsfest geworden. Dabei ist in Vergessenheit geraten, dass es einen religösen Ursprung hat. Heute wollen wir an den christlichen Inhalt des Festes erinnern, erklären, warum in der katholischen Kirche Ostern, in der evangelischen Karfreitag als höchster Feiertag gilt. Außerdem stellen wir christliches Brauchtum vor. Am Ostersonntag erzählen wir an dieser Stelle, warum der Osterhase kommt.

Für Karl Barth war "der Grünewald das Wichtigste". Als junger Mann hatte er eine Abbildung des berühmten Isenheimer Altares in seinem Studierzimmer. Kurz vor seinem Tod schrieb der evangelische Theologe, der zu den bedeutendsten des 20. Jahrhunderts zählt, dass "das Grünewaldsche Passionsbild nun seit 50 Jahren vor mir hängt". Das Altarbild aus dem 16. Jahrhundert, ein Werk von epochalem Rang, hat ihn ein Leben lang begleitet und inspiriert. Zusammen mit Martin Luthers Kreuzestheologie markiert es eine geistige Zäsur, die bis in die Moderne prägend bleiben sollte.

Das erste christliche Jahrtausend hatte sich noch generell geweigert, das Kreuz als Zeichen der Schmach und des Leidens darzustellen. Es galt vielmehr als Ausweis des Sieges über den Tod. Und der Gekreuzigte erschien stets in der Rolle des Herrschenden und Triumphators. Folge war, dass der Karfreitag als Erinnerung an den Todestag Jesu verblasste, dagegen das Osterfest umso pompöser und feierlicher strahlte. Luther empfand diese, wie er es nannte,
"Theologie der Herrlichkeit" als Ärgernis und Illusion. Nur das Kreuz nenne die Dinge wirklich beim Namen, betonte er. Denn das Kreuz zeigt, dass Gott den Menschen zerstören kann, wie er auch seinen Sohn zerstört hat. Gott ist nicht nur lebensfördernd, sondern auch lebenszerstörend. Nicht "pax, pax", solle man predigen, sondern "crux, crux", forderte Luther. Das Kreuz bedeute Schmach, Elend und Schande - es zeigt die irdische Realität, wie sie ist und beschönigt nichts.

Zeitgenosse Luthers war der Maler Matthias Grünewald. Genau in den Jahren, als Luther erste Gedanken zu seiner Kreuzestheologie als Gegenprogramm zu dem kirchlichen Triumphalismus der Auferstehung entwarf, vollendete der Künstler 1515 die wohl radikalste Darstellung eines Sterbens Jesu. Beide haben sich nicht gekannt, aber beide verfolgten unabhängig voneinander das Anliegen, der von der Papstkirche praktizierten Verharmlosung des Kreuzestodes als beiläufige Vorstufe der Auferstehung entgegenzutreten.

Grünewalds Altarbild ist die perfekte Illustration der Gedanken Luthers. Auftraggeber waren die Isenheimer Antoniner, ein Orden, der in dem Städtchen ein Heim für schwer leidende und unheilbar Kranke unterhielt. Zehn bis zwanzig Kranke waren offenbar in dem Ordenshaus als Dauerpatienten untergebracht. Sie alle hatten die Verpflichtung, zusammen mit den Mönchen zum Chorgebet zu erscheinen. Für die auf Genesung Hoffenden war das düstere Kreuzesbild täglicher Anblick: Die innere Not des Sterbens ist dem toten Jesus noch ins Gesicht geschrieben - der halbgeöffnete Mund mit gequollener Zunge, die Mühe der letzten Atemzüge und in den steilen Stirnfalten die Anstrengung der letzten Bewusstseinsmomente.

Grünewald waren die Verhältnisse in dem Isenheimer Siechenheim zweifellos bekannt. Er wollte den Kranken bewusst vor Augen halten, dass selbst dem Sohn Gottes die Qual des Sterbens nicht erspart blieb, weder durch einen wunderbaren Eingriff, noch durch einen besonderen Trost vom Himmel. Jesus starb keinen himmlisch-sinnvollen Tod, er starb vielmehr als Mensch - elendig und mühselig. Nichts anderes konnten die kranken Betrachter auch für ihr Leben erwarten. Insofern überließ sie das Altarbild der Trostlosigkeit ihres Schicksals.

Diese Drastik Luthers und Grünewalds hat im Denken des Abendlandes tiefe Spuren hinterlassen und vor allem den Protestantismus geprägt. Gott ist fern und unverständlich - gar gleichgültig, dauernd abwesend oder tot. Ebenso fremd, verstörend und unerklärlich bleibt das Rätsel des Leidens, nicht neutralisierbar oder übertünchbar durch fromme Deutungen. Im Unterschied zur katholischen Kirche gilt in der evangelischen Kirche nicht Ostern, sondern der Karfreitag als höchster Feiertag. Dagegen gelangte im Katholizismus der Tag des Kreuzestodes Jesu erst durch das Zweite Vatikanische Konzil in den Rang eines offiziellen Feiertages.

Wie schwer sich auch heute noch manche Gemeinde mit Grünewalds Erfahrungen tut, zeigt die Episode einer katholischen Pfarrei im oberfränkischen Kronach. "Dieser Christus glotzt uns dauernd an", kritisierten die Gläubigen. Sie nahmen Anstoß an dem drei Meter hohen Kreuz eines zeitgenössischen Künstlers in ihrer Kirche. Schließlich stimmte die Mehrheit, einschließlich des Pfarrers, dafür, es wieder abzuhängen. Die Darstellung betone zu sehr das Leid und berücksichtige nicht die Symbole der Hoffnung und der Auferstehung, hieß es zur Begründung.
Grünewaldsche Passionsbild

Datum: 17.04.2003
Autor: Martin Gehlen
Quelle: Jesus.ch

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