Ihre Tage sind gezählt

Wir stehen immer wieder der Tatsache gegenüber, wie kurz das Leben eigentlich ist. Es ist wie Gras - man sät
es, es wächst, es wird gemäht und ist schliesslich nicht mehr da. Es ist wie Wind oder Dampf - vergänglich und flüchtig. Es ist wie ein Weberschiffchen, das wie aus einer Pistole geschossen über den Webstuhl schleudert. Es ist wie eine Handbreite - wie das kurze Streifen der Handfläche. Will Houghton hatte recht, als er sagte, das Kinderbett und der Sarg seien aus demselben Holz geschnitzt.

Heute sehen wir z. B. ein kleines Mädchen mit seinem reizenden und netten Lächeln und der zarten Haut. Wenn es strahlend seine Bewunderer anschaut, ist es einfach eine in rosafarbene Tücher gehüllte Schönheit. Warte ein paar Jahre, und sie schmückt sich mit Rüschen und Spitzen, mit Bündchen und Perlen. Vor einer Minute noch spielte sie zu Hause mit ihren Puppen, jetzt springt sie schon wieder über den Bürgersteig. Ehe man es überhaupt merkt, ist sie zu einer Jugendlichen herangewachsen, die nur noch Augen hat für Kleidung und Make up und ihre erste Verabredung wagt. Dann findet sie Erfüllung in der Ehe und in der Mutterrolle, schliesslich ist sie Grossmutter - reif, sanft, voller Weisheit, die sie durch Erfahrungen gesammelt hat.

Oder nehmen wir einen kleinen Jungen, ein in Blau gewickeltes Bündel. Bald schon ist er ein Junge, der seinen Eltern zu einem kostenlosen Psychologie-Lehrgang verhilft und der es versteht, sie bis an die Grenzen der Geduld zu treiben, bevor er wieder ganz behutsam das Feld räumt. Mit Taschen voller Würmer, Frösche, Nägel und Steine dreht er seine ersten Runden auf dem Fahrrad. Tagsüber mag er sich wie ein Bengel benehmen, doch wenn er in seinem Bettchen liegt, erscheint er eindeutig wie ein Engel. In den Teenager-Jahren will er unbedingt so sein wie die anderen und kümmert sich sehr intensiv um Kleidung und sein Äusseres. Er ist dreist und schüchtern zugleich, zuversichtlich und unsicher, romantisch und ein entschiedener Junggeselle. Als Mann ist er der Handelnde, trägt die Familienlast und die Geschäftsverantwortung. Er versucht, 30 Stunden in einem 24-Stunden-Tag unterzubringen und sein Geld zu strecken, um die immer höher werdenden Ausgaben begleichen zu können. Schon bald ist er ein alter Mann, dessen Körper nicht mehr das verwirklichen kann, was der Geist eigentlich möchte. Er sieht sich die hübschen jungen Leute an und sagt sich: »So war ich auch einmal.«

Wenn die Kürze des Lebens uns überhaupt etwas lehrt, dann folgendes: Was immer wir auch planen, wir sollten uns beeilen. Die Zeit wird sicher nicht warten!

Fortsetzung: Das Heute - Generalprobe für die Ewigkeit


Autor: William Mac Donald
Quelle: Man lebt nur einmal

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